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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 09.03.2013

Der Auftakt des Dreikaiserjahrs

Vor 125 Jahren starb der erste deutsche Kaiser Wilhelm I.

Von Peter Hölzle

Wilhelm I. wurde am 22. März 1797 in Berlin geboren und verstarb dort am 9. März 1888. (picture alliance / dpa)
Wilhelm I. wurde am 22. März 1797 in Berlin geboren und verstarb dort am 9. März 1888. (picture alliance / dpa)

Mit dem Tod Wilhelms I. begann 1888 das Dreikaiserjahr. Der 1871 zum deutschen Kaiser proklamierte Hohenzoller war bereits zu Lebzeiten ein Denkmal. Sein todkranker Sohn Friedrich III. erlebte nur 99 Tage als Regent. Unter dessen Sohn Wilhelm II. begann eine neue Ära.

"Da, um 8 Uhr 28 Minuten morgens noch ein tiefes Aufseufzen – Kaiser Wilhelm hatte geendet. ... Mit Blitzesschnelle verbreitete sich in der Hauptstadt die Kunde vom Tode des Kaisers ... . Durch die nach vielen Tausenden zählende Menschenmenge, die schon vom frühen Morgen an ... unter den Linden sich angesammelt hatte, ging ein Schluchzen ... . Die Schaufenster wurden schwarz verhängt, selbst ganze Häuser mit schwarzem Tuch und Flor bekleidet."

Ein Zeitzeuge, der Potsdamer Hofprediger Bernhard Rogge, schildert, wie die Berliner Bevölkerung an jenem Morgen des 9. März 1888 den Tod Wilhelms des Ersten aufnahm, der hochbetagt im achtundzwanzigsten Regierungsjahr das Zeitliche gesegnet hatte. Seit 1861 König von Preußen und seit 1871 deutscher Kaiser, war er bereits zu Lebzeiten zum Denkmal geworden. Stockkonservativ zwar und ein glühender Verfechter des monarchischen Gottesgnadentums hatte er als "Kartätschenprinz" 1849 die badische Revolution im Blut ertränkt. Aber der Feind von Volksfreiheit und Volksherrschaft erfüllte zusammen mit seinem genialen Kanzler Otto von Bismarck den Deutschen den Traum von der Reichseinheit. Dafür nahm eine Mehrheit von ihnen willig in Kauf, weiterhin Untertanen bleiben zu müssen.

Aber diejenigen, die Mühe hatten, sich mit diesem Los abzufinden, hofften auf Wilhelms Nachfolger.

"Einig mit den Anschauungen Meines ... Herrn Vaters, werde ich ... alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet sind, das wirtschaftliche Gedeihen der verschiedenen Gesellschaftsklassen zu heben, widerstreitende Interessen derselben zu versöhnen und unvermeidliche Missstände ... zu mildern, ohne doch die Erwartung hervorzurufen, als ob es möglich sei, durch Eingreifen des Staats allen Übeln der Gesellschaft ein Ende zu machen."

Dieser Passus aus dem Erlass an Reichskanzler Bismarck vom 12. März 1888 ist der einzige Hinweis auf einen Hauch Liberalismus im Regierungsprogramm Friedrichs III., des neuen Kaisers. Der Sohn Wilhelms I., einst Hoffnungsträger der Liberalen im Land, enttäuschte nun all die, die für den Reichstag mehr Kompetenzen forderten. Dass daraus nichts wurde, besorgte Bismarck, der auf Wunsch des neuen Herrschers im Amt geblieben war. Dem mit allen Wassern gewaschenen "eisernen Kanzler" war der politisch unerfahrene Friedrich nicht gewachsen. Mit sechsundfünfzig Jahren zu spät auf den Thron gelangt, war er zudem sterbenskrank. Kehlkopfkrebs raubte ihm die Stimme. Ein Notizblock war sein Mitteilungsmedium, wenn seine willensstarke Frau, die Kaiserin Viktoria, nicht für ihn das Wort führte.

"Ich fand ihn nicht besonders krank aussehend ... . Wenn man aber näher zusieht, bemerkt man den leidenden Ausdruck in den Augen. ... Er machte mir den Eindruck eines Märtyrers. ... Ich habe ihn wohl gestern zum letzten Mal gesehen",

notierte Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere Reichskanzler, unter dem 24. März 1888 nach einem Besuch beim Kaiser. Die Ahnung des Fürsten bestätigte sich bald. Am 15. Juni starb Friedrich III.. Ganze 99 Tage hatte sein Schattenregiment gedauert. Das Haus Hohenzollern, die Regierung und das Volk aber hatten zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Anlass zur Trauer, die sich freilich rasch in Freude verwandelte.

Am 19. Juni 1888 bestieg Friedrichs Sohn als Wilhelm II. den Thron.
Drei Kaiser in einem Jahr, das hatte es bei den Deutschen noch nie gegeben, weshalb denn auch 1888 als Dreikaiserjahr in die Geschichte einging. Das Jahr bezeichnet aber auch eine Zeitenwende. Der noch nicht dreißigjährige jugendliche Herrscher läutete eine neue Ära ein, die sich schon im nassforschen Ton von der alten unterschied. Was der sich draufgängerisch gebende Kaiser, es sollte der letzte deutsche sein, beim Regierungsantritt verkündete, ließ Übles erahnen:

"Mein Königtum ist von Gottes Gnaden . ... nach diesem Prinzip bin ich entschlossen, ... zu regieren. ... Diejenigen, die mir dabei behilflich sein wollen, sind Mir von Herzen willkommen ... ; diejenigen jedoch, welche sich Mir ... entgegenstellen, zerschmettere Ich!"

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