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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.07.2012

Der Augenblick in einer Erlebniskette

Rainer Stolz und Udo Wenzel (Hrsg.): "Haiku hier und heute", DTV, München 2012, 160 Seiten

Jedes Haiku ist ein Geschenk, das in aller Ruhe ausgepackt sein will. (Thorsten Karg)
Jedes Haiku ist ein Geschenk, das in aller Ruhe ausgepackt sein will. (Thorsten Karg)

Haiku sind die kürzesten Gedichte der Welt und stammen aus Japan. Mit ihrer Auswahl aus der deutschsprachigen Haiku-Dichtung lenken Rainer Stolz und Udo Wenzel das Interesse auf junge "Stil- und Spielarten" dieser innovativen Dichtkunst. Ihr Motto: weniger Kanon, mehr Experiment.

Das ca. 500 Jahre alte, aus Japan stammende Haiku scheint die poetisch aktive und lyrisch interessierte Welt erobert zu haben. Auf verschiedenen Internetforen - wie etwa haiku-heute.de - werden Haikus gesammelt, bewertet, ausgetauscht. Es gibt sogar eine Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V., die sich um die Verbreitung deutschsprachiger Lyrik in traditionellen japanischen Gattungen - Haiku, Tanga, Renga und Renshi - kümmert.

Sich angesichts einer derart organisierten Haiku-Fangemeinde um dieses kleinste lyrische Gebilde Sorgen zu machen, besteht allerdings kein Grund. Denn das ursprünglich aus 5-7-5 Silben bestehende und dreizeilig angeordnete Haiku ist robust und treibt täglich neue wilde Blüten.

Wer bislang die scharfen Chroma Haiku Messer sein eigen nennen durfte, sollte nun aus dem Gourmet-Küchendampf treten und sich in die Anthologie "HAIKU hier und heute" versenken. Denn den bekennenden Haiku-Liebhabern Rainer Stolz, Lyriker und "Poesievermittler", und Udo Wenzel, Soziologe und Mitglied der genannten Haiku-Gesellschaft, ist nicht nur eine "exemplarische Sammlung" geglückt.

Mit ihrer kleinen "Auswahl repräsentativer Beispiele aus der deutschsprachigen Haiku-Dichtung der jüngsten Gegenwart, der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts" lenken sie das Interesse vor allem auf junge "Stil- und Spielarten" dieser innovativen Dichtkunst. Ihr Motto lautet: weniger Kanon, mehr Experiment! Und da in einem gelungenen Haiku der Leser als Akteur hervortritt, kann nach der Lektüre von einer überaus klugen Auswahl gesprochen werden.

Von über hundert bekannten wie unbekannten Lyrikern wurde jeweils nur ein Haiku aufgenommen. Das schafft gleiche Voraussetzungen. Und für Reflexionen des Dichters ist im Gedicht ohnehin kein Platz. Konkret und unmittelbar ist ein Ereignis darzustellen. Es ist dieses Segment eines Geschehens, der Augenblick in einer Erlebniskette, der den Widerhall im Rezipienten erzeugen soll.

Wobei seit den Anfängen der Haiku-Dichtung Naturerscheinungen von zentraler Bedeutung sind. Die über hundert Haikus sind in sechs thematische Kapitel unterteilt, die jeweils mit Illustrationen von Martina Wember eröffnet werden. Die Abfolge der Gedichte entspricht einem Tageszyklus.

Gerd Börners Haiku liefert für das erste Kapitel den Titel: "Morgenkaffee -/ herrlich duftet die Mühle/ zwischen ihren Knien". Während Harry Rowohlt unter dem Stichwort "Atempausen" leichtgliedrig, fast schelmisch dichtet: "Besonders im Herbst/ Vergesse ich, wie viele/ Silben ein Haiku" - vollzieht sich im die Anthologie beschließenden Haiku von Christa Wisskirchen eine raffinierte Grenzüberschreitung: "Ein Feld voll Haikus/ Sind sie alle geerntet,/ flüstern sie im Sack." Denn das Haiku sollte stets offenbleiben. Andererseits - so Hans-Peter Kraus in "haiku-heute.de" - ist jedes Haiku ein Geschenk, das in aller Ruhe ausgepackt sein will.

Besprochen von Carola Wiemers

Rainer Stolz und Udo Wenzel (Hrsg.): Haiku hier und heute
Mit Illustrationen von Martina Wember
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012
160 Seiten, 9,90 Euro