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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 29.05.2007

"Der dümmste Polizeieinsatz, den man sich vorstellen kann"

Buch-Autor Uwe Soukup zum 40. Todestag des Studenten Benno Ohnesorg

Moderation: Matthias Hanselmann

Der Abtransport von Benno Ohnesorg (AP)
Der Abtransport von Benno Ohnesorg (AP)

Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien am 2. Juni 1967 in West-Berlin erschossen wurde, führte zu einer Radikalisierung der Studentenbewegung. Die Gewalt sei hier vom Staat ausgegangen, meint Autor Uwe Soukup, der ein kritisches Buch mit reichlich Fotomaterial zu den Geschehnissen geschrieben hat.

Hanselmann: Der 2. Juni: Seit dem Jahr 1967 ist dieser Tag in Deutschland mit einem Ereignis verbunden, das weitreichende Folgen hatte und hat. Zum 40. Mal jährt sich in diesem Jahr der Todestag des Studenten Benno Ohnesorg. Ohnesorg wurde während einer Demonstration in Berlin von Karl-Heinz Kurras, einem Kriminalbeamten in Zivil, erschossen. Die Demonstration richtete sich gegen den Besuchs des Schahs von Persien. (…) Jetzt ist ein Buch erschienen, das sich mit diesem Tag intensiv beschäftigt, Titel: "Wie starb Benno Ohnesorg – der 2. Juni 1967". Autor des Buches ist Uwe Soukup, den wir hier im Radiofeuilleton herzlich begrüßen. Guten Tag, Herr Soukup!

Uwe Soukup: Guten Tag!

Hanselmann: Was ist an diesem Tag nach Ihren Recherchen passiert, wie hat sich dieser Tag entwickelt, dass es zu diesen Geschehnissen kommen konnte?

Soukup: Vor dem Rathaus Schöneberg am Vormittag um zwölf ist der Schah eingetroffen. Es gab dort Demonstrationen, Kundgebungen von Studenten, ein paar hundert Leute vielleicht. Der Schah von Persien war durch einen Putsch an die Macht gekommen. Dass man so einen hier in Berlin empfängt, dagegen richteten sich die Proteste. Es waren aber nicht nur Protestanten da, es waren auch Schaulustige da. Der Schah war eine schillernde Gestalt in der Yellow Press, und es waren Jubelperser da. Also an dem Tag ist das Wort "Jubelperser" entstanden. Es waren vom iranischen Geheimdienst bezahlte Claqueure, die standen dort, jubelten ihrem Schah zu, hielten die persische Flagge hoch – können sie alles machen, wunderbar. Danach drehten sie sich aber um und gingen mit ihren Holzstangen, an denen sie vorher die Transparente hatten, und mit Holzstöcken und Stahlruten und Totschlägern auf die Demonstranten los. Die Polizei guckte dem zu – sie hatte auch die Absperrungen so aufgestellt, dass das alles so passieren konnte –, guckte dem eine ganze Weile zu und ging dann gegen die deutschen Anti-Schah-Demonstranten vor. Das Ganze hat die Leute unheimlich aufgeregt. Das sprach sich rum in Berlin auf dem Campus über Rundfunk, auch durch die Rundfunkreportagen. Und es war eigentlich dann so, dass auch dadurch bedingt noch mehr Leute abends zur Oper gingen, wo der Schah zur Aufführung der "Zauberflöte" erwartet wurde, um da noch mal seinen Unmut kundzutun. Das ist also dann die zweite Phase am Abend. Als das eigentlich vorbei war und der Schah drin war, begann die Berliner Polizei einen irrsinnigen Polizeieinsatz, den ich in dem Buch versuche festzuhalten, mit vielen Fotos, der dazu führte, dass Dutzende verletzt wurden – blutende Köpfe, blaue Flecken, Prellungen, alles Mögliche –, dass eine ungeheure Panik entstand. Die meisten Demonstranten flüchteten in die Krumme Straße, konnten aber teilweise nicht flüchten, weil da, wo sie lang sollten, da standen ihnen Leute im Weg. Es ist wirklich eine Panik, die Leute sind übereinandergefallen. Irgendwie sammelte sich alles in der Krummen Straße vor diesem unglückseligen Haus mit diesem Parkdeck. Dann kam Polizei, uniformierte Polizei rein, räumte diesen Hof und während dieser Hof eigentlich schon geräumt war und sich der 26-jährige Student Benno Ohnesorg auf diesem Hof aufhielt und von drei Polizisten festgehalten und verprügelt wurde, fiel ein Schuss. Der traf ihn in den Hinterkopf, und er ist an diesen Schussverletzungen innerhalb etwa der nächsten Stunde verstorben.

Hanselmann: Wie ist es dann eigentlich konkret zu dem Schuss auf Benno Ohnesorg gekommen?

Soukup: Der zivile Beamte Karl-Heinz Kurras, ein Beamter der politischen Polizei, der damit beschäftigt war, mit anderen Kollegen zusammen einzelne so genannte Rädelsführer aus den Demonstranten heraus zu verhaften, hat später angegeben, er ist von mehreren Leuten bedroht worden, hat, um zu drohen oder um einen Warnschuss abzugeben, hat er seine Waffe entsichert und gezogen. Dann hat sich ein Schuss gelöst, und der hätte Benno Ohnesorg zufällig in den Kopf getroffen. Es war auch keine Notwehr gegen Benno Ohnesorg, das hat er auch nicht behauptet, sondern andere hätten angegriffen. Es gibt für diese Darstellung nicht einen einzigen Zeugen. Man muss das als eine Schutzbehauptung von Karl-Heinz Kurras ansehen, dass er eine Situation geschildert hat und damit also geschaffen hat vor Gericht, als wahr behauptet hat, die ihn zur Waffe hat greifen lassen.

Hanselmann: Karl-Heinz Kurras ist freigesprochen worden, lebt heute noch in Berlin. Glauben Sie, er kann damit gut leben?

Soukup: Ich glaube, dass man das nicht gut kann. Ich glaube auch, dass Karl-Heinz Kurras mit diesem Schuss nicht gut leben kann, aber das entzieht sich meiner Kenntnis. Ich konnte mit ihm nicht sprechen. Er hat einen Gesprächswunsch, von dem er wusste, verweigert aus Gründen, die ich nicht kenne.

Hanselmann: Was ist eigentlich neu an den Erkenntnissen, die Sie jetzt gewonnen haben durch die Recherchen für Ihr Buch? Was hat man so bisher noch nicht gewusst?

Soukup: Das Erste ist, dass diese Räumung von diesem Schlauch so unnötig war wie nur irgendwas. Es ist der dümmste Polizeieinsatz, den man sich überhaupt nur vorstellen kann.

Hanselmann: Dumm oder geplant?

Soukup: Wenn man sich den ganzen Tag ansieht, wenn man sich anguckt, wie die Polizei das am Rathaus Schöneberg aufgestellt hat und dort zugesehen hat und offensichtlich ja auch Bescheid wusste – jedenfalls es sieht so aus, als ob sie wussten, was dort passieren wird, jedenfalls einige. Andere haben sofort gesehen – selbst der Polizeipräsident und auch Albertz, der regierende Bürgermeister damals, der ja in der Folge der Ereignisse dann zurücktreten musste –, die Leute haben sofort gesehen, also einige Polizisten haben sofort gesehen, dass die Situation hoch gefährlich ist. Andere haben sie gut gefunden oder haben es so gelassen und haben zugesehen, das ist schon mal relativ bedenklich, diesen Schlauch vor der Oper einzurichten. Schlauch – muss ich erklären – ist der Gehweg gegenüber der Oper. Da war halt eine Baugrube oder eine Baustelle, da war ein Zaun, und die Leute standen auf dem Gehweg vor diesem Zaun und hatten noch zwei Meter auf dem Fahrdamm, da waren diese Hamburger Reiter, diese Gitter, davor standen Polizisten. Die Demonstranten dort hinzustellen, hat für mich schon etwas, was damit zu tun hat, dass man eine Provokation ins Auge fasst, dass man eine Eskalation ins Auge fasst.

Hanselmann: Wenn Sie sprechen, die Demonstranten wurden dort aufgestellt – wer hat sie denn aufgestellt?

Soukup: Na ja, die Demonstranten, die dort hinkommen, und man lässt den Raum vor der Oper frei, also gegenüber der Oper, dann ist natürlich klar, dass sie da hingehen. Wenn ich dieses Gitter direkt auf die Straßenmitte oder direkt vor die Oper stelle, gehen die Leute auch dahin. Sie gehen ja so nah ran, wie sie können, das ist ja vollkommen klar. Das heißt, man muss sich überlegen, in welcher Entfernung kann ich Leute da ranlassen, und da ist eben dieser eigenartige Vorgang, dass man sie auf Wurfweite herangelassen hat. Und es gab Leute – ist gar keine Frage –, die da Eier, Tomaten oder irgendwas mitgebracht haben und geworfen haben.

Hanselmann: Heinrich Albertz war damals regierender Bürgermeister von Berlin, von Beruf eigentlich Pfarrer. Welche Rolle hat er eigentlich in dem Ganzen gespielt?

Soukup: Eine höchst unglückliche. Es hat ihn ja auch seinen Job gekostet. Er hat abends, als er die Oper betreten hat und es zu diesen Eier- und Tomatenwürfen gekommen ist, hat er einen Offizier irgendwie so angezischt, heißt es immer: "Das will ich nachher aber nicht mehr sehen, wenn ich wieder rauskomme." Das soll, heißt es oft, diesen Einsatz ausgelöst haben. Das stimmt nicht. Dieser Einsatz war 20 Minuten vor acht spätestens schon beschlossen, Albertz kam erst um acht. Es ist aber später Albertz und seinem Senator, Innensenator Büsch, vorgeworfen worden, diesen Einsatz befohlen oder gewünscht oder gewollt oder gebilligt zu haben. Das ist alles nicht der Fall. Was allerdings Albertz am späten Abend gemacht hat, als er noch nicht wusste – und ich glaube, dass es Absicht war, dass man erst nicht erfuhr, dass Benno Ohnesorg erschossen wurde, man wusste irgendwann, es gab einen Toten infolge von Schlägereien, Knüppeleinsatz wie auch immer, vielleicht hätte es ja auch ein Steinwurf sein können, aber es war nicht von einem Schuss die Rede. Albertz wusste nichts von einem Schuss und hat eine Erklärung verbreitet, dass er das Verhalten der Polizei billigt und dass die Polizei sich extrem zurückgehalten hätte usw. usf. Damit war Albertz von der Linken her erledigt, aber auch von vielen Rechten, weil ja jeder irgendwie gesehen hat, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Also Albertz' Versuch, sich mit der Polizei zu solidarisieren, hat ihn seines öffentlichen Rückhalts beraubt, den er dringend gebraucht hätte, als die Partei anfing, der rechte Parteiflügel der Berliner SPD anfing, ihn zu stürzen.

Hanselmann: Bringen Sie als Rechercheur, als Autor, vielleicht ein gewisses Verständnis auf für das Verhalten der Polizei damals, die ja in solchen Dingen, in Demonstrationseinsätzen usw. auch noch relativ unerfahren war?

Soukup: Das hat nichts mit Unerfahrenheit zu tun. Da ist noch was anderes passiert. Die Polizisten sind während des Einsatzes oder kurz vor diesem Einsatz mit der Information versorgt worden, dass ein Polizist von einem Demonstranten erstochen worden sei. Das ist kurz vor acht Uhr gewesen und hat natürlich dazu geführt, dass die Polizisten sich schon aus dem Grund nicht mehr unter Kontrolle hatten, viele. Anderen Polizisten war das auch sehr unangenehm. Ich hebe das mehrmals hervor. Es gibt Leute, die haben sich erkennbar von dem Verhalten ihrer Kollegen distanziert, ohne etwas daran ändern zu können. Dieser Polizist ist ja nicht getötet worden. Es ist eine Erfindung, diese Erfindung ist schwer nachzuweisen, wie sie entstanden ist, es ist irgendwie als Gerücht entstanden, das hat irgendein Journalist verbreitet möglicherweise. Tatsache ist, dass selbst wenn es zugetroffen hätte, hätte man niemals in einen laufenden Einsatz hinein diese Informationen geben dürfen.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, wir sprechen mit Uwe Soukup, dem Autor des Buches "Wie starb Benno Ohnesorg – der 2. Juni 1967". Herr Soukup, Sie sind u.a. Biograf des Historikers und Publizisten Sebastian Haffner, und dieser hat damals im "Stern" den berühmten Bericht geschrieben, in dem er von systematisch kaltblütig geplantem Progrom der Polizei gegen die Studenten sprach. War es ein solches?

Soukup: Aus heutiger Sicht würde ich sagen, war da, ohne dass Sebastian Haffner das recherchieren konnte, war da wahrscheinlich mehr Wahrheit drin, als man es im ersten Augenblick glauben konnte. Denn es gibt eben diese vielen kleinen Elemente, die darauf hindeuten, dass Teile der Berliner Polizei – man kann ja gar nicht sagen alle, man kann auch nicht sagen die ganze Führungsebene, bestimmt nicht der relativ liberale CDU-Vizepräsident Moch damals –, dass es in der Berliner Polizei eine Ebene gegeben haben muss, die Spaß an der Eskalation hatte – ich sag das mal so, ob Spaß das richtige Wort ist, sei dahingestellt –, jedenfalls diese Eskalation mindestens in Kauf genommen hat.

Hanselmann: Dieser 2. Juni 1967 hat damals zu einer unglaublichen Emotionalisierung geführt innerhalb der Studentenszene, hat auch viele andere Menschen so bewegt und so aufgeregt, dass sie sich mit den Studenten solidarisiert haben. Was glauben Sie heute – wir gehen auf den 2. Juni 2007 zu –, welche Bedeutung hat all dies, worüber wir gerade gesprochen haben, für die deutsche Geschichte?

Soukup: Es ist ein wesentliches Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik. Der 2. Juni ist erst mal der Tag, an dem eine friedliche, witzige, gerade beginnende Protestbewegung sehr schnell sich – im Wortsinne – einen blutigen Kopf geholt hat. Das hat zu einer allgemeinen Radikalisierung dieser Bewegung beigetragen. Das ist schon etwas, was eindeutig an diesem Tag angefangen hat. Und da ging die Gewalt vom Staat aus, da beißt keine Maus einen Faden ab.

Hanselmann: Vielen Dank, Uwe Soukup, Autor des Buches "Wie starb Benno Ohnesorg – der 2. Juni 1967", in dem dieser Tag minutiös nachverfolgt wird mit vielen neuen Fotos, die man bisher so noch nicht gesehen hat, und Zeugenaussagen, die man bisher noch nicht gehört hat, erschienen im Verlag 1900 Berlin.

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