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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.08.2009

Den Zahlen Namen und Gesichter geben

Hans-Hermann Hertle im Gespräch mit Andreas Müller

Hertle: Die Arbeit ist noch nicht beendet.  (AP)
Hertle: Die Arbeit ist noch nicht beendet. (AP)

Das gerade erschienene Buch zu den Todesopfern an der Berliner Mauer erzählt die Lebensgeschichten der insgesamt 136 Toten. Aus der abstrakten Zahl werde so eine Reihe von Schicksalen deutlich, so Mitautor Hans-Hermann Hertle im Gespräch.

Andreas Müller: Übermorgen jährt sich wieder der Bau der Berliner Mauer. Am 13. August begannen Angehörige von NVA, Grenzpolizei, Schutzpolizei und Betriebskampfgruppen, Straßen- und Schienenverbindungen zwischen Ost- und Westberlin abzuriegeln. Erste Zäune wurden errichtet, Hauseingänge zugemauert. Und sofort versuchten Menschen, aus dem Ostteil der Stadt in den Westen zu fliehen. Bereits zehn Tage nach der Grenzschließung gab es bei einem Fluchtversuch eine erste Tote, Ida Siekmann, die beim Sprung aus ihrer Wohnung in der Bernauer Straße ums Leben kam. Wie viele Menschen genau ihr Leben an der Mauer beziehungsweise der Grenze in Berlin verloren, war bis vor Kurzem nicht klar. Die Zahlen schwankten. Das Westberliner Polizeipräsidium nannte 1989 noch 92 Todesfälle, die Arbeitsgemeinschaft 13. August zählte sogar 235 Tote. Die Historiker Hans-Hermann Hertle und Maria Nooke vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam haben sich gemeinsam an die Erforschung der genauen Zahl der an der Berliner Mauer Getöteten gemacht und das Ergebnis ist jetzt in einem voluminösen Buch erschienen. "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch", so ist das Ganze unterschrieben. Der Abschlussbericht der beiden Forscher nennt nun eine neue Zahl: 136 Menschen sind demnach an der Mauer getötet worden. Hans-Hermann Hertle ist jetzt bei uns zu Gast. Ich grüße Sie!

Hans-Hermann Hertle: Guten Tag!

Müller: Die Zahl der Toten, ich habe es gesagt, war lange unklar, schwankte stark. Wie sind Sie auf Ihre Zahl von 136 Getöteten gekommen?

Hertle: Die Zahlenangaben über die Todesopfer an der Mauer schwankten, weil verschiedene Einrichtungen – wie die Staatsanwaltschaft, wie die Berliner Polizei, die Sie genannt haben, oder die Arbeitsgemeinschaft 13. August – unterschiedliche Erfassungskriterien zugrunde gelegt hat. Wir haben zum Beginn unserer Arbeit alle Todesfälle und Verdachtsfälle, die bis dahin auf amtlichen und nichtamtlichen Listen veröffentlicht worden sind, in eine Datenbank aufgenommen und dann begonnen, diese Todes- und Verdachtsfälle zu prüfen. Wir hatten am Ende des Projektes 575 Verdachtsfälle und, wie Sie gesagt haben, wir kommen zu dem Ergebnis, dass wir von mindestens 136 Todesopfern an der Berliner Mauer sprechen, weil es eine Reihe von Fällen gibt, insgesamt 24, zu denen Unterlagen nicht vorliegen oder sich nicht eindeutig erschließen lässt, ob es sich um Todesopfer an der Mauer handelt.

Müller: Polizei und Staatsanwaltschaft, das sind ja keine Historiker, anders als Sie. Welche Quellen haben Sie denn studiert, um zu diesem Ergebnis zu kommen?

Hertle: Uns lagen zum ersten Mal zur Auswertung vor die staatsanwaltschaftlichen Akten aus den Verfahren gegen die Mauerschützenprozesse. Uns lagen weiter vor die Unterlagen, die beim Berliner Polizeipräsidenten gesammelt wurden. Wir haben ausgewertet die Akten der Grenztruppen im Militärarchiv in Freiburg und vor allen Dingen auch in den verschiedenen Berliner einschlägigen Archiven.

Müller: Wie definiert man denn nun, wer ein Maueropfer ist? Wie sind Sie da vorgegangen?

Hertle: Wir sind anhand der konkreten Fälle vorgegangen und haben uns dann in der Tat für eine Definition entschieden, die beinhaltet, dass wir nachweisen müssen bei einem Todesopfer an der Berliner Mauer, dass der- oder diejenige bei einer Fluchtaktion getötet worden ist oder auch verunglückt ist, viele sind ja bei der Flucht auch ertrunken. Das war das eine Kriterium, und das zweite Kriterium, das wir aufgestellt haben, war, dass Todesfälle eintreten durch eine Aktion von Grenzsoldaten, also sprich durch Schüsse oder aber auch durch unterlassene Hilfeleistung. Die unterlassene Hilfeleistung hat in einigen Fällen zum Beispiel vorgelegen bei den Kindern, die in den 70er-Jahren am Kreuzberger Gröbenufer ins Wasser gefallen sind, wo weder Grenzsoldaten noch die Westberliner Bevölkerung eingeschritten ist und die Westberliner vor allen Dingen deshalb keine Hilfe geleistet haben, weil sie damit rechnen mussten, dort erschossen zu werden.

Müller: Die Zahl, die Sie jetzt vorgelegt haben, könnte die für Diskussionen sorgen? Es gibt ja Institutionen, ich habe sie eben genannt wie die Arbeitsgemeinschaft 13. August, die gehen von einer viel höheren Zahl Getöteter aus.

Hertle: Uns ging es vordergründig nicht allein um die Feststellung der Zahl, sondern uns ging es darum, den Zahlen und den Nummern Namen zuzuordnen und den Namen Gesichter und diesen Gesichtern ihre Geschichte zurückzugeben. Und das war das Ziel unseres biografischen Handbuches. Wir haben unter unseren 575 Verdachtsfällen alleine 250 überwiegend ältere Reisende auch, die an Berliner Grenzübergängen vorwiegend an einem Herzinfarkt gestorben sind, das heißt, wir haben zu den mindestens 136 Todesopfern weitere Opfer, die auch als Todesopfer im weiteren Sinne zu begreifen sind.

Müller: Ihr Buch beeindruckt auch dadurch, dass Sie den Menschen, Sie haben es eben angesprochen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Grenze ihr Leben verloren, ein Gesicht wiedergegeben haben. Aus der abstrakten Zahl wird eine Reihe von Biografien und Schicksalen. Sie erzählen die Geschichte der Menschen auf jeweils zwei, drei Seiten und drucken da, wo vorhanden, auch ein Foto ab. Wollten Sie den Opfern damit auch so etwas wie ein kleines Denkmal setzen?

Hertle: Sicher ja, wir wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie in unserer Erinnerung bewahrt werden können. Man darf ja nicht vergessen, dass in vielen Fällen, in denen Menschen, Flüchtlinge erschossen worden sind, den Angehörigen die Unwahrheit gesagt worden ist. Sie sind belogen worden über die Todesumstände. Viele haben erst im Zuge der Mauerschützenprozesse und der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dann Anfang der 90er-Jahre erfahren, wie ihre Angehörigen ums Leben gekommen sind. In den 60er-, 70er- und 80er-Jahren sind die Familienmitglieder, die Mütter, die Ehefrauen häufig zum Stillschweigen verurteilt worden und natürlich war es unser Ziel, sowohl den Todesopfern als auch den Angehörigen, die über so viele Jahrzehnte schweigen mussten, eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem wir sie nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit dem Historiker Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Er hat zusammen mit Maria Nooke das Buch "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989" vorgelegt. Herr Hertle, eine heikle Frage ist ja, wie man mit den getöteten Grenzsoldaten umgeht. Sind das für Sie auch Mauertote?

Hertle: Das sind für mich selbstverständlich auch Mauertote. Es stößt in der Öffentlichkeit auf Vorbehalte, weil natürlich auch im Zusammenhang mit unserem Projekt die Grenzsoldaten natürlich überwiegend als Todesschützen auftreten. Das ist bei diesen acht Grenzsoldaten, die getötet wurden, nicht der Fall. Man muss sich von dieser Vorstellung lösen. Man kann sie nicht ausschließlich als potenzielle Todesschützen sehen und auf ihre Funktion festschweißen, sondern man muss sehen, dass sie auch Menschen waren. Und ich darf hier darauf hinweisen, dass einer dieser Grenzsoldaten, der von einem fluchtwilligen Volkspolizisten erschossen wurde, sich selbst auch mit Fluchtgedanken trug.

Müller: Es gibt andere problematische Fälle, nämlich die, bei denen Flüchtende ja Straftaten begingen, also, nicht nur in diesem erwähnten Falle ein Grenzsoldat, sondern da gab es eine Geiselnahme zum Beispiel, in den 60er-Jahren war das, glaube ich. Plötzlich haben wir so eine komische Debatte, es geht plötzlich um schlechte und gute Opfer dieser entsetzlichen Grenze. Diese Debatte kann man aber, glaube ich, nicht führen, oder?

Hertle: Nein, gerade die Geiselnahme muss natürlich als problematisch angesehen werden, nur, der Volkspolizist, der sie am Checkpoint Charlie damals durchgeführt hat und dabei dann getötet worden ist, steckte in höchsten seelischen Nöten. Und unser Ziel war es, in diesem Handbuch diese Situation des Einzelnen darzustellen, also wie tief die menschliche Not gewesen sein muss, um zu einer solchen Handlung getrieben zu werden.

Müller: Es ist ja auch so, dass nicht alle Maueropfer Menschen sind, die an der Grenze getötet wurden. Es gibt physisch und psychisch Verletzte, es gibt beschädigte Biografien. Gibt es da Kategorien, um einen weiteren Kreis der Maueropfer zu bestimmen?

Hertle: Es gibt sicher über unsere engere Definition der Todesopfer an der Berliner Mauer hinaus Opfergruppen, die auch zu berücksichtigen sind. Wir beanspruchen nicht, mit diesem Buch alle Opfer der Mauer zu erfassen, was vermutlich auch schwierig sein wird. Es haben sehr viele Menschen aus Kummer über die Trennung von ihren Angehörigen oder aus Kummer über die politischen Verhältnisse Selbstmord begangen oder sind auf andere Art und Weise gestorben. In einem weiten Sinne sind das natürlich auch Opfer der Mauer und natürlich auch die Flüchtlinge, deren Flucht gescheitert ist und die in Stasigefängnissen gesessen sind und später dann in Bautzen, genauso wie die Ausreiseantragsteller. Also, dieser Kreis der Opfer der Mauer ist sehr viel größer als der, den wir unter den Todesopfern an der Berliner Mauer zusammengefasst haben.

Müller: Sie haben es eben auch schon angedeutet, aber noch mal ruhig die Frage: Muss eigentlich grundsätzlich neu über einen angemessenen öffentlichen Umgang mit den Opfern dieser Grenze nachgedacht werden?

Hertle: Es wird ja darüber nachgedacht, auch unabhängig von unserem Projekt, aber teilweise auch angestoßen: Es gibt in Berlin zahlreiche bürgerschaftliche Initiativen, die begonnen haben, Straßen umzubenennen oder Kreuze aufzustellen für Mauertote. Und es ist vor Kurzem ein Beschluss gefasst worden, dass auf dem gesamten Mauerradweg um Berlin an den Orten, an denen Todesopfer an der Mauer zu beklagen sind, Erinnerungstafeln aufgestellt werden.

Müller: Ist die Arbeit an dem Thema mit Ihrem Buch, mit dieser Arbeit nun endgültig beendet oder glauben Sie, dass da noch Dinge sind, die man vielleicht in ein paar Jahren erst finden wird?

Hertle: Sie ist ganz sicher nicht beendet. Wir wünschen uns und wir hoffen, dass wir mit weiteren Angehörigen von Mauertoten auch in Kontakt treten können, dass sich Angehörige in der Gedenkstätte Berliner Mauer melden und uns helfen, auch weitere Fakten zu finden, und ich denke, möglicherweise werden sich auch Angehörige melden, die darauf hinweisen, dass unser Buch nicht vollständig ist und wir nehmen diese kritischen Hinweise gerne auf.

Müller: Das war der Historiker Hans-Hermann Hertle, der zusammen mit Maria Nooke das Buch "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989" vorgelegt hat. Beide sind vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Mit dem Zentrum und der Bundeszentrale für politische Bildung betreibt Deutschlandradio die Website Chronik der Mauer, und die finden Sie unter www.chronik-der-mauer.de. Das Buch erscheint im Christoph Links Verlag und kostet 24,90 Euro.

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