Seit 15:05 Uhr Interpretationen
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen
 
 

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 06.01.2007

Der Cocain-Wein

Functional food vor 100 Jahren

Coca-Cola - heute ohne Kokain (AP Archiv)
Coca-Cola - heute ohne Kokain (AP Archiv)

Das aus den Blättern des südamerikanischen Coca-Strauches gewonnene Kokain stand ganz sicher Pate an der Wiege des Erfolgs. Die spanischen Eroberer hatten beobachtet, dass die Indios Coca-Blätter kauten, um Hunger zu dämpfen und Müdigkeit zu überwinden. Diese Erkenntnis nutzte Mitte des 19. Jahrhunderts ein französischer Apotheker und mischte Coca-Extrakt in Wein. Der nach ihm benannte "Vin Mariani" erfreute sich schon bald größter Beliebtheit.

Dieser potenten Droge sprachen damals Émile Zola, Jules Verne und Henrik Ibsen ebenso begeistert zu wie der Komponist Charles Gounod oder die Schauspielerin Sarah Bernhardt. Vom "Vin Mariani" ließ sich Thomas Edison inspirieren, ihn genossen die Queen, der Zar und drei Päpste in vollen Zügen. Einer von ihnen, Papst Leo XIII., war von der Kokain-Alkohol-Mixtur so angetan, dass er Mariani eine Goldmedaille verlieh. In Deutschland wurde sogar das Militär hellhörig. 1886 empfahl die "Allgemeine Militär-Zeitung" den Coca-Wein als "neues Verpflegungsmittel im diesjährigen Manöver".

Und wie jedes erfolgreiche Produkt fand auch der "Vin Mariani" kurze Zeit später einen Nachahmer: Der Amerikaner John Stith Pemberton, ein morphiumabhängiger Pharmazeut, stellte um 1880 eine ähnliche Mixtur her und verkaufte sie als "Pemberton’s French Wine Coca". Das weinhaltige Produkt stieß alsbald auf den wachsenden Widerstand der amerikanischen Abstinenzler-Bewegung. Das Kokain jedoch stand damals in gutem Ruf, es sollte vor allem Alkoholismus heilen. So ließ Pemberton den umstrittenen Alkohol weg, kreierte einen Kokain-Drink ohne Wein und nannte ihn "Coca-Cola". Er bewarb seine Kreation konsequent als "Functional food": Coca-Cola sei eine "wertvolle Hirnnahrung, die alle möglichen nervösen Symptome: nervöse Kopfschmerzen, Neuralgien, Hysterie und Melancholie, zur Heilung bringen könne".

Der wichtigste Inhaltsstoff von Coca-Cola war damals tatsächlich das Kokain. Kaum verwunderlich, dass das Unternehmen bald viele treue Kunden besaß, die sehnsüchtig auf die nächste Lieferung ihres Stärkungsmittels warteten. Von den koffeinhaltigen Cola-Nüssen, die den zweiten Teil des Produktnamens bilden, war dagegen vermutlich gar nichts drin, doch mit ihnen ließ sich gut werben, da man ihnen ähnlich positive Effekte auf die Gesundheit nachsagte wie heute den Multivitaminsäften. Das Koffein bezog der Hersteller lieber vom Darmstädter Pharmakonzern Merck.

Als Kokain verboten wurde, schien das Aus für Coca-Cola, den Gesundheitstrank, gekommen. Um den Geschmack nicht zu ändern, nahm man ab 1903 Coca-Blätter, denen jedoch zuvor das Kokain entzogen worden war. Doch damit brach die alte Zielgruppe weg und man brauchte dringend eine neue. Nun nahm die Werbung Jugendliche ins Visier, die sich vom anhaltenden Ruch des Verbotenen, der Coca-Cola umgab, angezogen fühlten. Das war die Geburtsstunde eines Erfrischungsgetränks, das auch ohne Alkohol und Kokain ein Welterfolg wurde.

Entnommen aus: Pollmer, Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper-Verlag 2002

Mahlzeit

GiftspinnenWie die Spinne in die Küche kommt
Eine Jagdspinne (Cupiennius salei)  (picture alliance / dpa / Tom Weihmann / FSU)

Das kann in der Küche schon mal passieren: Eine handtellergroße Jagdspinne krabbelt aus den Bananen. Sind solche Funde nur eklig oder auch riskant? Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer hat den Spinnen mal auf die Giftdrüse gefühlt.Mehr

EntengrützeGeheimrezept für Smoothie-Fans
Enten in Entengrütze schwimmen auf einem See (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Wissenschaftler der Universität Jena haben das Potenzial von Wasserlinsen für die menschliche Ernährung untersucht. Die Entengrütze genannten "Linsen" enthalten nämlich Eiweiß und beugen Mineralstoffmangel vor. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer hält das für gefährlichen Unsinn.Mehr

InduktionskochenGuter Herd ist Goldes wert
Eine Köchin rührt im Schnell-Restaurant "Cha Cha" in Hamburg den Wok auf einem Induktionsherd. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey )

Sie sind der letzte Schrei in der Küche: Induktionsherde. Es sind Herde, bei denen die Töpfe und Pfannen nicht durch eine heiße Platte, sondern direkt per Magnetfeld erhitzt werden. Das Problem: Elektrische und magnetische Felder können auch im Körper Strom erzeugen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur