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Studio 9 | Beitrag vom 17.06.2016

Der Chor der kommentierenden BreslauerDie Kulturhauptstadt singt

Von Margarete Wohlan

Chor der kommentierenden Breslauer (Marcin Kondarewicz)
Chor der kommentierenden Breslauer (Marcin Kondarewicz)

Singen kann jeder – dachte sich Marek Kocot und gründete vor anderthalb Jahren den "Chor der kommentierenden Breslauer", damit Einwohner der Stadt auch zu Wort kommen, wenn Breslau Europäische Kulturhauptstadt ist.

Chorleiter Marek Kocot begrüßt die Chormitglieder, die am Samstagnachmittag zur Probe gekommen sind. 30 Laien, bis auf den Chorleiter und den Komponisten Rafal Karasiewicz – gemeinsam entwickeln sie Lieder, die über ihr Leben in Breslau erzählen. So wie das Lied über die Oder. 

"Die Oder ist für uns Einwohner sehr wichtig! Dass es sie einerseits gibt, sie aber andererseits nicht wirklich für uns erreichbar ist, weil oft unzugänglich. Und es gab viele im Chor, die über sie als allererstes singen wollten. Damit auch andere sie sehen, wertschätzen! Und dann kam die Musik des Komponisten dazu – wow! Das Lied ist so schön – mein Lieblingslied!"

Wir wollen wahrgenommen werden

Für Katarzyna Klakotko, 30 Jahre alt und von Anfang an dabei, war es nicht leicht, dieses Lied in Form eines Shanty zu lernen – wie übrigens für alle Mitglieder. Aber die Idee hinter dem "Chor der kommentierenden Breslauer" ist nicht das perfekte Singen, erklärt Chorleiter Marek Kocot – und versucht es mit einem Bild:

"Ich vergleiche es gern mit den Siedlungen im Wilden Westen – als sie damals gegründet wurden, brauchte man auch Bürgermeister, Scheriffs, Unternehmer, Lokaljournalisten und engagierte Bürger, die sich für ihre Stadt verantwortlich fühlten. Und so ist es mit uns hier auch: Wir leben in Breslau, wählen alle paar Jahre unseren Bürgermeister, haben unsere Sheriffs und Medien – aber wir wollen uns mehr einbringen und mehr wahrgenommen werden!"

Chor der kommentierenden Breslauer (Lukasz Giza)Chor der kommentierenden Breslauer (Lukasz Giza)Ihre Themen entnehmen sie dem Alltag – sie handeln von zu vielen Verbotsschildern, den Problemen zwischen Radfahrern und Fußgängern und nächtlichen Busfahrten durch Breslau, die nicht immer angenehm sind. Weil die Busse voll sind mit Leuten, denen Sauberkeit egal ist. 

An die Premiere dieses Liedes erinnert sich Katarzyna noch sehr genau, weil sie so ungewöhnlich war und wochenlang Stadtgespräch:

"Das war echt spannend, denn wir wussten nicht, wie das ankommt. Wir kamen an der Haltestelle an, wo die Menschen ganz normal auf den Bus warteten, sprangen raus und fingen an zu singen. Dann sprangen wir wieder rein und fuhren weiter. Und die Leute blieben mit offenem Mund stehen! Das Fragezeichen sah man richtig. Eine schöne Erfahrung, so gar nicht chormäßig."

Nach Breslau kommen und bleiben

Für Katarzyna schafft der Chor – die Treffen, das Singen, die Auftritte – ein wichtiges Gemeinschaftsgefühl. Das ist in einer Stadt, die nach dem  Zweiten Weltkrieg ihre Identität erst neu finden musste, nicht selbstverständlich – und wird deshalb umso mehr geschätzt.

"Wir sagen zwar alle unser Breslau, aber das stimmt nicht – diese Diskussion über die Identität der Stadt gibt es schon seit vielen Jahren. Das ist eine Stadt, die vor 70 Jahren neu entstanden ist, durch die, die hierherkamen und in die Häuser zogen, aus denen kurz vorher andere vertrieben wurden; später kamen noch welche aus anderen Ecken Polens hinzu – und aus diesen unterschiedlichen Quellen begann dann der eine Fluss zu fließen." 

Auch im Chor gibt es niemanden, der in Breslau geboren wurde, erzählt die 30-jährige Katarzyna, deren Lebenslauf typisch ist für die Einwohner der Stadt:

"Ich kam zum Studium hierher und blieb! Es ist hier echt besonders, eine Stadt mit Vergangenheit zwar, die aber nicht in der Geschichte hängenblieb, sondern dem Leben zugewandt ist. Es gibt viele junge Leute, Studenten, kreativ und talentiert, die sich hier verwirklichen können."

Mehr Musik aus Polen? Finden Sie hier in unserer Spotify-Playlist:

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Breslau - Kulturhauptstadt 2016 - Alle Sendungen an unserem Thementag
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 17.06.2016)

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