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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.04.2008

Der alte Mann und die Stadt

Der unendliche Namensstreit um das Flick'-Gymnasium in Kreuztal

Von Thilo Schmidt

Porträt von Friedrich Flick im Sekretariat des Kreuztaler Gymnasiums (Thilo Schmidt)
Porträt von Friedrich Flick im Sekretariat des Kreuztaler Gymnasiums (Thilo Schmidt)

Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende: Im südwestfälischen Kreuztal ist eine Schule noch heute nach Friedrich Flick benannt, einem Sohn der Stadt. Er war bedeutender Industrieller in der NS-Zeit war und wude wegen seiner Kriegsverbrechen in Nürnberg zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Vor 20 Jahren wurde eine von den Grünen beantragte Umbenennung der Flick-Schule von einer großen Ratsmehrheit abgelehnt. Nun könnte ein solcher Antrag der Grünen erneut bevorstehen, jedoch die Argumente der Gegner haben sich nicht geändert. Kreuztal ist froh über die Gelder Flicks, die auch heute noch zu verteilen sind. Und man ist stolz auf seinen Ehrenbürger. Fragen zu stellen ist da nicht erwünscht. Und die örtliche CDU will gar "jetzt und für alle Zeiten" Diskussionen über eine Umbenennung unterbinden. Doch es regt sich Protest: Ehemalige Schüler wollen eine Kampagne starten, um das klarzumachen, warum für sie Flick kein Vorbild ist.

Kreuztal. Südwestfälische Kleinstadt, 30.000 Einwohner. Umgeben von den Hügelketten des Sauer- und Siegerlandes. Nimmt seit Jahrzehnten Spenden aus dem Vermögen Friedrich Flicks an.

Friedrich Flick. Geboren in Kreuztal. Führender Großindustrieller im Dritten Reich. Maßgeblich beteiligt an der Arisierung jüdischer Betriebe. Beschäftigte etwa 50.000 Zwangsarbeiter in seinen Betrieben. 10.000 von ihnen starben. Am 22. Dezember 1947 im Nürnberger Flick-Prozess zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Kreuztal. Kleinstadt im Siegerland.

Mormann: "… also für mich werden Schulen normalerweise nach Menschen benannt, die Großes vollbracht haben. Oder die für bleibende Werte stehen. Also zum Beispiel im kulturellen Bereich, wenn ich so an Goethe- und Schiller-Gymnasium denke, oder im politischen Bereich Geschwister Scholl …"

Gebauer: "… in erster Linie ist Flick ein verurteilter Kriegsverbrecher und allein schon deswegen ist es ein Skandal, ein Gymnasium nach solch einem Menschen zu benennen. Und da braucht man an für sich keine weiteren Gründe mehr anzuführen."

Mormann: "… also in Kreuztal gibt es so wenig Widerstand, weil für Kreuztal Friedrich Flick immer noch ein ganz Großer ist. Also weil er sich aus dem Nichts nach oben gearbeitet hat und die Kreuztaler auch heute noch voller Bewunderung, Stolz und Respekt von ihm reden."

Es herrscht wieder Frieden im Land. In Nürnberg wird Friedrich Flick als Kriegsverbrecher verurteilt. In Kreuztal wird er Ehrenbürger. Der Krieg machte ihn zum reichsten Deutschen. Kreuztal macht ihn zum Namenspatron seines Gymnasiums. Flick hatte drei Millionen Mark für den Bau gegeben. Und so heißt die Schule seit 1969 "Friedrich-Flick-Gymnasium".
Bis heute.
Und Kreuztal ist dankbar. Bis heute. Und bis heute erhält das Gymnasium Fördergelder aus der Friedrich-Flick-Stiftung.

Schwab : "Als wir das das erste Mal gemacht haben, Flick nicht als Förderer heimischer Kultur und Heimatvereine dargestellt haben, hat's Anfeindungen gegeben. Es hat böse Leserbriefe gegeben, eben auch genau aus dem Bereich der Geförderten, und es gibt auch von diesen Leuten bis heute Bemerkungen: 'Lass den Flick in Ruhe, der hat viel für uns getan', und Punkt Ende.""

Die Lokalredakteure von der Westfälischen Rundschau und wenige andere haben Flick und seine Heimatstadt nicht in Ruhe gelassen. Immer wieder Fragen gestellt. Vor zwanzig Jahren, 1988, stellen die Grünen im Stadtrat den Antrag, das Gymnasium umzubenennen. Sie setzten auf die alleinregierende SPD. Aber auch dort sind viele Kommunalpolitiker Funktionäre in Sportvereinen, die bis heute aus dem Hause Flick bedacht werden. Der Antrag wird abgelehnt. Günter Schweitzer, den langjährigen, früheren Schulleiter, freute das.

Für ein Interview heute sieht er keine Notwendigkeit, es gelte nach wie vor das, was er vor knapp vier Jahren in das gleiche Mikrofon gesagt hat.

Schweitzer: "Der Ratsbeschluss war eindeutig, sehr überzeugend, die Schule behält ihren Namen, darüber war ich selbstverständlich glücklich, ich glaube auch, dass man in der Bevölkerung weiß, was man Flick zu verdanken hat und dass diese Entscheidung richtig war. "

Bereits Jahre zuvor engagierten sich Schüler gegen die Namensgebung der Schule. Nicht viele zwar, aber die dafür sehr hartnäckig. Einer von ihnen war Oliver Hirsch, Abiturjahrgang 87.

Hirsch: "Man sei nicht an diese Schule gehörig. Man solle sich doch überlegen, ob dies dann die richtige Schule sei. Und das hat mich schon erschrocken, weil ich da auch immer mit verbunden habe, mit ner Schulausbildung auf dem Gymnasium in der Oberstufe auch ne entsprechende Erziehung zum kritischen Nachdenken, zum Abwägen von Argumenten pro und contra, und auch 'ner offeneren Diskussion. Aber wenn dieses Thema angesprochen wurde, dann hat sich der Ton ganz merkwürdig verändert. "

Schweitzer: "Es kann nicht sein, dass man die Arbeit einer Schule dadurch stört, dass man versucht, Gräben aufzureißen, wenn man alle zehn Jahre da ran geht und meint, man müsse den Namen einer Schule ändern. "

Hirsch: "… durchaus schwer für 'nen jungen Menschen, so was auszuhalten, wenn er also massiv von Respektspersonen, von 'nem Erwachsenen angegangen wird. Und dadurch bewegt werden soll, diese Nachfragen sein zu lassen."

Oliver Hirsch hat das Nachfragen nicht sein gelassen. Im Gegenteil. Im Dezember 2007 rief er alle Stadtverordneten von 1988 an und frage sie nach ihrem damaligen Abstimmungsverhalten. Er wollte es einfach wissen. Und er wollte wissen, wie sie heute über einen Antrag auf Umbenennung des Flick-Gymnasiums abstimmen würden.

Hirsch: "Bei der CDU war es so, die haben mich zum Teil sehr aggressiv angegangen, also haben mich beschimpft, was mir denn einfiele, da in dieser Geschichte noch mal rumzurühren, und es sei doch primitiv, immer nur, in Anführungsstrichen, auf die Zeit des Nationalsozialismus einzugehen, was ja für mich ne gigantische Verharmlosung darstellt … und dann hörte ich schon, dass das auch Thema in einer nichtöffentlichen Ratssitzung gewesen sein muss. Und dass es wohl da auch zu recht heftigen Reaktionen zum Teil gekommen sein muss. Also da hätten einigen Ratsmitgliedern Schweißperlen auf der Stirn gestanden."

Die Zeitungen berichten wieder. Und wieder sind es die Grünen, die das Thema aufgreifen. Sie stellen eine Anfrage an den Rat. Sie wollen wissen, ob eine Umbenennung der Schule rechtlich möglich wäre und ob die von Flick gespendeten drei Millionen D-Mark dann zurückgegeben werden müssten.

Schon die Anfrage der Grünen veranlasst CDU-Fraktionschef Werner Müller, öffentlich zu erklären, alle anderen Ratsfraktionen würden die Namensdiskussion "jetzt und in Zukunft" unterbinden. Da scheint er aber den SPD-Fraktionschef nicht gefragt zu haben. Karl-Heinz Schleifenbaum ist nämlich heute so wie 1988 ein Gegner der Namensgebung.

Karl-Heinz Schleifenbaum: "… das ist aus meiner Sicht sicherlich nicht der richtige Weg, weil aus meiner Sicht der Stachel im Fleisch auch nach wie vor vorhanden ist und auch wirkt. Er zwingt dazu, sich mit dieser unangenehmen Situation auseinanderzusetzen."

Anke Hoppe-Hoffmann: "Ja, wir waren sehr erstaunt über die Reaktionen … "

… sagt Grünen-Fraktionssprecherin Anke Hoppe-Hoffmann …

Hoffmann: " … wir haben uns bemüht eine sehr sachliche Anfrage zu formulieren, und trotzdem ist uns da direkt völliges Unverständnis entgegengeschlagen. Wir sind auch bedrängt worden, die Anfrage selbst zurückzuziehen, uns ist mitgeteilt worden, dass niemand bereit wäre, irgendwann auch immer noch mal über das Thema Friedrich-Flick-Gymnasium-Umbenennung zu sprechen, es ist auch kein offenes Gespräch zustande gekommen oder ne inhaltliche Diskussion, sondern es wurde komplett gemauert."

Die Konservativen im Stadtrat wollten den CDU-Bürgermeister Rudolf Biermann davon abbringen, die Anfrage überhaupt zu beantworten.

Rudolf Biermann: "Ja, ich habe ganz eindeutig gesagt, und zwar allen Fraktionen, ich habe sie hier am Tisch sitzen gehabt, dass ich als Bürgermeister eine Anfrage jeder Partei oder Fraktion zulasse und nach Möglichkeit auch beantworte. Darüber war man in Fraktionskreisen nicht glücklich …"

… aus dem Umfeld des Bürgermeisters heißt es gar, er sei von seinen eigenen christdemokratischen Parteifreunden massiv bedrängt worden …

Biermann: "... und man hat dann – ich will jetzt gar nicht mal sagen auf Initiative der CDU – sondern die bürgerliche Mehrheit insgesamt, gesagt: Gut, wenn der Bürgermeister partout meint, er müsse die Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen beantworten, dass wenn aus dieser Anfrage heraus möglicherweise Themen im Rat behandelt werden, dass wir die von der Tagesordnung absetzen beziehungsweise die Diskussion darüber nicht führen. Das ist das andere demokratische Verständnis, was die anderen daraus herleiten, eben aus unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, ich halte es nicht für … ja, zwingend …"

Hoffmann: "… nur das Gefühl, das entstanden ist durch die Äußerung des CDU-Fraktionsvorsitzenden, niemand wird irgendwann wieder mit ihnen darüber reden, das hat sich halt auch in der Öffentlichkeit irgendwie zementiert."

Auch mit mir will der Fraktionschef nicht reden. Was gesagt werden musste, sei bereits gesagt worden, teilt Werner Müller schriftlich mit.

Eine Autostunde von Kreuztal, im hessischen Steffenberg. Oliver Hirsch und Patrick Fick, ein weiterer Ehemaliger, nutzen für den Protest gegen den Namen ihrer alten Schule nunmehr auch das Internet. Ihre Seite flick-ist-kein-vorbild.de wird in diesen Tagen online gehen.

Noch sammeln Patrick und Oliver alte Zeitungsberichte, Dokumente, erstellen Biographien und kramen in ihren eigenen Erinnerungen.

Hirsch: "… was wir da vielleicht noch unterbringen könnten ..."

Kreuztal soll endlich verstehen …

Hirsch: "Da schwebt so ne … ja, so ne Art Mehltau, der jede Diskussion auch irgendwie erstickt. Man … man möchte das am liebsten totschweigen, möchte nur die finanziellen Vorteile sehen, die Kreuztal durch Flick gehabt hat."

Schweitzer: "Er hat seine Strafe abgebüßt, er hat nach dem Kriege am Aufbau der Bundesrepublik tatkräftig mitgewirkt, er ist es gewesen, der wieder eine entsprechende Industrie aufgebaut hat, und die Stadt Kreuztal ist ihm auch zu Dank verpflichtet gewesen: Sehr viele haben vom Namen Flick gewisse Zuwendungen bekommen, Friedrich Flick ist aber auch eine Persönlichkeit mit großer Motivation, mit großem Engagement, mit großem Fleiß, und – wie ich persönlich weiß – auch mit persönlicher Bescheidenheit gewesen."

"Ist es zu verantworten, dass eine Schule den Namen Friedrich Flicks trägt?"
"Zu verantworten, da jetzt mit ja oder nein zu antworten, das wäre sicherlich ein bisschen kurz gegriffen. Das müsste man ausdifferenzieren. Die Frage ist auch, von wem es zu verantworten ist, ich glaube, dass ich da der falsche Ansprechpartner bin."

Sagt Herbert Hoß, seit 2002 Schulleiter des Flick-Gymnasiums.

Hoß: "Der Name ist vergeben worden aus einer Dankbarkeit heraus 1969, für eine Spende, die die Schule möglich gemacht hat, sie hat aber nichts damit zu tun, dass da irgendetwas in den Alltag hier hineinragt, nehmen wir vielleicht mal heraus, dass natürlich so ein Namensgeber dann im Geschichtsunterricht spätestens in der Klasse zehn ne deutliche Rolle spielen muss."

Das allerdings tut er nicht immer.

Schüler: "… bis jetzt überhaupt nichts dadrüber gehört. Also man muss sich wenn schon selber dadrüber informieren, aber sonst kommt da nichts rum von der Schule. Da ist nix gekommen.
Einzelne Lehrer behandeln das schon, also es wird schon erwähnt, also in Politik zum Beispiel hatten wir das besprochen, mal.
Ich persönlich fänd's halt gut, wenn wir da n bisschen mehr Aufklärung über den Herrn kriegen könnten, auch gerade bei jüngeren Schülern. Dass halt mehr darüber informiert wird, was das für ein Typ war."

Über den Namenspatron liest man auf auch der Internetseite des Friedrich-Flick-Gymnasiums im Übrigen nichts.
Manche Eltern klären daher ihre Kinder gleich selbst über den großen Sohn der Stadt auf. Einer von ihnen ist der Kreuztaler Dieter Gebauer.

Gebauer: "Ich bin halt ein Wehrdienstverweigerer, ich habe mich seit ich lebe gegen Rassenverfolgung eingesetzt, oder auch dafür, dass ne gewisse Wiedergutmachung an Nazi-Opfer geleistet wurde, und jetzt stelle ich fest, dass ich mein Kind an eine Schule schicke, die einen Namen trägt von jemandem, der selber sehr tief in die Schlechtigkeiten der Nazis verwickelt ist. Oder war. Das erzeugt in mir einen Widerspruch, ja."

Dieter Gebauer ist auch Vorstandsmitglied im Förderverein der Schule. Und auch dort stellt er Fragen.

Gebauer: "Also ich möchte schon, dass im Förderverein noch mal darüber nachgedacht wird, andere Städte können sich auch ein Gymnasium leisten, ohne auf solch einen Spendentopf zurückgreifen zu müssen und deswegen finde ich sollte diese Diskussion in Kreuztal noch nicht beendet sein."

Still war es lange auch im Lehrerzimmer. Obwohl nicht wenige Lehrer unglücklich sind mit dem Namen ihrer Schule. Zu denen gehört auch die unter Schülern wie Kollegen beliebte und geachtete Lehrerin Felicitas Mormann.

Mormann: "… das ist, wie soll ich sagen, ne relativ heikle Sache. Als jetzt dieser Artikel, der in der Zeitung stand, weil jetzt der Oliver Hirsch das ganze angeregt hatte, am schwarzen Brett hing, da haben sich also die Kollegen versammelt, und dann gab es also die Fraktion, die gesagt hat: Das will jetzt keiner mehr wissen. Und es gab ne Fraktion, die sagt: Ja wieso nennen wir denn die Schule auch nicht um, ne? Und das ist kein Name für die Schule. Also in privaten Gesprächen waren eine ganze Menge Leute der gleichen Meinung. Bei den jüngeren Kollegen war das dann zum Teil so, dass, als es galt, öffentlich Position zu beziehen, dann auch ein bisschen eingeknickt sind.""

Schulleiter Hoß, den die Gegner der Namensgebung im Gegensatz zu seinen Vorgängern als kooperativ und differenzierender einschätzen, verweist allerdings darauf, dass die aktuelle Diskussion zum falschen Zeitpunkt kommt.

Hoß: "Es hat ne Menge Unruhe produziert, gerade in diesem Monat Februar, wo wir Anmeldezahlen erwarten, und wenn dann gefärbte oder auch sagen wir mal politisch motivierte Formulierungen da erscheinen, dann kommen Eltern da ins Grübeln. Wenn da an einer Schule, die zwar einen solchen Namen trägt, möglicherweise da Belastungen nachgesagt werden, dann halte ich das zumindest für bedenklich."

Mormann: "… es sind zum Beispiel auch so Argumente gekommen wie: "Wir lassen uns doch nicht vor den Karren der Grünen spannen. Ich kann das nicht verstehen, weil ich lasse mich nicht vor einen Karren spannen. Was hat meine Überzeugung – meine Überzeugung damit zu tun, was irgendeine Partei denkt? Aber … es ist halt so, wie es vielfach gelaufen ist."

Kim Christian Priemel, Historiker an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), hat die Konzerngeschichte Flicks aufgearbeitet und 2007 veröffentlicht.

Priemel: "Er wusste sehr gut, wie viele Zwangsarbeiter in seinem Konzern beschäftigt waren und er war auch informiert darüber, unter welch harten, zum Teil mörderischen Bedingungen sie arbeiten mussten. Und was nicht passiert ist, sind Versuche, deren Bedingungen zu bessern, es wurden auch keine Direktiven ausgegeben zum Beispiel zu sagen: Wir verzichten fortan prinzipiell auf KZ-Häftlinge, das wäre sicherlich möglich gewesen, aber das ist nicht erfolgt."

Nicht einmal aus unternehmerischer Sicht taugt Flick als sonderlich gutes Vorbild: Sein Imperium, resümiert Priemel, hat er mithilfe von Manipulationen, erpresserischem Druck und Bestechungen aufgebaut.

Priemel: "Ohne mich da zu sehr aus dem Fenster hängen zu wollen: Ich würde sagen: Es ist eine sicherlich naheliegende Schlussfolgerung, zu sagen, dass Friedrich Flick wohl kaum der geeignete Namenspatron ist, den man jungen Leuten mit auf den Weg geben würde."

Bremen, im April 2008, 60 Jahre nach dem Nürnberger Flick-Prozess. Besuch bei Ex-Schüler Patrick, der zusammen mit Oliver Hirsch die Webseite www.flick-ist-kein-Vorbild.de erstellt. Der Student, Abiturjahrgang 2002 war bis zum letzten Jahr selbst für die Grünen im Kreuztaler Stadtrat. Es ist soweit, die Webseite soll online gehen.

Fick: "In der Rubrik Aktuelles haben wir jetzt schon aufgeführt so einen Rückblick auf die Debatte in den letzten drei Monaten, das wird sicherlich in der jetzt kommenden Zeit nach dem Start der Homepage heute auch weitergehen und weitergefüllt …"

… und was in Kreuztal schwierig ist, soll hier ganz ungehemmt gehen: Diskutieren. Im interaktiven Gästebuch.
Und die Seite hält eine Petition bereit. Einen Mustertext, den man verschicken kann an den "sehr geehrten Herrn Bürgermeister", mit der eindringlichen Bitte, sich für eine Umbenennung des Gymnasiums einzusetzen.

Fick: "Vielleicht schaffen wir es mit der Seite, dass da Bewegung reinkommt, dass jüngere Lehrer, aber auch Schüler sich bewegen, an Flick arbeiten. Was ich mir aber auch wünschen würde, dass auch die Stadt das ganz aktiv aufgreift und nicht sagt: Okay, wir haben das immer so gehandhabt, wir schweigen das jetzt tot, sondern ich find … im Fußball würde man jetzt sagen: Nach vorn spielt."

Kreuztal schweigt. Aber die Hoffnung, dass Kreuztal seine Vergangenheit in den Griff kriegt, aufarbeitet und neu bewertet, die haben sie noch, der Lokalredakteur, die Lehrerin und dieser und jener.

Kuhn: "Also offensichtlich ist das kein Thema, das durchdringt in die Köpfe aller Politiker hier in Kreuztal. Also man macht sich mehr Gedanken wie man Debatten verhindern kann, als man sich argumentativ auseinandersetzt. Das ist so mein Eindruck nach … so vielen Jahren, ja."

Ja, und ich weiß nicht… Für mich bleibt Unrecht Unrecht! Und wird nicht zu Recht, weil die Jahre darüber ins Land gehen! Aber … ich hab so ein bisschen den Eindruck, das ich … ein Anachronismus bin. Weil ich mich da schon, von wenigen abgesehen, ein bisschen allein auf weiter Flur fühle …

Kreuztal. 62 Jahre nach Kriegsende. Im Siegerland.

Länderreport

Potsdamer Straße in BerlinAm Ziel ist man hier nie
Ein Mann in Portiersuniform winkt am Freitag (09.01.2009) vor dem "Wintergarten" in Berlin vorbeifahrenden Autofahrern mit seiner Mütze zu. Die Mitarbeiter des Varietes in der Potsdamer Straße demonstrierten gegen die Schließung ihrer Einrichtung zum 31. Januar 2009. (Soeren Stache / dpa/lbn )

Die Potsdamer Straße verändert sich seit ihrem Bestehen: Vom Zentrum des 20er-Jahre-Nachtlebens zur Sackgasse am Todesstreifen. Mit Hausbesetzerszene oder als Galerie-Hotspot. Heute ist die Potsdamer Straße ein lebendiges Versuchslabor zur Neuerfindung der Metropole.Mehr

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