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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.04.2010

Der deutsche Wald, vom Rande her gesehen

"Waldfahnen" - Fotografien von Hartwig Klappert in der Stiftung Schloss Neuhardenberg

Von Jochen Stöckmann

Bild aus der "Waldfahnen"-Ausstellung von Hartwig Klappert (Hartwig Klappert)
Bild aus der "Waldfahnen"-Ausstellung von Hartwig Klappert (Hartwig Klappert)

Seit Jahren geht der Fotograf Hartwig Klappert mit der Kamera in Brandenburg auf die Pirsch nach Motiven. Der dichte deutsche Wald, der war nun wirklich augenfällig, und so entstanden Bilder, die Hartwig Klappert "Waldfahnen" nennt und ab sofort in der Stiftung Schloss Neuhardenberg präsentiert.

Schnurgerade gewachsen recken sich die Baumstämme in den grauen, schier endlosen Himmel, davor erstreckt sich ein weites Feld, über und über beschneit. So sah der Fotograf Hartwig Klappert Brandenburgs Wälder, wenn er im Winter aus Berlin in sein Wochenendrefugium in einem umgebauten Dorfgasthaus fuhr. Bis ihm irgendwann auffiel, dass er "Waldfahnen" vor sich hatte: Variationen ein und desselben Grundmusters, wie bei einer in drei Flächen geteilten Flagge, mit gleich hohen Streifen Horizont, Waldkante und verschneitem Vordergrund:

"Wald fotografieren, das tue ich erst seit fünf Jahren. Ich habe mich nicht vorher intensiv um das deutsche Kulturgut Wald gekümmert, muss ich ganz ehrlich sagen, auch in Berlin natürlich nicht. Ich gehe auch nicht in den Wald rein, ich bleibe draußen. So habe ich jedenfalls angefangen, vornehmlich im Winter, wenn alles stark strukturiert war: Es gab also einen grauen Himmel, es gab davor die weiße Fläche und dann diese Waldkante, sodass ich eigentlich nur drei Flächen hatte, eine weißere, eine grauere und eine stark strukturierte."

Den deutschen Wald derart abstrakt in Szene zu setzen, das wäre noch in den 80ern ein gewagtes Unterfangen gewesen, zumindest für einen politisch bewussten und aktiven Fotografen wie Klappert. Er hat damals in Kreuzberg fotografiert, für ein Buch mit dem programmatischen Titel "Architektur, Spielraum für Leben". Bilder von Bäumen waren allenfalls als Beweisstücke fürs Waldsterben gut, fotografiert als pittoreske Skulpturen des Leidens und der Verelendung. Wie er sich jetzt dem Wald nähert, das hat für den studierten Fotodesigner mit einem Seh- und Initiationserlebnis zu tun:

"Ich habe mit Wald-Inseln angefangen. Auf dem Weg in die nächste Kreisstadt finde ich dieses Wäldchen in einem starken Schneesturm. Und es wurde ganz schwarz, es war eine geballte kleine Masse in dieser weißen Umgebung. Das Faszinierende, auch das Mystischere sind für mich diese Wald-Inseln, weil ich da überhaupt nichts weiß! Wie sie entstanden sind, ist schon klar, sie sind irgendwie gewachsen. Aber dass die Bauern auf diesen Riesenfeldern in Brandenburg immer diese kleinen Baumgruppen stehen lassen, die zu dicht bewaldet sind, um irgendwie Vieh Schutz zu bieten. Also: Sonnenschutz kann es nicht sein, Windschutz kann es auch nicht sein, dafür sind sie zu klein."

Auch Klapperts auf den ersten Blick ganz und gar unromantische Waldkanten-Kompositionen bergen einen Rest von Geheimnis, werfen die Frage auf, wie diese ganz und gar nicht "urwüchsigen" Formen zustande gekommen sind. Aber auch direkte Eingriffe in die Natur sind zu sehen, deren brutale Geradlinigkeit mit der Schwarz-Weiß-Ästhetik dieser Farbfotos auf geradezu irritierende Weise harmoniert - insbesondere bei einem eigentlich idyllischen Birkenwäldchen:

"Fasziniert hat mich natürlich diese Schneise, die da drin ist, als ob sie reingefräst worden wäre. Und: Eine Birkenwaldkante hat natürlich selbst in Brandenburg hohen Seltenheitswert. Standard ist natürlich entweder Akazie, Buche an der Kante, also wilde Formen, und eben die Fichte oder Kiefer - an die 'Armee' von Canetti erinnernd."

Der deutsche Wald als Armee geordnet aufmarschierter Krieger, sprich: reckenhafter Baumstämme, da klingt die Lektüre von Elias Canettis "Masse und Macht" an - dessen Interpretation der Fotograf längst verworfen hat. Klappert bringt uns den Wald mit seinen fast zweieinhalb Meter breiten Abzügen buchstäblich nahe: Unter gleichbleibend grauem Himmel schaut man direkt vor diesen Flächen aus Astwerk, den Wald-Fassaden, einer Wand aus Bäumen mit jenem streng vergleichenden Blick, den Bernd Becher durch Serien von Fördertürmen, Hochöfen, Industrieanlagen in der deutsche Fotografie erfolgreich gemacht hat. Ein Konzept, das Klappert eigentlich überhaupt nicht teilt:

"Dieses 'Becher-Schema', also: Bushaltestellen, Fahrradständer, Altenheim, Vororte, Aufenthaltsräume - das ist nur noch ein Abarbeiten gewesen. Ich habe mich auch immer geärgert, weil ich gesagt habe: 'Der Fotograf lässt Licht arbeiten' - und dieser graue Himmel, dieses Standardgrau ist ja eigentlich das Gegenteil davon. Ich fotografiere auch gerne bei anderem Licht, aber diese Waldgeschichten, die muss ich bei diesem grauen Himmel machen, damit es nicht Schatten und Irritationen gibt, also Lichtreflexe zwischen den Stämmen. Ich bin natürlich genau da gelandet, wo ich immer gesagt habe: 'Da will ich auf keinen Fall landen' - bei so einer Becher-Geschichte!"

Das Erfolgsrezept von Bechers Meisterschüler Andreas Gursky allerdings, die beliebige Fotomontage einzelner Versatzstücke, lehnt Klappert vehement ab: Allenfalls Sonnenlöcher oder allzu dramatische Wolken werden retuschiert. Der Wald aber, der bleibt unangetastet. Denn da passiert ja das Wesentliche:

"Also, wenn ein Nadelwald an einen Laubwald trifft, dass der eine Teil knallschwarz ist und der andere zartgrau ist. Da muss Folgendes passiert sein: Es muss in der Nacht wahnsinnig kalt gewesen sein, der dunkle Tannenwald hat Wärme gespeichert, kein Raureif angesetzt, daneben der Laubwald voller Raureif, weiß, hellweiß-grau. Und mich faszinieren wirklich nur diese Töne, Flächen und Strukturen."

So bringt Klapperts nüchtern komponierender Blick auf ein sogenanntes Ökosystem regelrechte Wald-Geschichten hervor. Und hinter dem Strukturalisten taucht ein gewitzter Fotograf auf, der sich außerhalb des Museums mit der Kamera ins Dorfgeschehen einmischt - auf die feine, ästhetische Art:

"Die erste Idee war sofort: Du hältst einmal im Jahr eine Diaschau in der Kirche. Und dann halte ich also auch noch eine Kanzelpredigt und zeige ihnen, was sie alles im letzten Jahr falsch gemacht haben und was alles richtig war: Das ist eine schöne Scheune, so etwas sollte man erhalten. Und der Teich, den ihr da habt austrocknen lassen, ist eine Schande. Und unser Nadelwehr ist eine Sensation, das wollen sie wegmachen und wollen da einfach eine Betonschleuse hinmachen."

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