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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.11.2012

Der amoralische Hahnrei

Howard Jacobson: "Liebesdienst", DVA, München 2012, 392 Seiten

Felix empfindet höchste Erfüllung, wenn er seine Frau in die Arme eines anderen treibt. (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)
Felix empfindet höchste Erfüllung, wenn er seine Frau in die Arme eines anderen treibt. (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)

"Liebesdienst" zeigt, warum Howard Jacobson oft in einem Atemzug mit seinem amerikanischen Kollegen Philip Roth genannt wird. Sein Protagonist Felix Quinn hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann – wäre da nicht seine krankhafte Eifersucht, die er auf unorthodoxe Weise überwinden will.

"Liebesdienst" erschien 2008 (als "The Act of Love") im Original und ist ein Roman, der zeigt, warum man Jacobson oft in einem Atemzug mit seinem amerikanischen Kollegen Philip Roth nennt.

Felix Quinn heißt hier die Hauptfigur, ein Antiquar, der sein Geschäft im Londoner Stadtviertel Marylebone betreibt, eine schöne und kultivierte Ehefrau – Marisa – an seiner Seite weiß und allen Grund hätte, ein bequemes Mittelstandsleben zu führen ... wäre der Arme nicht getrieben von einer Liebesobsession, die seine Gedankenwelt komplett ausfüllt.

Seitdem eine Jugendfreundin ihn wegen eines anderen verließ, ist das Grundthema seines Daseins formuliert: "Wie man Eifersucht überlebt, wurde zur Frage meines Lebens." Und als Marisa während der Hochzeitsreise von einem kubanischen Arzt, der seine Hände länger als nötig auf ihren Brüsten verweilen lässt, behandelt wird, nimmt er das als "Offenbarung" wahr und spürt, welchen masochistischen Reizen er nachgeben muss: Felix empfindet höchste Erfüllung, wenn er seine Frau in die Arme eines anderen treibt.

Um die "Kloake" in seinem Gehirn wissend, strebt er fortan danach, zum "Cuckold", zum Hahnrei zu werden, und findet in dem Mittdreißiger Marius den richtigen Mann für die von ihm ersehnte, eigenwillige Ménage à trois. Ohne dass Marius etwas von Felix’ Anbahnungsgeschick ahnen würde, lässt er sich auf Marisa ein und trifft sich mit ihr dreimal die Woche, zur magischen 16-Uhr-Zeit, im Hause der Eheleute Quinn.

"Liebesdienst" ist ein Roman, der sich weitgehend in den Gehirnwindungen seines Protagonisten abspielt und das Thema Eifersucht von verschiedensten Seiten beleuchtet.

Der Bücherwurm Felix durchforstet die Kunst- und Literaturgeschichte nach Beispielen, die seine Anschauung stützen. So liest er Bataille, Klossowski und Joyce, gibt Shakespeares "Othello" eine ganz eigene Interpretation und studiert Gemälde wie Fragonards "Die Schaukel" oder Thomas Lawrences "Margaret, Countess of Blessington", deren Freizügigkeiten ihm Stoff genug geben, Reflexionen über das "spürbare Ausgeschlossensein" eines gehörnten Mannes anzustellen.

Der britische Schriftsteller Howard Jacobson (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)Howard Jacobson (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)Wenngleich "Liebesdienst" vielleicht nicht die erzählerische Wucht von "Die Finkler-Frage" aufweist, besticht der Roman durch sprühenden Witz, subtilen Geist und eine rhetorische Eleganz, die letztlich dazu führt, dass der Leser nicht umhinkommt, sich auf diesen auf den ersten Blick absurd anmutenden Gedankenkosmos einzulassen.

"Wo keine Eifersucht ist, da ist auch keine Liebe", lautet eine der zahlreichen Sentenzen des Romans, und Felix Quinns Absicht, den Rahmen der für ihn unvermeidbaren Eifersuchtsszenarien selbst zu schaffen, hat plötzlich Bezwingendes an sich.

Nein, ein "Feld-und-Wiesen-Voyeur" ist dieser strategisch denkende Buchhändler nicht, doch am Ende, als Marisa schwer erkrankt, werden die Karten neu gemischt, und prüde Leser dürfen sich, so scheint es, auf die "wohlverdiente Strafe" für den amoralischen Hahnrei freuen. Wenn das denn die richtige Kategorie für diesen intelligenten Roman wäre.

Besprochen von Rainer Moritz

Howard Jacobson: Liebesdienst
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Stegers
DVA, München 2012
392 Seiten, 22,99 Euro