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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.09.2012

Der Balkan-Macho im pinken Mini

Der Film "Parada" nimmt die Homophobie in Serbien aufs Korn

Von Bernd Sobolla

Der homophobe Limun, Kriegsveteran und Leiter eines Sicherheitsdienstes, soll auf Druck seiner Verlobten Pearl die "Gay Pride Parade" in Belgrad beschützen. Dazu trommelt er eine wilde Truppe aus Söldnern aus dem ehemaligen Jugoslawien an. "Parada" ist eine tragikomische Groteske über die grassierende Homophobie auf dem Balkan.

Filmszene: "30.Juni 2001. Das war der erste Pride-Versuch in Serbien. Trotzdem hoffen wir, dass zehn Jahre nach den beschämenden Übergriffen auf Homosexuelle ..."
"Eine Frage: Sind Sie wirklich bereit, die Verantwortung für die Gewalt auf den Straßen am nächsten Wochenende zu übernehmen?"
"Wie bewerten Sie die eindeutige Haltung der Orthodoxen Kirche, die sich gegen die Gay-Parade ausgesprochen hat?"
"Diese liberale ... "
"Wollt ihr demonstrieren, ihr blöden ..."

Eigentlich ist es nur eine Pressekonferenz, zu der Schwulen-Aktivist Mirko, gespielt von Goran Jevtic, und seine Leute einladen. Doch sofort stürmt die rechte Szene den Saal, bedroht die Aktivisten und zerschlägt das Mobiliar. Eins macht der Film gleich klar: Sollte die Parade tatsächlich in Belgrad stattfinden, dann nur unter massivem Sicherheitsschutz. Wobei die Organisatoren nicht einmal auf die Hilfe des Polizeichefs hoffen können.

Filmszene:
"Wissen Sie, ich bin Jahre lang Direktor einer Strafvollzugsanstalt gewesen. Ich habe Verständnis für Schwuchteleien hinter Gittern. Wie die Häftlinge immer so schön sagen: 'Es gibt keinen Sex, ohne dass Eier an Eier klatschen'. Sie improvisieren halt."
"Improvisieren?"
"Wisst ihr, wenn wir euch Schwuchteln und Lesben die Menschenrechte geben, kommen ja auf einmal alle bei uns an."

Ein Hoffnungsschimmer für die bedrohte "Parade" leuchtet ausgerechnet mit dem Schwulen-Hasser Limun auf, ein Macho, Kriegsveteran und ehemaliger Krimineller. Limun leitet eine Judoschule und einen Sicherheitsdienst und steht kurz davor, seine Freundin Pearl zu heiraten. Die nun hat sich den schwulen Mirko als Hochzeitsplaner ausgesucht und besteht darauf, dass ihr Zukünftiger mit seiner Firma die "Gay Pride Parade" absichert, die von Mirko und seinem Freund Radmilo organisiert wird.

Eine schwere Aufgabe für den homophoben Limun. Denn alle in seinem Bekanntenkreis würden zwar jeder Zeit Schwule jagen, aber beschützen wollen sie sie nicht einmal gegen Bezahlung. Schließlich aber entwickelt Limun eine Idee.

Filmszene:
"Ich kann nichts versprechen, aber ich werde versuchen, Leute zu kriegen, die nicht aus Belgrad sind."

Limun nimmt sich der Aufgabe an. Und gibt vorab Radmilo, den er mit auf die Tour nehmen will, einen Schnellkurs, wie sich "echte" Männer verhalten: Keinen gespreizten Finger am Schnapsglas und keine Zurückhaltung beim Saufen. Denn die beiden fahren in Radmilos rosa Mini durchs ehemalige Jugoslawien, wo Limun seine Kumpels zusammentrommelt: ehemalige kroatische, bosnische und albanische Kämpfer, mit denen er sich einst duellierte.

Filmszene:
"Limun! Der Bengel ist wirklich schwer in Ordnung. Aber wie der trinkt!? Das war mir gleich suspekt. Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich ihn sofort umgebracht. So viel ist klar."
"Selbstverständlich."
"Ich habe Menschen getötet, ich habe Serben getötet, ich habe im Krieg für drei Seiten gekämpft, aber ich habe noch nie in meinem Leben Schwuchteln beschützt. Tja, man muss alles mal ausprobieren."

Eine Komödie über Homophobie und Nationalismus in Serbien, Regisseur Srdjan Dragojevic wagt den Spagat und unterstützt damit zugleich die Gay-Parade 2012.

Srdjan Dragojevic:"Es gibt Kritiker, die sagen: 'Das ist die größte Parade, die es je auf dem Balkan gegen hat, dem wahrscheinlich homophobsten Gebiet der Welt'. Und darauf bin ich wirklich stolz."

Wichtig ist ihm aber auch, dass die Darstellung schwulen Lebens realistische Züge trägt. So leidet Mirko an den täglichen homophoben Erniedrigungen so sehr, dass er einen Ausreiseantrag nach Kanada stellt; und der Vater seines Freundes Radmilo, Inhaber einer Kfz-Werkstatt, will nicht einmal das Auto seines Sohnes reparieren. Und als die Parade schließlich stattfindet, ist der Hass der Nationalisten schlicht beängstigend.

Filmszene: "... Schwuchtel-Schweine, hier ist dein Tod, ist dein Tod, ist dein Tod."

"Parada" ist eine Tragikomödie, rasant erzählt, einer Farce ähnelnd inszeniert und doch leider ganz nah am Alltag dran. Ein Film, der, wie Regisseur Dragojevic betont, sich vor allem an homophobe Leute richtet, an deren Weltbild er rütteln will. Dies geschieht u.a. über die Bewusstseinsveränderung bei der Hauptfigur Limun, der von Nikola Kojo gespielt wird. Limun sieht, wie sein Haus von einem Schwulen verschönert wird, erfährt, dass sein Lieblingsfilm "Ben Hur" auch eine homosexuelle Geschichte erzählt und erlebt, wie Radmilo als Tierarzt in Notsituationen über sich hinaus wächst.

Aber Srdjan Dragojevic verbreitet keine Illusionen: Bis Homosexuelle auf dem Balkan gesellschaftlich akzeptiert werden, wird noch sehr viel Zeit vergehen. Denn er selbst hat die Produktion von "Parada" als langen, schmerzhaften Prozess erlebt.

"Wir wurden von rund 100 Sponsoren und internationalen Firmen abgelehnt: Telefongesellschaften, Adidas oder Nike zum Beispiel, keiner wollte den Film unterstützen, weil sie glaubten, dass die Leute, ihre Kunden, homophob sind. Wir haben die Dreharbeiten nicht an die große Glocke gehängt, denn wir wollten keine Neonazis und Hooligans am Drehort haben. Die Windschutzscheibe meines Wagens wurde öfter ein-geschlagen. Aber wie sagt Radmilo im Film zu seinem Vater: 'Ich betrachte das als normale Ausbesserung'."

Serbien / Kroatien / Mazedonien / Slowenien 2011. Regie: Srdjan Dragojevic. Darsteller: Nikola Kojo, Miloš Samolov, Hristina Popovic, Goran Jevtic, Goran Navojec, u.a. FSK: ab 12. Länge: 115 Minuten

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