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Weltzeit | Beitrag vom 25.02.2016

Departement Seine-Saint-DenisNicht nur Elend in den Pariser Vorstädten

Von Martina Zimmermann

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Der französische Künstler Jerome Mesnager geht an einem seiner Kunstwerke, dem "Mann in Weiß", in Montreuil-sous-Bois vorbei. (AFP/ Jacques Demarthon)
Es gibt noch Hoffnung in der Pariser Banlieue. (AFP/ Jacques Demarthon)

Die Pariser Vorstädte sind für viele ein Albtraum voller Trostlosigkeit und Kriminalität. Aber ein Besuch im Departement Seine-Saint-Denis zeigt: Es gibt auch eine bunte Seite voller Kneipen und Künstler.

Die "Villa 93" ist ein Gourmetrestaurant zu Füßen eines Plattenbaus! Gehobene Französische Küche für im Schnitt 80 Euro pro Person in der Vorstadt Montreuil, die wegen ihrer afrikanischen Einwanderer nach der Hauptstadt Bamako als zweitgrößte Stadt Malis gilt. Die beiden Besitzer des Restaurants, Nicolas Bessière und Koch Stéphane Reynaud zogen vor zwölf Jahren von Paris nach Montreuil in diese Villa mit dem schönen kleinen Park - direkt neben den Betonsiedlungen: 

"Damals, 2004, fingen die Leute an, vom "93" zu sprechen. Ich sagte zu Stéphane, Villa 93 ist ein guter Name. Dem Bürgermeister von Montreuil hat das zuerst gar nicht gefallen. Und auch im Gemeinderat sagten sie, wir wollen das Image des '93 loswerden, und die kommen hier an und geben ihrem Restaurant diesen Namen! Es gab sogar Leute die bei uns anriefen und sagten, wir werden nie zu euch zum Essen kommen wegen dieses Namens." 

Auf dem Parkplatz in der Siedlung neben dem Restaurant lehnt sich Gervais, ein Kameruner aus Duala an ein Auto. Der 32-jährige Kfz-Mechaniker schaut zwei Kollegen aus Mali zu, die hier auf dem Parkplatz einen Wagen reparieren, wie in einer improvisierten Autowerkstatt. Das Restaurant nebenan? 

"Ich kann Ihnen nicht sagen, ob mir das Restaurant gefällt, weil ich da nie gegessen habe. An der Kundschaft sehe ich, dass es ein bisschen teuer sein muss." 

Erfolgreiche Sportler passen nicht zu Vorurteilen

Mit den Nachbarn habe es noch nie Probleme gegeben, erklärt Restaurantbesitzer Nicolas Bessière. Die Kellnerinnen und Kellner in der "Villa 93" kommen aus der Nachbarschaft. Es gebe im Departement sogar eine Hotelfachschule: 

"Wenn etwas Schlechtes passiert, ist immer der '93 schuld. Aber man redet nicht vom Guten: Montreuil hat einen der besten Athletenvereine Frankreichs. Es gibt Kunsthandwerker und Künstler, davon redet man nie. Es gibt Vereine, die Sportler ausbilden, die Goldmedaillen holen, davon redet man nie. Die Spieler des Rugbyclubs von Bobigny spielen in der ganzen Welt. Aber das wollen die Leute nicht wissen. Gutes über den '93 verkauft sich nicht in den Medien. Es ist viel leichter zu sagen, in Montreuil wird einem die Kehle durchgeschnitten. Kommen Sie und Ihre Vorurteile werden sehr schnell fallen." 

Im Landesdurchschnitt zählt Frankreich 157 Einwohner pro Quadratkilometer, im dichtest besiedelten Departement 93 sind es 7590! Der Anteil der Sozialwohnungen ist hier mit 35 Prozent besonders hoch. Die sozialen Schwierigkeiten der Einwohner spürt Ärztin Frederique Ramiro, die in der Notaufnahme von Aulnay-sous-Bois arbeitet: 

"Es gibt viele Notfälle, die dadurch zustande kommen, dass die Leute erst in letzter Minute in die Notaufnahme gehen, weil sie kein Geld haben und nicht rechtzeitig zum Arzt gehen."

Frédérique Ramiro wohnt mit ihrer Familie in Montreuil, mit über 100 000 Einwohnern die zweitgrößte Vorortstadt von Paris nach Saint Denis. Aulnay-sous-Bois und Aubervilliers zählen um die 80 000 Einwohner. Und nur vier Gemeinden im Departement haben weniger als 10 000 Einwohner. Plattenbauten gibt es hier überall, aber oft liegen sie auch neben gepflegten Ein-Familien-Haus-Gebieten: 

"Ich lebe im 93er und arbeite im 93er. Manchmal ist es nicht einfach - aber das liegt an den Zwängen in einer Pariser Vorstadt: Staus, lange Wege, viele Leute, eine allgemeine Aggressivität, manchmal ist es nicht leicht. Man kann nicht nur sagen, wir lieben uns alle und bereichern uns gegenseitig, manches ist weniger leicht zu akzeptieren. Aber man darf auch nicht alle Bewohner in einen Topf werfen." 

Die Notärztin ist mit einem Künstler aus Guinea-Bissau verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter und einen Sohn, alle zwischen 12 und 18. 

Montreuil hat viel afrikanisches Ambiente

Die Songs von Ehemann Naka sind in seiner Heimat Guinea-Bissau berühmt. Der Künstler kam 1979, mit 34 Jahren, nach Paris. Damals galt die französische Kapitale als "Hauptstadt der afrikanischen Musik". Als Frédérique schwanger war, zog das Paar von Paris nach Montreuil. Hier lebt die Familie seither in einem geräumigen Haus mit Innenhof und Künstleratelier im Hinterhof. Ein Hund und zwei Katzen streunen herum, im Garten baut Frédérique Gemüse an. Naka genießt das afrikanische Ambiente der Vorstadt. Hier gibt es die beiden größten Afro-Diskotheken Frankreichs und viele Wohnheime für afrikanische Arbeiter: 

"Montreuil ist eine afrikanische Hauptstadt und das gefiel mir gut. Du konntest als Musiker in jede Bar gehen und spielen, du hast Arbeit gefunden. Das zieht Künstler an." 

Sally Nyolo ist eine Künstlerin aus Kamerun. Sie lebt seit 1999 in Aubervilliers, einer weiteren Vorortstadt. Von außen ist das Haus ein trauriger Betonblock, aber im Innern hat die Sängerin eine Maisonette-Wohnung mit Platz für ihr Tonstudio. Sie wohnt im Erdgeschoss und hat eine Terrasse, auf die sie einlädt zu auf afrikanische Art geschmorten Hähnchen: 

"Ich habe beim Pakistani eingekauft, im Tante Emma Laden auf der anderen Straßenseite. Dort gibt es Maniokstäbe und Erdnusscreme. Die Moringablätter habe ich immerhin selbst aus Kamerun mitgebracht. Aber die Ananas für den Nachtisch habe ich auch hier gekauft. Die Mangos kommen schön reif direkt aus Afrika, sie wissen, dass die Leute das kaufen. Und hier kostet eine Mango nicht 10 Euro wir kriegen für 4 Euro ein ganzes Kilo." 

Wer in diesem Departement mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, hört Sprachen aus aller Herren Länder. Roma, afrikanische Sprachen, spanisch, arabisch, indische Dialekte. In La Courneuve leben auch viele Flüchtlinge aus Sri Lanka, Tamilen, die in den 1980er Jahren vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat flüchteten. Sie fanden im indischen Viertel in Paris Arbeit. Als ihre Frauen nachkamen, zogen sie in den Vorort. 

In der Imbissstube "Apna Punjab" läuft der Fernseher. Auf dem Bildschirm wird live das Heiligtum im Tempel der Sikh übertragen. Die Gäste wissen: Bald beginnt das Abendgebet. Hinter der Theke mit würzig riechenden Schmalzgebäcken steht Kashmir Singh, den Turban auf dem Kopf. 

Der 55-Jährige ging 1984 aus Indien weg, nachdem Indira Gandhi von ihren Sikh-Leibwächtern ermordet worden war und die Sikh verfolgt wurden. Er ist nie wieder zurückgekehrt. In Frankreich arbeitete der Sikh auf Märkten. Als er heiratete, zog er in den Pariser Vorort La Courneuve. Zuerst war das heutige Restaurant ein Telefon- und Internetcafé. 2012 eröffnete Kashmir Singh dann die erste vegetarische Imbissstube im Sektor. 

Eine Stadtführung durch "Little India"

Durch diese Welt führt die Französin Raphaelle Gras Besucher. "Little India" steht seit drei Jahren auf dem Programm des Tourismusbüros der Seine-Saint-Denis. Raphaelle Gras ist mit einem indischen Sikh verheiratet, mit dem sie einen dreizehnjährigen Sohn hat. Die dunkelblonde 49-Jährige hat ihre langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Sie wohnt in Aubervilliers, arbeitet in Saint Ouen und führt durch La Courneuve. Ihr Leben findet in den Vorstädten der Pariser Banlieue statt: 

"Die Vielfalt aller dieser Kulturen und Lebensarten ist ein toller Reichtum. Manchmal ist es toll und man ist begeistert, aber manchmal ist es schwer zu verstehen, warum der andere es nicht so macht wie man selbst. Man muss sich immer wieder in Frage stellen, überlegen wie man mit dieser Vielfalt umgeht." 

An manchen Tagen findet Raphaelle Gras, dass sich die Sprachenmischung in der Trambahn wunderbar anhört. An anderen stört es sie, dass sie nicht versteht, was da geredet wird. Raphaelle Gras hat ihr Hobby - Kochen - zum Beruf gemacht. Sie gibt Kochkurse über indische Küche und arbeitet hauptberuflich in einem Verein, der Frauen im Departement dabei unterstützt aus ihren Kochkünsten ein Geschäft zu machen, indem sie beispielsweise ein Restaurant aufmachen oder eine Cateringfirma: 

"Hier geht man entweder kreativ auf Neues zu und wagt Abenteuer - und das passt eigentlich sehr gut zum "93"er. Leute von außerhalb sind begeistert von der Kreativität und Innovation im Departement, in dem es junge Unternehmer gibt und Künstler. Aber gleichzeitig gibt es auch das Gegenteil: Rückschritt, unter sich bleiben wollen, altmodische und manchmal mittelalterliche Vorstellungen, auch das gibt es. Das Communitydenken kommt zum Teil von den Kulturen in Indien und anderswo und wird vielleicht verstärkt durch die Reden französischer Politiker. Aber ich glaube, nicht nur das Departement sondern die ganze Welt ist heute wirklich in einer schwierigen Phase."

Im Departement werden jedes Jahr über 15 000 Unternehmen gegründet, diese Zahl bringt die Seine-Saint-Denis auf Platz drei unter den Departements am Rand von Paris. Allerdings sind fast die Hälfte der Start-Ups, was man in Deutschland eine "Ich-AG " nennen würde und wahrscheinlich aus der Not geboren: Wer arbeitslos oder bei der Arbeitsplatzsuche diskriminiert ist, wird erfinderisch und gründet seine eigene Firma. 

In der Basilika von Saint-Denis wurden französische Könige gekrönt

Zwischen Saint-Denis und La Courneuve gibt es eine kleine Bierbrauerei. Rund um die Inox-Fässer im Innern, in denen die Hefe gärt, riecht es nach Hopfen. Eugénie Mai-Thé stellt dort etwa 3000 Liter Bier im Jahr her. Die asiatische Französin hat ein Dutzend neuer Biere erfunden, die jeden Monat als "Sonderbier" an Pubs in Paris geliefert werden. Die Eltern der 32-jährigen Braumeisterin stammen aus Vietnam, sie selbst ist im Departement geboren: 

"Hübsche Stadtkerne gibt es hier nicht. Dennoch ist dieser Standort aus logistischen Gründen interessant: Wir sind an der Pforte zu Paris, neben der Autobahn, die vor der Brauerei vorbeiführt. Wenn man die Tür aufmacht, ist die Aussicht nicht idyllisch, aber man muss da eine globalere Sicht haben." 

Der Weg zur Arbeit führt Eugénie Mai-Thé jeden Tag von der Straßenbahn vorbei an Hochhäusern, dann an einem Lager von Roma und schließlich über eine Brücke über die Autobahn in ihr "Reich", die Brauerei: 

"Wenn ich eines Tages mal um Mitternacht hier herauskomme, werde ich vielleicht aufpassen. Aber bisher hatte ich nie ein Problem. Ich bin im Departement aufgewachsen. Das macht mir keine Angst. Vielleicht wenn es Tatsachen geben würde. Aber ich habe keine Fantasievorstellungen von Unsicherheit. Ich bin selbst in einer Vorstadt-Siedlung zur Schule gegangen. Ganz ehrlich, wir haben hier wirklich etwas aufgebaut, wir sind begeistert vom Brauen und die Leute gehen von hier weg, ohne daran zu denken, dass sie in einem der am meisten benachteiligten Departements von Frankreich waren." 

2030 wird die Seine-Saint-Denis zur "Metropole Groß-Paris" gehören. 24 der 72 geplanten neuen Bahnhöfe liegen im Departement. In naher Zukunft werden neue Straßenbahn- und Metrolinien gebaut, die Gemeinden untereinander verbunden sowie mit dem Stade de France und den beiden Flughäfen Le Bourget und Charles de Gaulle. 

Im Departement 93 steht die Basilika von Saint-Denis, in der die französischen Könige gekrönt wurden. Es gibt moderne Theater, Kinos, Museen. "Städte der Weltmusik" heißt eines der vielen Festivals der Banlieue. "Villes des musiques du monde" wurde vor bald 20 Jahren gegründet und findet jeden Herbst gleichzeitig in Paris und in 14 Vorortstädten des Departements 93 statt. Direktor Kamel Dafri: 

"Wir haben bereits vor der Politik an ein Groß-Paris der Kulturen gedacht. Ich glaube, die Medien würden unserem Festival mehr Beachtung schenken, würden wir ein Treffen um ein brennendes Auto organisieren. Da hätten wir mehr Erfolg als mit Werten wie kulturellem Austausch. Aber wir machen trotzdem weiter und zeigen den Reichtum unserer Vorstädte."

 

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