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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.01.2006

Dem Vergessen entrissen

Lexikon über jüdische Architekten in Deutschland erschienen

Rezensiert von Jens Brüning

Das Brandenburger Tor in Berlin bei Nacht: In der Haupstadt sind noch viele Gebäude jüdischer Architekten zu finden.
Das Brandenburger Tor in Berlin bei Nacht: In der Haupstadt sind noch viele Gebäude jüdischer Architekten zu finden. (Deutschlandradio)

Mehr als 20 Jahre Forschungsarbeit hat Myra Warhaftig in das Werk "Deutsche Jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon" investiert. 500 Biografien sind darin enthalten. Mit dem Buch werden die oft unbekannten Schöpfer prägender Bauten deutscher Städte dem Vergessen entrissen.

Das Gebäude auf dem Buchtitel steht im Berliner Stadtteil Eichkamp und war für den Schriftsteller Arnold Zweig gebaut worden. Harry Rosenthal, der Architekt, gehörte zur Avantgarde seines Fachs. Das Haus für Arnold Zweig hat ein Flachdach und im Obergeschoss eine Terrasse. Die Grundfläche beträgt nur 45 Quadratmeter, aber man kann sich vorstellen, dass es ein Paradies für den Schriftsteller war: viel Licht, viele Wände für die Bücherregale, und drum herum Platz zum Schauen. Das Haus steht noch, aber es ist zur Unkenntlichkeit verändert worden.

Harry Rosenthal baute in Bad Saarow am Scharmützelsee Atelierhäuser und Wohnhäuser in Berlin-Wilmersdorf. 1933 flüchtete er nach Palästina und emigrierte 1938 nach England. Er starb 1966 mit 74 Jahren in London. Seine Witwe übergab den Nachlass 1989 an die Akademie der Künste Berlin und zwar auf Vorschlag der Architektin und Bauhistorikerin Myra Warhaftig. Ihr großformatiges Lexikon mit 500 Biografien deutscher jüdischer Architekten vor und nach 1933 enthält eine Fülle solcher Geschichten.

"Eigentlich dachte ich, in ein paar Monaten ist die Arbeit erledigt. Und je mehr ich recherchiert habe, umso mehr habe ich gefunden, und da war ich auch selbst sehr, sehr neugierig, und zumal auch niemand von den Kollegen überhaupt etwas wusste. Niemand gab mir eine Antwort, als ich fragte, was mit diesem oder jenem geschah, konnte niemand wissen. Und das lag mir sehr am Herzen, das zu recherchieren."

Mit dieser Forschungsarbeit hat sich Myra Warhaftig über 20 Jahre lang beschäftigt, und das Ergebnis ihrer Arbeit ist durchaus überraschend, wie der Historiker Andreas Nachama bei der Buchvorstellung hervorhob:

"Viele dieser Bauten - wenn man hier drin blättert - sind Bauten, mit denen wir uns ganz selbstverständlich auch praktischerweise identifizieren, weil es S-Bahnhöfe sind, durch die man, wenn man am Mexikoplatz eben hinein- oder herausgeht, nach Zehlendorf und weiterfährt. Also: Viele von diesen sind eben ganz selbstverständlich Teil unseres Alltags, und das Besondere an diesem Buch ist, dass es uns eine Brille aufsetzt, um ein Stück dieses Alltags mit einer anderen Optik betrachten zu können und dadurch schärfer, klarer und in seiner besonderen Eigenart kennen lernen zu können."

Da wäre zum Beispiel das Landhaus in der Miquelstraße in Berlin-Dahlem. Bruno Ahrends baute es 1911 für sich und seine Familie. Heute nutzt es der Bundespräsident. Bruno Ahrends baute in den Berliner Bezirken Lichtenberg und Reinickendorf Wohnanlagen im Stil der Moderne. Diese Bauten findet man bei Spaziergängen in der Stadt schnell wieder. Nach anderen muss man lange suchen, weil Myra Warhaftig zu den Abbildungen immer den Stadtteil geschrieben hat, nie aber die genaue Adresse. Diese fehlenden Angaben sind das Ergebnis der Begegnung von Myra Warhaftig mit den heutigen Besitzern:

"Sie fragten mich, warum ich fotografiere. Als ich mein Anliegen verbreitet habe, dann waren sie noch mehr wütend und waren sehr verschiedene Reaktion, ziemlich abfällig, und da merkte ich, dass es kein Lob ist zu sagen, dass es von einem jüdischen Architekten gebaut ist".

Viele Bewohner und Nutzer wissen gar nichts über die Architekten ihrer Bauwerke. Myra Warhaftig erzählt:

"Niemals hat ein jüdischer Architekt unseren Bau errichtet, und da sagte er, wissen Sie, das kann ich auch prüfen, ich ruf zurück an. Er hat nie angerufen, weil er hat gelogen."

Die Zentralverwaltung der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Berlin-Mitte, gleich beim Bärenzwinger, wurde nämlich 1930/31 von Albert Gottheiner entworfen und gebaut. Es war sein letztes Bauwerk, bevor er das Land verlassen musste. Gottheiner starb 1947 im Alter von 69 Jahren in Stockholm. In Myra Warhaftigs Lexikon sind fünf Architekten mit dem Familiennamen Gottheiner verzeichnet. Einer von ihnen errichtete die unter Denkmalschutz gestellte Marschallbrücke in Berlin-Mitte, von anderen weiß man fast gar nichts mehr. Christoph Stölzl, einst Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin:

"Haben wir jemals von Anton Gutkind gehört? Ich nicht, vermutlich gar niemand, und er hat wunderbare Bauten, große in Tegel, in Lankwitz, in Reinickendorf, in Tempelhof. Ein Stadtplaner, einer, der ganz gelehrt war, der publiziert hat, der dann in die Emigration gegangen ist, diese Odysseen sind ein bewegender Teil daran, nicht, weil die Schauplätze so exotisch sind, sondern weil man natürlich auch die völlige Zerstörung, Verwerfung, diese sinnlose Verschwendung von bedeutendem Talent sieht, die wenigsten haben ja – von den großen Bauhaus-Meistern abgesehen – also Breuer ist die große Ausnahme – überhaupt weiterhin bauen können, wenn sie denn nicht in Israel, im damaligen Palästina das Glück hatten, in die erste Konjunktur noch zu kommen, wer ’38, ’39 raus kam, da gab’s keine Konjunktur mehr. Das sind alles schwierige Schicksale."

Myra Warhaftig hat diese Schicksale zusammengetragen. Ihr Lexikon ist ein erster breit angelegter Überblick über die deutschen Architekten, die vor 1933 - nicht nur in Berlin, aber vor allem dort - mit qualitätsvollen Bauten auf sich aufmerksam machten. Leider lässt sich das schwergewichtige, großformatige Werk nicht auf Stadtspaziergänge mitnehmen. Fehlende Angaben und kleinere Ungenauigkeiten werden in künftigen Ausgaben korrigiert werden können. Man wird nach dem Studium dieses Lexikons von ganzem Herzen Christoph Stölzl zustimmen können, der während der Buchvorstellung sagte:

"Das ist schon eine Geniezeit, und die muss wohl mit der Kettenreaktion der Auftraggeber, des Nachdenkens, des Publizierens, des sich selbst Rechenschaft Gebens über den Sinn von Architektur zu tun haben, eine Sternstunde, die eben auch nicht wiederholbar ist."


Myra Warhaftig: "Deutsche Jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon"

Verlag Dietrich Reimer, Berlin 2005
504 Seiten
49 Euro