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FilmstartDrei sind eine(r) zuviel
Hannah Herzsprung (links, als Caroline von Beulwitz), Florian Stetter (Friedrich Schiller) und Henriette Confurius (Charlotte Lengefeld) in Weimar während der Dreharbeiten von Dominik Grafs Film "Die geliebten Schwestern".

Die leichte, spielerische Dreiecksbeziehung wie in Dominik Grafs Film "Die geliebten Schwestern" ist die Ausnahme. 2000 Jahre christliche Moral sind auch auf der Leinwand nicht einfach so wegzuwischen.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.02.2013

Den Iran im Herzen

Die Wahlamerikanerin Shirin Neshat ist Jurorin im Berlinale-Wettbewerb

Von Barbara Wiegand

Shirin Neshat
Shirin Neshat (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Die in den USA lebende Iranerin Shirin Neshat sitzt in der Wettbewerbs-Jury der Berlinale – als eine Bildende Künstlerin unter lauter Filmleuten. Ihr erster Spielfilm zeigte die Mauern, die Männer- von Frauenwelten im Iran trennen.

"Für mich ist das absolut spannend – gerade weil ich neu bin in der Filmwelt. Und es zeigt, dass dieses Festival seinen Horizont erweitern will. Schließlich hat man außer mir ja noch andere Leute eingeladen, die unterschiedliche Hintergründe haben und nach anderen Wegen suchen, um ihre Geschichten zu erzählen."

Klein, zierlich und dabei energiegeladen – so wirkt Shirin Neshat auch noch nach dem zigstem Interviewtermin. Die dick mit schwarzem Kajal untermalten Augen sprühen. Sie hat spürbar Lust darauf, Jurymitglied der Berlinale zu sein – als Bildende Künstlerin unter Filmleuten. Und vielleicht schaut sie bei den 19 Wettbewerbsfilmen dann doch ein wenig anders hin als die anderen. So wie die Bilder ihrer Video- und Filmarbeiten auch eine eigene, besondere Ausdruckskraft haben.

Zwar sind die Inhalte ganz offensichtlich politisch, immer wieder geht es um die Unterdrückung vor allem der Frauen in ihrer Heimat Iran. Aber die 56-Jährige übersetzt das in eine symbol- und metaphernreiche Sprache: Mauern trennen Männer- von Frauenwelten, Gärten sind Zuflucht und Rückzugsgebiet. Etwa in "Women without Men" – Neshats erster Spielfilm, mit dem sie 2009 in Venedig den Regiepreis gewann und der auch im Iran auf zahlreichen Raubkopien gesehen wurde:

"Ich glaube, Metaphern, Allegorien, eine gewisse Poesie sind eine gute Möglichkeit, um die Dinge im Iran zu hinterfragen. Um an der Zensur vorbei die Dinge zu beleuchten, so dass die Menschen dort sie deuten können."

Sicher, für sie, die nicht im Iran lebt, sind solche Ausdrucksformen weniger Notwendigkeit denn künstlerisches Stilmittel. Und manchmal wirken ihre Arbeiten dadurch etwas künstlich, plakativ. Und doch kann man sich der Faszination der Schwarz-Weiß-Ästhetik, der atmosphärischen Bilder nicht entziehen. Eine Faszination, die vielleicht gerade durch den Zwiespalt entsteht, in dem Neshat steckt. Dass ihre Filme Außenansichten ihres Heimatlandes sind, dem sie sich bis heute tief verbunden fühlt:

"Ja, man kann das auch so sagen: Man kann einen Iraner zwar aus dem Iran vertreiben, aber nicht den Iran aus seinem Herzen. Aber wenn ich mich mit meiner Heimat befasse, dann geht es mir nicht so sehr um soziale politische Aspekte, mehr um persönliche Geschichten. Auch wenn mein Blick sicher ein anderer ist, als der der Menschen, die noch im Iran leben, ich versuche immer, den Menschen und dem Land nahe zu sein."

1957 in einer Stadt 180 Kilometer von Teheran entfernt geboren, wächst Neshat in einem westlich orientierten Haushalt auf. Sie besucht ein katholisches Internat, geht zum Studium in die USA. Als sie 1990 von dort zurückkehrt, ist sie tief betroffen vom Wandel im Iran. "Women of Allah" – ihre erste Fotoserie entsteht. Später traut sie sich nicht mehr in ihre Heimat zu reisen. Sie lebt in New York, arbeitet in Marokko, der Türkei, Mexiko. Etwa das Video "Turbulent" in dem sie den auftritt eines Mannes vor großem Publikum einer Frau gegenüberstellt, die einsam und dabei umso eindringlicher ihre Stimme erhebt:

"Ich glaube, die Arbeit iranischer Künstler ist immer auch ein Ausdruck des Schmerzes, der Melancholie, der Sehnsucht nach besseren Tagen. Ein Hang zur Melancholie, zur Mystik, der unser Land schon lange prägt. Und mit meiner Kunst gebe ich den Menschen im Iran vielleicht eine Stimme. Aber was dabei herauskommt, ist sicher kein Hilfeschrei. Es ist eher ein Ausdruck dieser tiefen, manchmal tieftraurigen Gefühle."

So sind die Filme und Videos der Shirin Neshat voller bedrückender Bilder. Bilder, die ein Spiegel der Gefühle sind, die sie für ihr Land und die Menschen dort hegt. Und vielleicht auch ein Ausdruck der enttäuschten Hoffnungen, über die ins Stocken geratene oppositionelle Grüne Bewegung im Iran, über den Arabischen Frühling, der an islamistischen Kräften zu scheitern droht? Nein, meint Shirin Neshat. Statt zu resignieren, lautet ihre Devise: Weitermachen. Und so ist ihr neues Projekt schon in Arbeit: Ein Film über die 1975 verstorbene ägyptische Sängerin Umm Kulthum, deren Musik Neshat aus ihrer Kindheit kannte und deren politisches Engagement sie auch heute noch bewundert:

"Sie war eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts in der muslimischen Welt. Einer Welt, von Traditionen geprägt und von Männern dominiert. Und dass sie so verehrt wurde und wird, das zeigt den Menschen im Westen: Hei – wir sind nicht so barbarisch. Die Frauen sind nicht immer nur Opfer. Es gab hier eine Frau, die war populärer als mancher König. Zu ihrer Beerdigung kamen vier Millionen Menschen. Das ist doch hierzulande unvorstellbar. Ja, der Film soll den westlichen Klischees von der unterdrückten muslimischen Frau etwas entgegensetzen. Und ich glaube, gerade jetzt ist die Geschichte dieser Frau eine Geschichte, die erzählt werden sollte."

Gesamtübersicht: Unser Programm zur 63. Berlinale - Alle Sendungen im Überblick