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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

"Den Reichtum in die Welt transportieren"

Leiter der Literaturwerkstatt Berlin über Gründe für ein deutsches Zentrum für Poesie

Thomas Wohlfahrt im Gespräch mit Christine Watty

Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin (Privat)
Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin (Privat)

Deutsche Dichtung finde international kaum statt, sagt der Germanist Thomas Wohlfahrt. Ein nationales Zentrum für Poesie solle die deutsche Lyrik im Ausland wieder bekannt machen. Außerdem könnte es alle schon vorhandenen Gedichten sammeln und zugänglich machen.

Christine Watty: Ich habe nochmals gestöbert am letzten Tag des Lyriksommers, und das können Sie auch – alle Beiträge finden Sie auf dradio.de –, und in den letzten Wochen haben wir uns zum Beispiel mit arabischer Lyrik beschäftigt, mit dem politischen Gedicht, dem Langgedicht. Wir haben erkundet, warum Lyrik unser Gehirn anspricht, und uns über das komische Gedicht unterhalten sowie Ihnen und natürlich auch uns auch jede Menge Lyrik vor die Ohren ins Programm hineingestreut.

These dieser Reihe war von Anfang an: Lyrik boomt – und das tut sie auch in Deutschland. Einer, der das ganz genau wissen muss, ist Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin. Seit 1991 schon kommen aus diesem Hause unzählige Ideen, die Lyrik zu fördern und sie in Szene zu setzen. Die Literaturwerkstatt veranstaltet zum Beispiel das ZEBRA Poetry Film Festival, das Poesiefestival Berlin und unterhält unter anderem das Portal lyrikline.org, das zeitgenössische Poesie multimedial präsentiert.

Und sie tun noch vieles mehr, und am liebsten soll sich alles rund um Lyrik und Lyriker, um Archivierung und Förderung nun in einem Zentrum befinden, dem deutschen Zentrum für Poesie. Das fordert die Literaturwerkstatt. Wir haben mit Thomas Wohlfahrt gesprochen und ihn zunächst gefragt: Um eine solche Forderung zu stellen, muss man ja erst man natürlich den Bedarf begründen.

Wie geht es eigentlich der Lyrik hierzulande?

Thomas Wohlfahrt: Das ist sicherlich die richtige Frage. Der Bedarf ist da. Der Lyrik in diesem Lande geht es gut, was die Produktion betrifft. Ich glaube Lyrik aus der Bundesrepublik Deutschland - das meint die deutsche, aber natürlich auch die anderssprachige, die hier entsteht - gehört zu den spannendsten in der Welt, weil sie auch eine große Poesiegeschichte hinter sich hat oder darauf zurückgreifen kann, was immer wichtig ist.

Was noch hinzukommt, das ist, dass sich allmählich durchsetzt das Bewusstsein, das Poesie oder Lyrik eine eigenständige Kunst ist, viel dichter an der Musik als Prosa beispielsweise. Das geht eigentlich zurück auf Zeiten, wo sie entstanden ist, also irgendwo zwischen Tanz und Musik als Bestandteil kultischer Handlungen als Drittes, was quasi sinnstiftend ist. Und das hat sie bis heute nicht aufgegeben.

Ein weiterer Umschlagpunkt war sicherlich der Buchdruck: Alles, was so mnemotechnisch war, also Reim, Rhythmus, Klanglinien, das sind ja Erinnerungsstrukturen, wäre ja ab sofort nicht mehr nötig gewesen, weil man hat ja das Buch gedruckt vor sich. Trotzdem ist es nicht aufgegeben worden, und heute haben wir eigentlich die Situation, dass, wenn man einen Lyrikband hat, man eigentlich so etwas hat wie die Partitur eines Musikstücks. Und dazu braucht es – das ist viel einfacher, dann funktioniert’s nämlich auch - ein Instrument. Und das ist also im Falle der Lyrik die menschliche Stimme, die das wunderbar transportieren kann, und schon geht es von den Körper in Körper rein.

Das hat sich so allmählich durchgesetzt, nur in den germanistischen Seminaren wird da immer noch von der Lyrik on Top on the Pop geredet, Prosa und Drama sei drunter. Diese beiden anderen literarischen Künste haben ihre Orte, Lyrik hat sie nicht. Andere Länder haben es uns vorgemacht, wie gut es ist, wenn man solche Zentren hat. Das ist ja nicht, um etwas zusammenzupressen, sondern als Transmissionsriemen muss man das bitte verstehen. Da übernimmt man gesamtstaatliche Aufgaben. Das ist ja ganz wichtig in diesem Land, das ja föderal strukturiert ist.

Watty: Die Lyrik hat also diesen Ort nicht, sagen Sie, und sie hat natürlich auch immer noch diesen Nischenbeigeschmack. An dieser Stelle wäre es vielleicht ganz gut, wenn Sie uns noch mal beweisen, wie aktuell und wie nah dran die Lyrik auch sein kann, um vielleicht auch Menschen zu überzeugen, für die das immer nur dieses Tüpfelchen auf dem I, das, was ganz oben steht, ist.

Wohlfahrt: Die Dichterin Monika Rinck hat ein Gedicht geschrieben, das heißt schlicht und ergreifend "Zinsverbot", spielt an auf das, was ja verboten war bis ins 16. Jahrhundert, überhaupt Zins zu nehmen. Das war unschicklich, gehörte sich nicht, das war dem Juden als dem vorbehalten, der damit Wucher machte. Das hatte natürlich wieder mit jüdischen Diskriminierungen zu tun, und so weiter, und so fort – also, das "Zinsverbot" von Monika Rinck geht folgendermaßen, und da wird es vielleicht deutlich, was Lyrik alles kann:

Zinsverbot

Da hat doch schon wieder jemand die Milch in der Kuh verkauft.
Die Zukunft steht prinzipiell offen. Moment, das ist mein Euter!
Ihr sollt die Milch nicht im Euter verkaufen. Futures, Terminhandel:
auch das nicht. Und ihr sollt nicht mit unreifen Früchten handeln.
Ihr sollt warten, bis die Reize eine angemessene Größe haben,
groß genug, um damit für Tiernahrung oder Mietwägen zu werben.
Ja, das dauert. Stichwort: Volatilität! Auch sollt ihr die Wolle nicht
auf dem Rücken der Tiere verkaufen. Nicht einmal das. Und Zins
sollt ihr nicht nehmen! Wie? Zins nicht! Ihr habt schon verstanden.
Wenn man euch versehentlich Gelder als Zinsguthaben übereignet,
werdet ihr die präzise atomisieren, zugunsten insolventer Besteller.
Das wäre es, in etwa. Mehr braucht ihr dazu gar nicht zu wissen.
Und es wird euch wohlergehen auf Erden. Ja, ich meine es ernst.

Watty: Ein Gedicht im "Radiofeuilleton" im Deutschlandradio Kultur, vorgetragen von Thomas Wohlfahrt, es stammt von Monika Rinck. Die Lyrik ist aktuell, wurde an dieser Stelle natürlich noch mal ganz klar bewiesen, und sie braucht einen Ort. Das deutsche Zentrum für Poesie, was könnte es denn tun, denn es gibt ja Orte für die Lyrik, und Sie haben es auch schon erwähnt, der Lyrik geht es in Deutschland eigentlich ganz gut. Wieso braucht sie dieses Zentrum?

Wohlfahrt: Lyrik sollte überall da sein, wo Menschen sind, und da ist sie ja auch. Unterschiedlich gefördert, das hat mit den regionalen, lokalen Länderbedingungen zu tun. Was fehlt, ist natürlich der Bereich des internationalen Auftritts. Der deutsche Dichter oder Dichtungen aus diesem Land findet international kaum statt. Das bricht richtig weg, nach Brecht, Benn, Celan das kann man nachweisen. Zum Beispiel gilt Hermann Hesse in aller Welt als der große deutsche Lyriker nach Goethe. Spielt bei uns in dieser Form weniger eine Rolle, ne?

Ein Zentrum hat dafür zu sorgen, dass dieser Austausch organisiert wird, indem man Übersetzungsförderung macht. Wenn ich sage, deutsche Dichtung sollte wieder in der Welt wahrgenommen werden, heißt das auch, ich muss den Gegenverkehr auch zulassen und den auch organisieren. Es geht eigentlich darum, sich auch das Gedächtnis wieder zu organisieren. Wir haben sicherlich Sammelstellen in Marbach, Weimar und wo auch immer, aber die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart ist nirgendwo konsequent gesammelt. Das heißt, wir denken an eine Mediathek. Das meint das Buch, natürlich.

Aber Lyrik, das hat mit ihrem Charakter zu tun, existiert eben auch in allen möglichen anderen formalen oder medialen Situationen. Da gibt es das Tape, das große Rundfunkarchiv, das geht bis zum Film, der ganze Bereich der visuellen Poesie. Neuerdings die digitale Poesie, alles da flüchtig, nirgendwo versammelt, der ganze Reichtum sollte erst mal gehoben werden und zusammengeführt werden. Und dazu, dass es so etwas gibt, wie ein, sagen wir mal, digitales Findbuch, das erstmals zusammenführt, was wo wo auch immer alles schon da ist, und verweist, wo man das finden kann.

Und viele Archive, die sammeln, die wissen gar nicht, was sie auch unter lyrischen Aspekten schon haben. Also das mal zusammenzutragen und der Welt zur Verfügung zu stellen, würde, glaube ich, sehr viel bedeuten und sehr viel bewegen für die Dichterinnen und Dichter in diesem Land, und für die ganze Dichterszene. Es wird ein gesellschaftliches Transformationssystem, denke ich mir, verändern. Und natürlich muss man auch den ganzen Bereich kulturelle Bildung bedenken, vor allem muss man Teach the Teachers machen. Ich glaube, mit der Schule, die Erfahrung haben wir alle, ist ziemlich viel in uns zerbrochen. Man müsste mal wieder richtig Staub putzen, um die Zugänge wieder freizuschaufeln zu Gedichten – also Aufgaben gibt es da en masse, ohne dass man in föderale und lokale Gegebenheiten eingreifen würde.

Watty: Ich habe ja schon vorsichtig gefragt, was könnte dieses Zentrum tun. Allerdings kann man das schon so ein bisschen konkretisieren, denn die Pläne sind schon einigermaßen weit gediehen. Letzter Stand laut Internet: Das Land Berlin hat inzwischen verbindlich zugesagt, das deutsche Zentrum für Poesie anteilig und jährlich zu unterstützen finanziell, und beim Staatsminister für Kultur und Medien ist die notwendige Unterstützung beantragt. Das heißt, wird es dieses Zentrum geben?

Wohlfahrt: Wir kämpfen dafür, und wir sind ja nicht alleine. Das ist keine Privatangelegenheit, sondern hinter uns stehen die Vollversammlung der Dichterinnen und Dichter, die Vollversammlung eigentlich der Lyrik noch verlegenden Verlage, und dazu gehören Wissenschaftler, dazu gehört eine interessierte Öffentlichkeit. Was wir schon mitbringen, ist zum Beispiel die lyrikline.org. An die 900 Dichter aus 58 Sprachen sind da zu lesen, zu hören, und mit 11.000 Übersetzungen zu verstehen. Was wir auch mitbringen, ist Europas größtes Poesiefestival, also das Poesiefestival Berlin, mit doch 10.000, 12.000 Besuchern jedes Jahr. Was wir auch mitbringen, ist das ZEBRA Poetry Film Festival, was sich größter Beliebtheit erfreut, was ständig international auch unterwegs ist, und, und, und. Und wir haben eine Methodik des Poesieübersetzens entwickelt. Also wir bringen da auch sehr viel schon mit.

Watty: Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt im Deutschlandradio Kultur zu den Plänen für ein deutsches Poesiezentrum. Das stößt nicht nur auf Begeisterung, auch wenn Sie sagen, dass natürlich sehr, sehr viele Menschen und Institutionen bereits hinter Ihnen stehen. Florian Kessler schreibt zum Beispiel in der "Süddeutschen Zeitung" etwas spitz: "Die Rede ist bei dieser Förderung von 3,1 Millionen Euro an Bundes- und Landesmitteln. Verglichen mit den ebenfalls geringen sonstigen Möglichkeiten von Literaturförderung in Deutschland […] verschiebt sich die Perspektive."

Obwohl das jetzt nicht so ein wahnsinnig großer Betrag ist, was entgegnen Sie solcher Kritik? Denn der Tenor ist schon ein bisschen, es gibt schon viel, es gibt Förderung, und es gibt vor allem viele Festivals. Es gibt Institutionen, die Literaturwerkstatt selbst tut so viel, aber jetzt auch noch dieses Zentrum, könnte tatsächlich zu einer Art der Unwucht führen.

Wohlfahrt: Also erst mal nehmen wir nirgendwo was weg. Jede Politik, die damit argumentiert, argumentiert grundsätzlich falsch. Wir versuchen, dem Bund deutlich zu machen – da gibt es ja auch sehr viel Unterstützung bereits –, dass es eine Notwendigkeit hat, und da, wo der Bund zuständig ist, das heißt, das Gesamtstaatliche, die Internationalität, den Reichtum, den wir hier haben, in die Welt wieder zu transportieren, da ein Markenzeichen zu geben und auch wieder zu empfangen. Also dieses Doppelwegsystem, das gehört dazu, und das passiert eben auf lokaler und Länderebene genau nicht.

Watty: Diese digitalen Archivierungsideen sind wahrscheinlich auch wirklich unbestritten. Allerdings, das Zentrum, das dann auch mit einer großen Fördermöglichkeit für Lyriker in Deutschland daherkommt, könnte das nicht auch indirekt zu einer Einschränkung führen und in einer Art und Weise die Lyrikszene formalisieren und durch dieses große Zentrum eventuell auch beschränken in ihrer Kreativität?

Wohlfahrt: Das sehe ich überhaupt nicht, wie gesagt, wir werden ja nichts wegnehmen, sondern es soll ja was dazukommen. Also Stipendien sind wo auch immer organisiert, über Stiftungen, auf der Landesebene, es wird ja alles bleiben. Woran wir denken, wenn wir sagen, Stipendienprogramme, dann ist es genau, dafür zu sorgen, dass ein internationaler Austausch zustande kommt, dass hier lebende DichterIn in die Lage versetzt wird, einen Stipendienort in Kanada, in Israel, wo auch immer diese Orte sind für Dichter, zu besuchen.

Das bedeutet in der Umkehrung, dass man einen Dichter von dort hier empfängt, und das ist verbunden mit einem Residenzprogramm, das ist völlig richtig. Was wir dringend brauchen, ist analog, sagen wir mal, zu den ganzen Buchpreisen und der Prosa, die ja existieren, einen Preis von nationaler Bedeutung und genau für die Lyrik, der natürlich alle möglichen Schichtungen auch hat, Förderpreis, Übersetzerpreis und so weiter und so fort. Also da ist unglaublich viel Reichtum auf der einen Seite, sehr viel zu heben auf der anderen Seite, damit wir diesen Reichtum auch wahrnehmen können. Also noch mal: Wir nehmen da nichts weg, sondern es soll etwas dazukommen.

Watty: Danke schön an Thomas Wohlfahrt von der Literaturwerkstatt zu den Forderungen eines deutschen Zentrums für Poesie. Das erwähnte Portal lyricline.org hat übrigens am Sonntag einen großen Relaunch vor, lohnt sich also, da mal vorbeizuschauen. Alle Beiträge, alle Interviews, die wir Ihnen hier in unserer Reihe Lyriksommer präsentiert haben, die finden Sie natürlich auch jederzeit bei uns auf dradio.de


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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