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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 29.08.2012

Dem Zauberhaften verhaftet

Vor 150 Jahren wurde der belgische Schriftsteller Maurice Maeterlinck geboren

Von Christian Linder

Maeterlincks war auf der Suche - nach den "letzten Wahrheiten des Nichts, des Todes und der Vergeblichkeit unseres Daseins."  (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Maeterlincks war auf der Suche - nach den "letzten Wahrheiten des Nichts, des Todes und der Vergeblichkeit unseres Daseins." (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Maurice Maeterlinck, im August 1862 in Gent geboren, entdeckte nach einer kurzen Juristenlaufbahn seine wahre Berufung: Er wurde Schriftsteller, ging nach Paris und führte ein Aufsehen erregendes Leben. Sein Ruhm erreichte Weltniveau, als ihm 1911 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde.

Maurice Maeterlincks erfolgreichster Stoff war das Liebesmärchen »Pelléas et Mélisande«, ein 1893 in Paris uraufgeführtes Theaterstück, aus dem Claude Debussy später eine Oper machte. Damals umgab Maeterlincks Name und Werk in Europa ein legendärer, geheimnisvoller, fast zauberischer Klang, vergleichbar dem Klang der Namen und dem Einfluss der Werke Hugo von Hofmannsthals oder Rainer Maria Rilkes. Rilke ließ es sich nicht nehmen, 1902 in einem Vortrag in Bremen für Maeterlinck zu werben, allerdings weniger für den symbolistischen, als für den damals in Deutschland noch unbekannten Lyriker. Rilke hatte sogar eigens Gedichte Maeterlincks übersetzt:

"Die sieben Jungfraun von Orlamünde / nach dem Tode der Fee – da rühren / die sieben Jungfraun von Orlamünde / sich und suchen die Türen. / Haben die sieben Lampen entzündet, / um durch die Türen zu gehn, / sind in vierhundert Säle gemündet, / ohne einmal den Tag zu sehn. / Kommen in hohlhallende Grotten, / steigen noch tiefer dann – / finden eine verschlossene Pforte / und einen Schlüssel von Gold daran. / Sehen durch die Spalten: das Meer, / fürchten zu sterben nun."

Rilke las Maeterlincks Gedichte als "feinsten und vollkommensten Ausklang" einer Todesstimmung, die dessen Werk zwar früh geprägt habe, der er aber schreibend den Ausdruck von Angst genommen habe. Maeterlincks Einsicht:

"Die letzten Wahrheiten des Nichts, des Todes und der Vergeblichkeit unseres Daseins, bei denen wir jedes Mal enden, sobald wir unsere Forschungen bis zur äußersten Grenze treiben, sind schließlich doch nichts als der Endpunkt unseres heutigen Wissens ... Ehe wir gehalten sind, sie als unwiderruflich anzuerkennen, werden wir noch lange ... danach trachten müssen, diese Unwissenheit zu beseitigen und alles Denkbare zu versuchen, um zu erfahren, ob wir kein Licht finden können."

Maeterlinck wisse, kommentierte Rilke,

"dass die meisten Menschen unglücklich sind und, entfernt von ihrer Seele, im Dunkel des Zufalls leben, aber er glaubt, dass es trotzdem besser ist zu reden, als ob alle glücklich wären; denn nur so ist ein Fortschritt möglich. Und mag die letzte Wahrheit geheimnisvoll und grausam sein, unsere Seele ist selbst ein Stück dieser Wahrheit, und wenn wir nur ihren Bereich erweitern, wird das Mysterium, das jetzt außerhalb von uns dunkel und drohend wohnt, immer mehr in sie überströmen und uns ... erfüllen."

Es war diese – mit dem Ausdruck des "Fin-de-siècle" gemischte – Seelenstimmung in Maeterlincks Werk, die damals andere Künstler inspirierte – "Pelléas et Mélisande" gab es bald auch als Ballett und neben Claude Debussys Oper eine 1905 in Wien uraufgeführte Sinfonie von Arnold Schönberg. Dazu kam die Aufsehen erregende Person des Autors: Geboren am 29. August 1862 im belgischen Gent als Sohn einer wohlhabenden, französischsprachigen Familie, war Maurice Polydore Marie Bernard Maeterlinck – nach einer kurzen Juristen-Laufbahn – als Schriftsteller nach Paris gegangen und lebte mit der nicht weniger öffentliches Aufsehen erregenden Schauspielerin Georgette Leblanc zusammen, die in seinem Stück »Monna Vanna« die Hauptrolle spielte und in einer Szene nackt unter einem Mantel zu den ihre Heimatstadt belagernden feindlichen Truppen geht, um mit der Preisgabe ihres Körpers die Stadt zu retten.

Der Ruhm Maeterlincks erreichte Weltniveau, als ihm 1911 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde. Die Ehrung galt neben dem Dramatiker und Lyriker auch dem philosophierenden Prosaautor für Naturbeschreibungen in Büchern zum Beispiel über "Das Leben der Bienen", auf der Suche nach "Anhaltspunkten der menschlichen Identität", dem Blick durch "die Augen der Seele".

"Wo der Mensch zu Ende scheint, fängt er möglicherweise überhaupt erst an; und seine wesentlichen, fruchtbarsten Teile liegen allein im Unsichtbaren."

Im hohen Alter von 78 Jahren, 1940, emigrierte Maeterlinck nach Amerika, wo er, kurz vor seiner Rückkehr nach Europa 1947, zum Präsidenten des Internationalen PEN-Clubs gewählt wurde. Die letzten Jahre bis zu seinem Tod am 6. Mai 1949 wohnte er in einem Palast in Nizza, mit der heutigen Anschrift »Boulevard Maeterlinck 30«.