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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.07.2009

Der europäische Islam

Kontroverse unter den Intellektuellen

Von Michael Hollenbach

Muslimische Intellektuelle debattieren die europäische Rolle des Islams (AP)
Muslimische Intellektuelle debattieren die europäische Rolle des Islams (AP)

Auch die Vertreter eines europäischen Islams haben durchaus unterschiedliche Vorstellungen, wie der Koran zeitgemäß zu interpretieren. Nicht nur Reizwörter wie Scharia und Dschihad sorgen für eine heftige Kontroverse unter muslimischen Intellektuellen.

"Euro-Islam ist eine Kombination europäischer Lebens- und Denkweise mit dem Glauben des Islams, aber reformiert."

Der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi hat vor 17 Jahren zum ersten Mal den Begriff Euro-Islam in die Diskussion eingeführt.

"Im Euro-Islam gibt es keine Scharia und kein Dschihad. Viele Muslime sagen, ohne Scharia und ohne Dschihad gibt es kein Islam. Wenn sie ehrlich sind und informiert sind, was Scharia und Dschihad bedeuten, dann können sie leicht zum Ergebnis kommen: Scharia und Dschihad sind nicht verfassungskonform. Das heißt: Wenn ich an den Islam glauben will und will an Scharia und Dschihad festhalten, dann kann ich nicht auf dem Boden des Grundgesetz stehen."

Der streitbare gebürtige Syrer Bassam Tibi greift jene Bedenken auf, die man hierzulande immer wieder gegen die Scharia anführt: Die islamische Rechtsordnung bedeute die Unterdrückung der Frau, verhindere eine Freiheit des Glaubens, beinhalte ein rigoroses und brutales Strafsystem. Das sagt Bassam Tibi als bekennender Moslem.

"Ich würde nie sagen, etwas, was im Koran steht, ist falsch, aber es gibt Dinge, die im Koran stehen, also zum Beispiel Peitschen ist erlaubt im Koran. Im 7. Jahrhundert war es so, und das geht im 21. Jahrhundert nicht, und deshalb sage ich: Das, was im Koran steht, ist nicht falsch, aber eine historische Aussage. Sie gilt für die Zeit der Offenbarung, sie gilt aber nicht für unsere Zeit. Es gibt spezifische Aussagen im Koran, die gebunden sind an Raum und Zeit, und es gibt Aussagen, die universell sind."

Das sieht Bülent Ucar ähnlich. Der 32-Jährige ist Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Bülent Ucar würde allerdings nicht so weit gehen, zu behaupten, dass sich ein europäischer und demokratischer Moslem von der Scharia verabschieden müsse:

"Viel wichtiger ist: wie werden die Texte durch die gläubigen Menschen wahrgenommen und ausgelegt, und an dieser Stelle ist Exegese wichtig, Hermeneutik wichtig, und letztlich ist das eine Frage der Auslegung und Interpretation. … der Menschen."

Bülent Ucar weist darauf hin, dass 90 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime keinen Konflikt sehen zwischen dem Islam und der demokratischen Ordnung und den Verfassungen in Europa.

"Natürlich werden konservative Salafisten nach saudischer Couleur diese Frage negativ beantworten und sagen, dass der Koran eins zu eins in unsere Zeit zu übertragen ist, dass dieser buchstäblich zu verstehen ist; ich dagegen - und nicht nur ich, sondern viele andere muslimische Theologen würden das anders wahrnehmen und sagen, dass auch religiöse Texte, seien sie nun Wort Gottes oder nicht jeweils im Zeitgeist zu verstehen sind und teleologisch, also zielgerichtet zu verstehen sind."

Genauso wenig, wie man alles, was in der Bibel steht, wortwörtlich auffassen könne, dürfe man auch nicht den Koran eins zu eins als Folie für die Moderne nehmen.

Ucar: "Um ein Beispiel aus dem Koran zu zitieren: Es ist im Koran die Rede davon, dass man sich Pferde anschaffen soll, um eine ordentliche Verteidigung aufzubauen. Sie werden heute keinen Moslem finden, der für die Verteidigung eines Staates Pferde anschaffen wollen würde, sondern das muss man weiter denken, was war ursprünglich mit Pferden gemeint, und dann muss man das entsprechend weiter denken."
Allerdings: Die historisch-kritische Methode der christlichen Theologie hat das Neue Testament so gründlich untersucht, dass von den hitorisch verbürgten Jesus-Worten nicht viel übrig geblieben ist. Das sieht die überwältigende Mehrheit der Muslime bezogen auf den Koran ganz anders: der Koran ist Gottes Offenbarung an den Propheten Mohammed. Für Bassam Tibi ist dieses Verständnis das größte Problem für eine Reformation innerhalb des Islams.

"In anderen Religionen sind Reformen leichter, weil die Muslime glauben, der Koran wurde verbal inspiriert an den Prophet Mohammed und was im Koran steht, ist das wortwörtliche Wort Gottes. Das akzeptiere ich. Wenn Sie daran nicht glauben, sind Sie kein Moslem, aber trotzdem: Allah hat etwas geoffenbart, aber diese Offenbarung ist im Jahr 622/23 geschehen, innerhalb eines Raumes und einer Zeit. Das ist raum-zeitlich begrenzt, und das galt für damals, aber für heute gilt das nicht."

Im Spannungsfeld der Apologeten eines Euro-Islams steht Bassam Tibi am äußeren liberalen Flügel – von Hardlinern verdächtigt des Verrats am Islam und des Säkularismus. Auf der anderen Seite befindet sich Tariq Ramadan, der Schweizer Islamwissenschaftler. Eine schillernde Persönlichkeit, die nur schwer einzuordnen sei, meint Friedmann Eissler, Islamreferent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.

"Tariq Ramadan, ja, was ist er nun: ist er ein Reformer oder ist er ein verkappter Islamist? Das wird so oder so gesehen, er ist vielleicht beides, ein moderner Islamist, der um die Integration der Muslime in Europa, um dessen Willen den Anstrich des moderaten Islam in Kauf nimmt."

"Er studierte Literatur, Philosophie und Sozialwissenschaften in Genf, später Islamwissenschaften in Kairo, er promovierte über den Gründer der Muslimbruderschaft, seinen Großvater Hassan al-Banna …"

Der katholische Theologe Klaus von Stosch stellt Tariq Ramadan vor, der zu einer Gastvorlesung an die Universität Paderborn gekommen ist.

"Er gilt, wenn man dem "time magazine" glauben darf, als der islamische Superstar überhaupt, er wird vom time magazine als einer der 100 wichtigsten Persönlichkeiten überhaupt eingeschätzt, er gilt weithin als ein Vorbild für junge Muslime, dessen Einfluss und Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann."

Tariq Ramadan ist ein smarter, gut aussehender Intellektueller. Der 46-Jährige referiert über ein Kernstück des Euro-Islams, über die Scharia und die Aufklärung. Zuerst setzt sich Tariq Ramadan, zurzeit Professor in Oxford, mit dem Begriff der Scharia auseinander, und weiß, wie er sein Publikum - christliche Theologiestudierende und Moslems anderer Fachbereiche - schnell für sich gewinnt:

"Sie werden sehen, wenn Sie zu einer Gemeinschaft von Muslimen oder in muslimische Länder kommen und nach der Scharia fragen, dann gibt es nicht eine Definition, sondern viele Interpretationen und Definitionen. Auf der anderen Seite wenn Sie zu einer Gruppe in einer westlichen Gesellschaft sprechen, finden Sie hier eine Übereinstimmung: Scharia ist nicht gut. Sie ist wirklich schlecht. Scharia hat zu tun mit einem Strafkatalog, mit Bestrafungen, es hat zu tun mit der dunklen Seite der islamischen Frömmigkeit."

Tariq Ramadan beschreitet einen schmalen Grat: Er verteidigt einerseits die Scharia, andererseits plädiert er für eine Interpretation des Korans, die sich an Raum und Zeit orientiert. Seine Sichtweise: Mit den drakonischen Strafen der Scharia sollten zu Mohammeds Zeiten bestimmte Ziele erreicht werden wie Würde, Gerechtigkeit und Sicherheit. Es gehe nun darum, mit welchen Mitteln man heute diese Ziele erreichen könne. Ramadan, der sich selbst als Reform-Salafisten bezeichnet, wird von den orthodoxen arabischen Geistlichen angegriffen, weil er die heiligen Texte des Korans nicht genügend respektiere.

"Ich sage: Nein. Genau das Gegenteil: Im Namen des Korantextes will ich die Strafen aussetzen – wegen der Gerechtigkeit, wegen der Ziele."

Ramadan plädiert nicht für die Abschaffung der drakonischen Strafen wie zum Beispiel der Steinigung oder des Handabschlagens, sondern tritt für eine Aussetzung dieser Strafen in der islamischen Welt ein. Das macht ihn suspekt bei Nicht-Moslems. Seine Begründung für eine Art Moratorium der Scharia-Strafen lautet:

"Meine Position ist, dass wir anfangen müssen, darüber zu diskutieren. Ich glaube nicht, dass die Umstände, diese Strafen wieder einzuführen, zurück kommen werden. Aber ich will mit den islamischen Gelehrter in eine kritische Diskussion treten, und nicht stehen bleiben beim dem Verdammen und dem Nichts-Tun, sondern eine kritische Haltung einnehmen, indem ich die Idee vorantreibe, die Strafen zu suspendieren und den Dialog darüber zu eröffnen, was wir wollen. Ich weiß nur eines: Es ist unmöglich, sie anzuwenden, deshalb müssen wir es beenden im Namen des Islams, und nicht um den Westen einen Gefallen zu tun."

Doch gerade dieses Taktieren, dass er sich nicht grundsätzlich gegen die Scharia-Strafen wendet, sondern nur ein Moratorium vorschlägt, macht ihn in den Augen der Skeptiker wie Friedmann Eissler eher unglaubwürdig:

"Nur diese manchmal ausdrücklichen, manchmal zwischen den Zeilen zu vernehmenden Vorbehaltsklauseln, die da sind, al la Demokratie ist derzeit die beste Form, die wir haben, aber in Klammern, vielleicht ist das in 20, 30 Jahren ganz anders, also dieser Vorbehaltscharakter mit Blick auf die europäischen Gesellschaften, das ist, was hier aufhorchen lässt und wo diese Einflüsse, die von außen, auch konservative, traditionalistische, islamistische Einflüsse auch bringen, die sind sehr zu beachten und nehmen auch stark zu."

Ayaan Hirsi Ali gehört nicht zu den Skeptikerinnen, sondern zu den radikalen Kritikerinnen des Islams. Die gebürtige Somalierin, die in einer muslimischen Familie aufwuchs, hat sich später als Politikerin in den Niederlanden entschieden gegen den Islam gewandt.

Als im November 2004 der niederländische Filmemacher Theo van Gogh wegen seiner Islamkritik ermordet wurde, wird auch Ayaan Hirsi Ali bedroht. Die 39-Jährige, die mittlerweile in den USA lebt und ständig unter Polizeischutz steht, lässt sich in ihrer Islamkritik nicht einschüchtern. An eine Reformation des Islam, einen liberalen Islam, glaubt sie nicht:

"So etwas wie einen Euro-Islam gibt es nicht. Islam meint die Unterwerfung unter Allah, er bedeutet, dass man dem Beispiel des Propheten Mohammeds folgt. Er diktiert die Beziehung zwischen Männern und Frauen, zwischen Moslems und Nicht-Moslems, er beauftragt Moslems, die anderen zu konvertieren, erst durch Mission und dann durch den Djihad. Die Europäer und die europäischen Verfassungen sind immer darauf aus, Menschenleben zu beschützen, individuelle Menschenrechte, dass Männer und Frauen gleich sind, Schwule und Heterosexuelle gleich sind.

Es gibt nicht so etwas wie einen Euro-Islam und es wird auch nie so etwas wie einen Euro-Islam geben, das ist quatsch. Das ist eine radikale islamische Bewegung, die versucht Europa zu islamisieren. Wie weit sie kommen wird, hängt von den Europäern ab, aber es ist gefährlich über den Euro-Islam zu reden und zu phantasieren."

Wenn es um die westliche Kritik am Islam geht, dann spielt die Unterdrückung der Rechte der Frauen eine große Rolle. Das weiß auch der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Ucar. Er kritisiert selber die oft frauenfeindlichen Strukturen islamisch geprägter Gesellschaften und die entsprechenden Positionen muslimischer Gelehrter.

Bülent Ucar interpretiert den Koran zeitbedingt. So habe es im 7. Jahrhundert, als der Koran entstand, für einen Mann keine Begrenzung gegeben, wie viele Frauen er heiratet; der Koran habe das dann auf vier Frauen eingeschränkt; für die damaligen Verhältnisse sei das ein Fortschritt gewesen.

"Wenn Sie nun als Moslem in unserer Zeit diese Entwicklung außer Acht lassen und den Koran wortwörtlich verstehen, und auf der Polygamie beharren, sind Sie in der Tat soweit, dass Sie die Entwicklung im Koran nicht wahrnehmen und reaktionär auftreten. Aus meiner Sicht würde das für heute bedeuten, dass Monogamie im Sinne des Islams ist."

Der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi führt noch einen anderen Punkt an, den er Moslems wie Tariq Ramadan zum Vorwurf macht. Die meisten Moslems würden davon ausgehen, dass der Islam als jüngste monotheistische Religion den anderen Religionen überlegen sei:

"Im Koran steht: Allah sagt zu uns: Ich habe euch erschaffen als die beste Gemeinschaft unter Menschen. Wir glauben, dass die Religion des Islam die einzig wahre Religion ist. Andere Religionen glauben das auch so, aber heutige Christen haben gelernt, zu sagen, Christentum ist nicht die einzig wahre Religion, aber Muslime sagen: Der Islam ist die einzig wahre Religion und wir sind anderen überlegen. Und dadurch ist ein Pluralismus nicht möglich."

Das sieht Bülent Ucar allerdings anders. Der inhärente Wahrheitsanspruch einer Religion schließe einen Pluralismus nicht per se aus.

"Monotheistische Religionen wie das Christentum und der Islam, die einen universalistischen Anspruch haben, haben in aller Regel einen absoluten Wahrheitsanspruch, der exklusivistisch ist, entscheidend ist nicht, diesen Anspruch zu haben, sondern entscheidender ist: wie geht man im gesellschaftlichen Leben miteinander um ... Toleranz."

Dieser Umgang im gesellschaftlichen Leben muss sich mit den Gegebenheiten vor Ort auseinandersetzen, betont Bassam Tibi. Der Islam müsse sich inkulturieren, wie das auch schon in Afrika geschehen sei. Der Göttinger Professor verweist auf den Senegal, wo der Islam im 14. Jahrhundert Fuß fasste und heute eine eigene Ausprägung hat.

Allerdings hat sich dieser religiöse Einbürgerungsprozess über mehrere Jahrhunderte hingezogen. Und Genitalverstümmelungen bei Frauen werden vom Koran zwar nicht vorgeschrieben, aber in islamisch-geprägten, afrikanischen Gesellschaften praktiziert.

In welche Richtung sich der Islam in Europa entwickeln wird, ist für Bülent Ucar noch offen:

"So wie der Katholizismus im Rheinland anders verstanden wird als in Brasilien, wird es auch mit dem Islam. Vor allem wird prägend sein für den Islam in Europa die Minderheitensituation, es kann sein, dass das Ganze sich in eine konservative Richtung entwickelt, weil Minderheiten generell dazu neigen. Es kann aber auch sein aufgrund der pluralistischen Gesellschaft hier im Westen, dass sich so etwas wie ein liberaler Islam entwickelt.

Hierfür braucht man jedoch Hochschullehrer, die sich mit ihrer Religion kritisch auseinandersetzen und auch an die neuesten Entwicklungen im Bereich der allgemeinen Wissenschaft anpassen."

In Deutschland gibt es gerade einmal ein Dutzend Hochschullehrer, die sich intensiv mit dem Islam beschäftigen. Noch schwieriger sieht die Situation bei den muslimischen Geistlichen, bei den Imamen, aus.

Ucar: "Religion entsteht nicht in einem geistigen Vakuum, sondern wird geprägt durch bestimmte Autoritäten, und momentan sind zwar die Muslime körperlich seit 30, 40 Jahre, bedingt durch die Arbeitsmigration in Europa, allerdings wird das religiöse Personal durch die Bank durch die Herkunftsländer bestimmt, was zur Folge hat, dass sozusagen eine eigenständige islamische Theologie in Europa sich nicht entwickeln konnte."

Tibi: "Wir haben in Deutschland 2600 Moscheen, und ich kenne keinen einzigen Imam in einer Moschee, der eine europäische Ausbildung hat; wie sollen sie den hier lebenden Muslimen zeigen, wie sie zu leben haben. Dieser Imam würde mir eher sagen: ich darf mich nicht integrieren."

Ucar: "Und deshalb ist es von größter Bedeutung für eine authentische Entwicklung des Islams in Deutschland und Europa, dass man auch Imame hier vor Ort ausbildet, denn nur so können wir auch religiöse Führer haben, die auch über Land und Leute informiert sind, die die kulturellen Sensibilitäten hier in Deutschland kennen und entsprechend in ihrer Gemeindearbeit reagieren können."

Und dass natürlich auch islamische Religionslehrer und -lehrerinnen in Deutschland ausgebildet werden, die den Schülerinnen und Schülern mehr über den Islam vermitteln können als das bloße Auswendiglernen der Suren in den Koranschulen.

Tariq Ramadan - obwohl selbst Hochschullehrer in Oxford - will nicht bei der Theorie und Theologie stehen bleiben. Er plädiert für eine neue Ebene des Diskussion zwischen der Mehrheitsgesellschaft und dem Moslems in Europa. Er sei es leid, von der Politik immer wieder das Mantra zu hören, die Muslime müssten sich besser integrieren:

"Ich habe ein Problem: Ich bin ein Westeuropäer, meine Kultur ist europäisch, und ich spreche aus einer religiösen Tradition heraus. Ich höre immer nur: all die Muslime sollen sich integrieren in diese europäischen Werte! Nein, das ist vorbei. Ich rede nicht mehr über Integration, ich rede über Beteiligung. Der einzige Punkt, der für mich zählt, ist, was jemand in die Gesellschaft einbringen kann. Der entscheidende Punkt ist, was du deiner Gesellschaft gibst, wie du dich einbringst."

Tariq Ramadan versteht die Diskussion um die Umsetzung der Werte als einen Beitrag zu einem europäischen Islam: Ein Euro-Islam, der nicht in der Theorie der theologischen Diskussion verharrt, sondern der sich einmischt. Ramadan setzt dabei vor allem auf junge Moslems, wie auch Bülent Ucar:

"Ich glaube, dass die ältere Generation kein Interesse an einem europäischen oder deutschen Islam haben, weil sie anders sozialisiert sind, sie haben andere Verbindlichkeiten, sie haben andere Heimatgefühle, sie ticken anders als diejenigen, die hier aufgewachsen sind, die hier sozialisiert wurden und deren Heimat Deutschland ist, und deshalb setze ich meine Hoffnung in junge Menschen, die sich in Deutschland zu Hause fühlen, aber gleichzeitig auch religiös sind, und ich glaube, dass der Islam vor allem durch diese Menschen geprägt werden wird."

Noch ist der Euro-Islam erst ein zartes Pflänzchen. Ob er sich tatsächlich zu einem neuen Stamm innerhalb der islamischen Gesellschaften entwickelt kann, hängt vor allem davon ab, in wie weit die Muslime und ihre Religion hier heimisch werden: mit öffentlichen Festen und Feiertagen, mit repräsentativen Moscheen und Minaretten, mit muslimischen Professoren und deutschsprechenden Imamen und Islamlehrern, mit einer europäischen Interpretation des Islams, die kein Export aus der Türkei, aus Nordafrika oder Saudi-Arabien ist.

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