Freitag, 28. November 2014MEZ02:20 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsHaftbefehl, Schreibenergien und komische Namen
Die neueste Version des maschinenlesbaren und angeblich fälschungssicheren Personalausweises, der ab 1. Januar 1986 erstmals ausgegeben werden soll, wird im Dezember 1984 vom Bundesinnenministerium in Bonn vorgestellt. Ob dies die entgültige Form des umstrittenen Ausweises sein wird, muß noch vom Bundestag entschieden werden.

Die "Zeit" belehrt über den richtigen Umgang mit dem neuesten Werk des Rappers Haftbefehl, aber gibt auch Patrick Modiano Raum, der sich bescheiden über seine Ambitionen auslässt. Die "Berliner Zeitung" dagegen zeigt sich heute volksverbunden: Sie kümmert sich um die Mustermanns.Mehr

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Fazit

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.04.2011

Den Brei, den ess ich nicht!

"Der Mann an Tisch 2" mit der "Sputnik Shipping Company" aus Budapest am Schauspiel Köln

Von Martin Burkert

Blick auf Köln
Blick auf Köln (WDR-Fotoredaktion)

Die kleine Kneipe von nebenan - da ist was los. Nach und nach kommen die Akteure: Der Koch mit Gitarre, ein Mann, der neu seinen Dienst hinter der Theke antritt, die viel umworbene Kassiererin, eine Putzfrau im Kostüm einer Krankenschwester.

Viktor Bodó vereint das deutsch-ungarische Ensemble durch einen sprachlichen Trick. Die Schauspieler sprechen fast nichts und wenn doch, dann weder Deutsch noch Ungarisch. Sie reden eine unverständliche Kunstsprache. Pizzicato oder so ähnlich bedeutet "Guten Tag".

Warum das Stück "Der Mann an Tisch 2" heißt, wird nicht geklärt. Auf keinem der sechs Tische steht ein Kärtchen für "Tisch 2" und es sitzt auch nirgendwo ein speziell gekennzeichneter Mann. Der ursprüngliche Text von "Tisch 2" hat sich wohl im Verlauf der Proben aufgelöst, genau wie der noch im Spielzeitheft des Kölner Schauspiels angekündigte Plan, dass Viktor Bodó das Stück "Der Revisor" von Gogol inszeniert.

Der Abend startet mit einer wilden Showdown-Szene wie aus einem Kriminalfilm: Frauen schreien, mit Pistolen wird herumgefuchtelt, Menschen suchen Deckung. Die hektische Aktion bricht abrupt ab, es wird dunkel. Black. Licht. Wir sehen eine leere Kneipe im Stil der 60er-Jahre mit dem rau-uncharmanten Flair einer Kantine oder sozialistischen Gaststätte.

Sechs Holztische mit metallenen Beinen stehen im Raum, Stühle drum herum im gleichen Stil. Es gibt eine Theke mit Essenstöpfen, aus denen Kartoffelbrei geschöpft wird und eine Treppe in den ersten Stock. Dort befinden sich drei ominöse Türen, wahrscheinlich Toiletten und das Büro des Chefs.

Nach und nach kommen die Akteure: Der Koch mit Gitarre, ein Mann, der neu seinen Dienst hinter der Theke antritt, die viel umworbene Kassiererin, eine Putzfrau im Kostüm einer Krankenschwester. Es folgen Gäste, etwa ein überkandidelter Herr, ein trauriges Mädchen, die Verflossene der Thekenbedienung und ein Bürokrat, der sich später als Mann von Ordnungsamt erweist.

Die Figuren begegnen sich in "normalen" Situationen, etwa der Auswahl des Essens. Die Bestellung wechselt schnell zur Kabarettnummer. Der überkandidelte Herr fordert ein bisschen mehr von diesem oder jenem, will seinen Brei heißer oder anders. Das Wegsehen des Personals nutzt er zum Griff in die Kasse oder zum Portemonnaiediebstahl beim Mann vom Ordnungsamt.

Der ist danach Auslöser einer großen Slapstick-Nummer. Er zückt seinen Ausweis, das Personal reagiert mit überdeutlichem Zittern. Mal in Zeitlupe, mal in Zeitraffer wird dann sein Kontrollgang durch die Essensausgabe abgespult. Löffel werden geschwungen, es sprühen die Feuer aus den vermeintlichen Gasherden, der Kontrolleur schwebt entlang der Theke. Dann kehrt er zurück in die Realität. Dort zieht er seine dicken Handschuhe aus, hockt sich an seine altmodische Reiseschreibmaschine und macht die Kneipe dicht. Am nächsten Morgen ist sie wieder offen.

Meist ist an mehreren Orten gleichzeitig etwas los. Männer und Frauen flirten sich an, Hereinkommende rutschen auf einem merkwürdigen Fleck aus, zwei Banditen planen einen Bankraub und klemmen sich die Finger am Abzug ihrer Pistolen. Eine Uhr verdeutlicht Zeitsprünge. Sie rennt schnell vor, dann auch mal zurück oder hin und her. Zwischendurch wird im Schattenspiel der Chef erstochen und bei gedämpftem Licht zur Musik von der großen Liebe geträumt: "Let it be me" klingt es aus der Jukebox.

Das Geschehen mündet gegen Schluss wieder in die Showdown-Nummer vom Anfang. Jetzt verstehen wir sie besser. Die Verflossene will ihren Ex-Lover umlegen, die Gangster fühlen sich erwischt, der Mann vom Tresen durchlebt eine Amoklauf-Phantasie und knallt alle ab. Der theatrale Tod hält nicht lange. Die Figuren stehen wieder auf. Sie reihen sich in einer geordneten Schlange vor den Geschirrwagen, schieben brav ihre Tabletts hinein und kehren zurück in den gewöhnlichen Alltag.

"Der Mann an Tisch 2" ist ein Abend, der augenzwinkernd das Leben zwischen Banalität und Ungeheuerlichkeit betrachtet und er stellt die Möglichkeit aus, in die schönere, emotionalere Welt von Musik und Film zu entschweben. Das körperbetonte Stück jongliert zwischen schlicht und surreal, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Experiment und Abbildung.

Viktor Bodó und das an der Entwicklung des Stückes beteiligte Ensemble werden ihrem Anspruch gerecht, das Theater als ein Labor für Spiel, Gefühl, Sprache und Körperlichkeit zu sehen. Das Premierenpublikum zeigte sich zunächst etwas irritiert. Der Beifall begann verhalten, wurde dann aber kräftiger.