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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.02.2012

Dem Leerstand kreativ entgegenwirken

Ein Leipziger Architektenteam entwickelt Ideen für schrumpfende Städte in Ostdeutschland

Stefan Rettich im Gespräch mit Frank Meyer

Plattenbausiedlung Halle-Neustadt: Viele Häuser stehen leer. (AP-Archiv)
Plattenbausiedlung Halle-Neustadt: Viele Häuser stehen leer. (AP-Archiv)

Leerstand, hohe Arbeitslosigkeit, Brachflächen - das ist das Erscheinungsbild vieler ostdeutscher Städte. Um dagegen etwas zu unternehmen, überlegen die Leipziger Architekten vom Büro Karo Maßnahmen in Zusammenarbeit mit Bürgern. Darunter: eine Freiluftbibliothek bei Magdeburg und so genannte Wächterhäuser in Leipzig.

Frank Meyer: In vielen ostdeutschen Städten gleichen sich die Bilder: halbleere Gewerbegebiete, leer stehende Plattenbauten, allzu ruhige Innenstädte. Viele Städte im Osten schrumpfen in großem Ausmaß, und auch im Westen deutet sich diese Entwicklung schon an. Man muss sich also was einfallen lassen, um auch schrumpfende Städte zu lebenswerten Orten zu machen, darauf hat sich ein Leipziger Architekturbüro spezialisiert. Karo heißt dieses Büro, und Stefan Rettich ist einer der Karo-Architekten. Jetzt ist er bei uns im Studio, seien Sie herzlich willkommen!

Stefan Rettich: Guten Tag!

Meyer: Lassen Sie uns mal ein Beispiel anschauen, eines ihrer Schrumpfungsprojekte. Das hat bei einem hoch angesehenen britischen Designwettbewerb eine prächtige Konkurrenz ausgestochen, da war der britische Expo-Pavillon in Shanghai im Rennen, das höchste Gebäude der Welt in Dubai - gewonnen haben Sie aber mit einem Lesezeichen, so heißt das Projekt, das befindet sich in Salbke, einem Stadtteil von Magdeburg. Erklären Sie mal, was ist dieses Lesezeichen in Salbke?

Rettich: Es handelt sich um eine Freiluftbibliothek, die in einem stark schrumpfenden Stadtteil entwickelt wurde von uns mit den Bürgern zusammen, und der Hintergrund war, dass dort eben sehr starke Leerstände, Arbeitslosigkeit herrscht und eben auch sehr viele Brachflächen. Und auf einer dieser Brachflächen stand eine Bibliothek, die ist in den 80er-Jahren abgebrannt und wurde nie wieder ersetzt. Und wir haben uns gefragt, wie wir diesen Stadtteil entwickeln können und haben gesagt zu den Bürgern: Lasst uns doch mal drüber nachdenken, was eine Bibliothek an der Stelle sein könnte.

Meyer: Und wieso Freiluftbibliothek, wie funktioniert eine Freiluftbibliothek im Regen zum Beispiel?

Rettich: Ja, das hängt alles mit dem Prozess zusammen. Wir arbeiten sehr viel mit temporären Aktionen, also wir nennen das Stadt auf Probe. Das heißt, wir testen Funktionen erst mal, bevor viel Geld in die Hand genommen wird. Und dort war es eben so, dass wir gesagt haben, wir versuchen mal, einen grünen Stadtplatz zu machen rund um das Thema Bücher. Als Baumaterial hatten wir 1.000 Bierkisten von einem Getränkehändler, und dann haben wir mit dem Leuten in dem Kiez uns überlegt, wie so was aussehen könnte. Es wurden Bücherspenden eingeworben - nach einer Woche waren schon 700 Bücher da -, und diese Aktion mit diesen Bierkisten hat auch eben sehr stark beeindruckt, stand eben relativ gut im Stadtraum, und dann haben die Bürger die Initiative ergriffen und haben das weiter betrieben, auch nachdem es wieder abgebaut war.

Meyer: Aber später wurde da etwas Richtiges hin gebaut, also eine Art Bauwerk, wobei das immer beim Open-Air-Konzept blieb, und das Bauwerk interessanterweise aus Fassadenteilen eines alten Kaufhauses, das wiederum vorher in Westdeutschland irgendwo rumstand - warum dann diese Recycling-Architektur für diesen Ort?

Rettich: Ja, also wir hatten später noch mal Mittel aufgetrieben beim Bund über ein Forschungsprojekt und konnten das dann realisieren, wieder mit Beteiligung, und das war ein Auftrag von der Bürgerschaft, wir sollten mit Recycling-Material arbeiten. Und weil ich in der Zeit auch in Hamm zu tun hatte, wusste ich, dass dort ein altes Horten-Kaufhaus abgebrochen wird. Es war wenig Geld für das Projekt da, und dann haben wir dort gefragt, ob wir die bekommen könnten, haben auch das Bierkastenformat, würde ich sagen - es gab also einen Bezug zu der ursprünglichen Aktion -, und die Bürger fanden das toll. Und das ist wie gesagt wie so eine Art Village-Icon jetzt, ist eine Stadtmarke geworden, dieser Haufen Kacheln.

Meyer: Das heißt, diese Stadtteil-Bibliothek Open Air funktioniert jetzt wie lange?

Rettich: Die ist 2009 an den Start gegangen, und man muss sich das so vorstellen: also eine lange Wand, die zur Straße hin den Straßenlärm abschirmt, und nach innen so einen grünen Stadtplatz markiert, in dieser Wand sind dann Bücherregale eingelassen, die sind rund um die Uhr offen. Und das ist natürlich auch problematisch, also es gab auch schon heftige Vandalismus-Vorfälle, aber die Bürger lassen sich ihr Projekt nicht nehmen. Also das heißt, wir sind gerade auch mit denen dran, so Neuprogrammierung vorzunehmen, weil eben schon gewaltbereite Jugendliche auch den Platz für andere Dinge nutzen.

Meyer: Das heißt, das ist so eine Mischung aus Stadtteilbelebung, Architektur im öffentlichen Raum - also die Frage, wie kann ich in so einem schrumpfenden Ort wieder so eine soziale Funktion wiederbeleben, wo sich Leute treffen, was zusammen machen?

Rettich: Also man muss Gemeinsinn stiften. Es geht darum, Zentralität herzustellen, die Punkte rauszufinden, an denen sich die Funktionen wieder bündeln könnten, und diese Orte zu entwickeln, gemeinsam mit den Akteuren im Stadtteil.

Meyer: Lassen Sie uns ein zweites Beispiel anschauen: Ihr Büro ist in Leipzig ansässig, und in Leipzig sollten vor einigen Jahren ganze Gründerzeit-Ensembles abgerissen werden - also schöne alte Wohnhäuser. Sie haben als ein Mittel dagegen ein Konzept für sogenannte Wächterhäuser entwickelt. Was ist das? Was sind Wächterhäuser?

Rettich: Wir hatten da den schwierigen Auftrag, eine Ausfallstraße zu beplanen, und natürlich sind das dort die Häuser, die am schnellsten leer stehen, durch den Verkehrslärm, dem man ausweichen kann. Es sind aber auch die stadtbildprägenden Gebäude und Straßenzüge, und es war eine ganz große Frage, wie man mit diesen Häusern umgeht, die kurz vorm Einsturz auch waren.

Und wir hatten dann auch wieder eine Idee aus einem Stadtteil aufgegriffen, dass es offenbar Leute gibt, die gerne in so ein Haus reingehen würden , und es sozusagen beschützen würden, und dafür haben wir dann ein sogenanntes Governance-, also ein Steuerungsmodell entwickelt, dass der Eigentümer verzichtet auf sein Nutzungsrecht für eine beschränkte Zeit, ...

Meyer: Also auf die Miete auch?

Rettich: ... auch auf die Miete - also er darf da gar nicht rein, er verzichtet komplett auf das Nutzungsrecht -, die Stadt saniert das Dach, damit das Haus fest, also sicher ist, und Fenster, wenn nötig, und die Wächter machen alles, um das Haus instandzuhalten. Und das hat sich tatsächlich als ein Erfolgsmodell entwickelt. Ich muss aber dazu sagen, wir hatten nur den Gedanken entwickelt zusammen mit anderen Kollegen in Leipzig, und die Ausführung ist ein Verein, der auch von Bürgern getragen ist. Die vermitteln zwischen Eigentümern und Pächtern.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit Stefan Rettich vom Leipziger Architekturbüro KARO über Ideen für schrumpfende Städte in Ostdeutschland. Ich würde gerne bei diesen Wächterhäusern noch kurz bleiben: Offenbar hat dieses Modell Erfolg gehabt, es gibt jetzt 15 solcher Häuser in Leipzig, es gibt andere Wächterhäuser in anderen ostdeutschen Städten - was ist denn der Effekt tatsächlich dieser Wächterhäuser, was passiert da ringsherum?

Rettich: Zunächst einmal ist es so, dass natürlich sich neue Lebensstilgruppen bilden und finden in solchen Häusern. Also ich würde sagen, es sind so Testräume für Junge, oft aus der kreativen Szene, die sich da irgendwie entwickeln, und natürlich entwickelt sich da dann außen rum auch was. Man kennt das irgendwie von diesen Clusterbildungen, die sich dann irgendwie entwickeln rund um die kreativen Milieus: Da macht an der nächsten Kneipe ein Café auf, und so weiter. Also man kann da so einen kleinen Initialpunkt setzen und dann warten, wie sich außen rum etwas entwickelt.

Meyer: Sie sagen selbst, das sind kleine Punkte, die Sie setzen mit solchen Projekten. Hilft das jetzt tatsächlich in größerem Maßstab, dieses ja große Problem der Schrumpfung, der Abwanderung, des Verfalls ganzer Stadtteile, das wirklich aufzuhalten, oder mit welchen politischen Mitteln müsste da eigentlich gegengesteuert werden?

Rettich: Also grundsätzlich kann man das flächig wahrscheinlich nicht mehr entwickeln, die Städte - zumindest nicht alle. Das heißt, man muss zu Konzentrationspunkten kommen, wir hatten ja da auch 2001 ein Modell entwickelt, nannte sich "Kern & Plasma"-Modell, in dem man zunächst sagt: Was wollen wir eigentlich halten? Und oft sind es eben die Stadtstrukturen, wo eben auch die soziale Infrastruktur da ist, die Schulen, und so weiter. Und das andere lässt man erst mal liegen und wartet ab, und wir haben das Plasma genannt - also Gebilde, die sich selbsttätig entwickeln können, wo sich auch andere Lebensstilgruppen irgendwie niederlassen können und die Stadt in sich selbst wachsen und schrumpfen kann. Und was kann jetzt die Politik machen? Die Politik muss einfach irgendwie schauen, dass diese plasmatischen Felder oder generell der Leerstand und die Brachflächen zugänglich werden, dass also eine Stadt durchlässig wird, eine Stadt Open City, eine offene Stadt.

Meyer: Aber das heißt ja auch - bei dem Thema waren wir schon bei den Wächterhäusern -, dass dann auch Eigentümer sagen: Ja, auf unsere Brachflächen, da darf jemand was anstellen, das darf er beleben, ich verzichte für die Zeit dann wiederum auf meine Rechte an dieser Fläche.

Rettich: Genau, aber das ist grundsätzlich auch ein Problem. Man ist auf die Freiwilligkeit angewiesen, und wenn Sie sich heute anschauen, wie der Immobilienbesitz verteilt ist, dann weiß man ganz genau, bei bestimmten Blöcken kann man gar nichts machen, weil da sitzt dann eine Erbengemeinschaft, jemand in New York, jemand hier und dort, oder ein Fonds hat fünf, sechs Häuser als Streubesitz aufgekauft. Das heißt, Sie kommen an diese Grundstücke nicht ran, um eine sinnvolle Entwicklung zu machen. Und ich finde, da ist einfach Handlungsbedarf, da muss man einfach irgendwie das Gemeinwohl stärker nach vorne bringen, und eben auch Zwangsmaßnahmen entwickeln.

Meyer: Das heißt, was für Zwangsmaßnahmen? Zeitweise Enteignung, oder?

Rettich: Zum Beispiel, ja? Also es gab auch Modelle wie beispielsweise, dass man den Leuten, die leer stehen lassen, dass man denen die Grundsteuer sukzessive anhebt, um die auf sanfte Weise zu einem Verkauf oder zum Mitwirken zu bewegen. Aber da geht man nicht ran, also die Politik will an die bestehenden Eigentumsrechte und Regelungen nicht ran, und das ist auch ganz oft das Problem bei Brachflächen, das einfach so Spekulationsblasen drüber liegen. Die Eigentümer denken: Ja, das ist jetzt so eine kleine Konjunkturdelle, das wird schon wieder. Aber ist eben nicht so, an manchen Stellen wird einfach nie wieder gebaut werden.

Meyer: Was ich mich bei Ihren Themen - jetzt wieder im Blick auf die Städte - aber auch gefragt habe: Das sind ja tolle Ideen, die Sie da entwickelt haben, aber ist da nicht die Generaltendenz, steht die nicht ganz grundsätzlich gegen Sie? Also einerseits dieses Schrumpfungsproblem, aber andererseits, was wir seit Jahrzehnten ja beobachten - im Osten seit 20 Jahren, im Westen Deutschlands schon sehr viel länger -, dass die Städte einfach ihre Funktion verlieren, weil die Einkaufszentren auf der grünen Wiese gebaut werden und das soziale Leben sich dahin verlagert.

Rettich: Da würde ich Ihnen widersprechen: Die Suburbanisierung, also die Randwanderung, ist ein Auslaufmodell. Das sagen die Geografen auch, es gibt nur noch ganz wenige Orte in Deutschland, wo das tatsächlich so der Megatrend ist. Die Umkehrung ist der Fall, die Renaissance der Städte: Die Menschen ziehen wieder zurück in die Städte, und das wirft ganz große Probleme auf, wie zum Beispiel Eigenheimgebiete der 60er-Jahre, starke Überalterung und keine Nachfrage mehr in so strukturschwachen Gebieten.

Also das Gegenteil ist der Fall, und man muss eigentlich viel stärker wieder überlegen, wie man die Kernstädte und das Land in ein neues Verhältnis bringt. Also wir werden auch, wie wir es weltweit sehen, so eine Rückbesinnung auf die Städte, eine Verdichtung der Städte erleben, mit dem Problem, dass die ländlichen Regionen leerlaufen. Und das ist das zentrale Zukunftsproblem.

Meyer: Ideen für schrumpfende Städte und schrumpfende Regionen entwickelt das Leipziger Architekturbüro Karo, und darüber haben wir hier gesprochen mit Stefan Rettich, einem der Karo-Architekten. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Rettich: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr Informationen: Homepage Karo-Architekten

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