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Buchkritik

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Neuer Roman von Siri HustvedtIm Korsett Frau fast erstickt
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Ein literarischer RaumflugWort und Weltall
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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.03.2008

Der Blick ins Gehirn

Stephan Schleim: "Gedankenlesen", dpunkt.verlag, Heidelberg 2007, 184 Seiten

Das menschliche Gehirn. (AP)
Das menschliche Gehirn. (AP)

Seit über 100 Jahren ist die Hirnforschung den Gedanken der Menschen auf der Spur. Wie gut die Wissenschaft mittlerweile das menschliche Denkorgan ausspähen kann, erklärt Stephan Schleim in seinem Buch "Gedankenlesen".

Die Gedanken seines Gegenübers lesen zu können, hat sich wahrscheinlich jeder schon einmal gewünscht. Genauso wie viele von uns versuchen, am Gesichtsausdruck unseres Gegenübers zu erraten, was in dessen Kopf vorgeht. Beides wenig erfolgreich – zumindest für Laien. Aber auch für Hirnforscher ist die Frage, was geht tatsächlich in unseren Gehirnen vor, bis heute ein spannendes Forschungsfeld.

Schon zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts versuchen die Wissenschaftler deshalb, mit verschiedenen Apparaturen in das menschliche Denkorgan zu blicken. Etwa per Hirnstrommessung. Mittels der auf die Kopfhaut geklebter Elektroden hoffte man bereits vor 80 Jahren, die "Hirnschrift" in Kürze entziffert zu haben. Geklappt hat es nicht. Und auch heute sprechen Wissenschaftler davon, erste Gedanken bereits gelesen zu haben.

Doch was ist dran an diesen Behauptungen: Steht die Wissenschaft tatsächlich kurz davor, unsere Gedanken zu lesen? Eine Frage von vielen, die Stephan Schleim versucht in seinem Buch "Gedankenlesen" zu beantworten. Und der Autor weiß, worüber er schreibt: Er hat Informatik, Philosophie und Psychologie studiert, und kennt sich daher nicht nur in den modernen Neurowissenschaften, sondern ebenso in den aktuellen Debatten über sie aus. In "Gedankenlesen" geht es somit neben naturwissenschaftliche Erläuterungen, auch um die Positionen der philosophischen Debatte zum Thema Hirnforschung. Diskutiert wird unter anderem über die Manipulation von Gedanken, das Thema Willensfreiheit und den Einsatz von Lügendetektoren vor Gericht.

Doch bevor sich der Autor diesen teilweise hoch umstrittenen Themen zuwendet, nimmt er seine Leser mit in die Labore der Hirnforscher und zeigt, wie sehen die Experimente aus, welche Technik wird verwendet und wie werden Daten ermittelt. Ein Beispiel: die funktionelle Magnetresonanztherapie. Die bunten Hirnscanbilder zeigen, wo im Gehirn gerade besonders viel los ist. Ausführlich erläutert Stephan Schleim die genau Funktionsweise und macht den Leser auf die Tücken und Ungenauigkeiten dieser Technik aufmerksam. Das liest sich nicht immer leicht, dennoch öffnet Schleim dadurch eine neue Perspektive und befähigt den Leser, die bunten Hirnaufnahmen anschließend etwas skeptischer zu betrachten.

Und genau darum geht es dem Autor. Nicht jedes Experiment, so Schleim, ist die große neue Entdeckung, von der so gerne gesprochen wird. Skepsis ist also angebracht. Nichtsdestotrotz bietet die moderne Hirnforschung immer neue Einblicke in das Gehirn, auch daran lässt Schleim keinen Zweifel. So können Alzheimerpatienten, Epileptiker und Menschen, die unter Depression leiden, heute Dank der neuen Methoden früher diagnostiziert und gezielter behandelt werden.

Ein zweiter großer Teil des Buches ist dem Thema "Recht und Hirnforschung" gewidmet. Zwar sind Hirnscanner als Lügendetektoren im Gerichtssaal in Europa noch nicht zulässig, aber die Diskussion über ihren Einsatz und Firmen, die diese Geräte herstellen, existieren längst, wie der Autor belegt. Hier spielt auch die Frage nach der Willensfreiheit eine wichtige Rolle, der das Buch ein eigenes Kapitel widmet. Seit Neurologen herausgefunden haben, dass vor dem Gedanken sich zu bewegen, von den Nervenzellen schon der elektrische Impuls dafür ausgesandt wird, fordern sowohl einige Hirnforscher als auch verschiedene Juristen, eine Änderung des Strafrechts: Ist unser Handeln durch die elektrischen Impulse der Neuronen determiniert, gibt es keine Willensfreiheit. Dann kann ein Mensch nichts für seine Straftat. Und das hätte weitreichende Folgen.

Stephan Schleim geht es in seinem überaus lesenswerten Buch nicht darum, die Hirnforschung zu verteufeln, sondern verstehen zu helfen, wo sie steht und wie sie funktioniert. Das Nennen der Chancen sowie der Risiken dieses prominenten Forschungsbereichs gibt dem Leser das Rüstzeug, mit in die Diskussion einzusteigen.

Rezensiert von Susanne Nessler

Stephan Schleim: Gedankenlesen. Pionierarbeit der Hirnforschung
Mit Vorworten von Thomas Metzinger und John-Dylan Haynes
dpunkt.verlag, Heidelberg, 2007
184 Seiten, 18 Euro