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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.05.2013

Dem Gemeinwesen verpflichtet

"Occupy Money"-Sprecher Reinhard Graeff über die Chancen der neuen Proteste seiner Bewegung

Moderation: Christine Watty

Protest im Interesse der 99 Prozent, die keinen Zugriff auf wichtige Ressourcen des Landes haben.   (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Protest im Interesse der 99 Prozent, die keinen Zugriff auf wichtige Ressourcen des Landes haben. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Die Occupy-Bewegung ist zerstritten, Aktionen finden nur noch wenig Unterstützer und noch weniger Echo in den Debatten. "Occupy Money" macht nun einen neuen Versuch, will Anstöße geben zum Nachdenken und neue Lösungen anbieten, sagt der Aktivist Reinhard Graeff.

Christine Watty: September 2011, eine nigelnagelneue Protestbewegung ging an den Start. Occupy hieß sie, und besetzt wurde zunächst der Zuccotti-Park im New Yorker Finanzviertel. Der Protest gegen den Finanzmarktkapitalismus kam äußert divers daher – von Demonstrationshardlinern bis zum zuvor noch niemals politisch engagierten Selbstständigen, alles war dabei, und vor allem bald die halbe Welt. Wie ein kleines, oftmals digital angefachtes Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, dass man doch mal ganz klassisch, am besten in der Nähe von politischen oder finanzwirtschaftlichen Brennpunkten, auf die Straße gehen könnte. So auch in Deutschland. In Frankfurt richtete sich direkt zu Füßen der Hochhausbanken ein Protestcamp ein, das monatelang ausharrte, bis August 2012. Und aus den Occupy-Anhängern generierte sich dort noch das Netzwerk Blockupy, das mehrmals zu Demonstrationen aufrief, und inzwischen ist der Protest verebbt – bis jetzt. Blockupy meldet sich zurück, in den nächsten Tagen soll wieder demonstriert werden, und damit auch im Blickpunkt: der selbst ernannte Think Tank "Occupy Money", der weniger auf Aktionen als auf Aufklärung und neue Pläne zur Verbesserung der Wirtschaftssysteme setzt. Reinhard Graeff entwickelt ebensolche Ideen mit, er ist Sprecher von "Occupy Money" und jetzt für uns am Telefon. Schönen guten Morgen!

Reinhard Graeff: Guten Morgen!

Watty: Zunächst mal: Was werden Sie denn tun während der nun startenden Blockupy-Proteste, die angekündigt sind? Werden Sie in einem Camp schlafen, werden Sie demonstrieren am Frankfurter Flughafen oder vor der EZB?

Graeff: Nein, das werde ich nicht. Ich lebe in Frankfurt, ich habe einen Beruf, der mich fordert, der Zeit erfordert. Ich werde mich an den Demonstrationen beteiligen, das ist schon klar, weil einfach gewährleistet sein muss, in Frankfurt, der deutschen Hauptstadt des Finanzwesens, demonstrieren zu können, den Finger in die Wunden legen zu können. Sie haben so schön gesagt, der selbst ernannte Think Tank, eigentlich haben wir uns nicht ernannt, wir haben eigentlich ganz schlicht damit angefangen, die Beschreibung ist aber schon ganz treffend. Wir sind dabei, Ideen zu entwickeln und aufzuklären, weil wir der Meinung sind, dass einfach ganz viele Dinge in unserer Geldordnung, in dem Funktionieren des Geldwesens so nicht weitergehen können und dass wir in einem Teufelskreis stecken, aus dem wir ohne tiefgreifende Veränderung nicht werden herauskommen können.

Watty: Das heißt aber, es braucht trotzdem also beides, den akuten Protest, der sich jetzt angekündigt hat, genauso wie eben auch dann die konkreten, aber erstmals natürlich erst mal theoretischen Ideen von Occupy Money?

Graeff: Das ist ganz unstreitig. Der akute Protest macht einfach auch eine breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass in den vergangenen Jahren doch vergleichsweise wenig passiert ist. Mir ist gestern aus Zufall die "Börsen-Zeitung" in die Hand gefallen, etwas, was ich nicht regelmäßig lese – vielleicht sollte man das tun –, und das kann man ganz harmlos in einem Artikel, der berichtete über Ausführungen von Frau Lautenschläger, die sich als Vorstand der Bundesbank mit Bankkontrolle und Bankregulierung in Deutschland beschäftigt, dass zum Jahresende 2012 die Derivatekontrakte der Deutschen Bank etwas oberhalb des weltweiten Sozialproduktes lagen. Und das machen Sie sich einfach mal klar!

Watty: Da hake ich sofort ein, weil Sie sagen, das machen Sie sich einfach mal klar. Genau das ist ja auch etwas, was Occupy Money eigentlich gerne möchte: aufklären über genau diese Themen. Weil Sie sagen, Sie lesen die "Börsen-Zeitung", ich denke, es gibt viele Menschen, die die "Börsen-Zeitung" nicht so einfach in die Hand nehmen, weil einfach diese Sprache und die Zusammenhänge und die Umstände und das gesamte Finanzmarktthema nicht einfach verständlich ist. Wie kann denn Occupy Money an dieser Stelle auch wirklich aufklären?

Graeff: Nun, wir haben eine Webseite, die sehr gut funktioniert und die eigentlich genau das tut. Denn wenn Sie den Dingen auf den Grund gehen, sind sie relativ einfach, die Komplexität findet sich an der Oberfläche – und da sehen wir unsere wesentliche Aufgabe, genau hier den Finger in die Wunde zu legen. Und wir sind in den nächsten Monaten zum Beispiel unterwegs mit Wahlprüfsteinen, um vor der Bundestagswahl auch einfach deutlich zu machen, welche Partei welche Position dazu hat und wo der Bürger erwarten kann, dass etwas in eine positive Richtung in Sachen Neuordnung des Geldwesens und wo man das nicht erwarten kann.

Watty: Aber wie ist es denn möglich, tatsächlich die konkrete Aufklärung zu betreiben, also so, dass auch wirklich ein Gros der Menschen versteht, worum es eigentlich geht, also alleine Begrifflichkeiten wie "Derivate" et cetera zu erklären, wäre ja vielleicht auch wirklich eine Aufgabe, die ich so verstanden habe, die "Occupy Money" auf jeden Fall auch vorhat, zu sagen, worum geht es konkret. Ist das so, und wie tun Sie das?

Graeff: Das ist genau richtig, und das tun wir im Wesentlichen über unsere Webseite und indem wir Veranstaltungen machen. Wir sind hier in Frankfurt mit anderen gesellschaftlichen Gruppen unterwegs, den beiden großen christlichen Kirchen, aber auch politischen Parteien. Also wir sind, obwohl aus der Occupy-Bewegung hervorgegangen oder gerade weil aus der Occupy-Bewegung hervorgegangen, parteipolitisch unabhängig, sind nicht der Meinung, dass irgendwo auf einer politischen Seite die Bösen und auf der anderen die Guten sind, sondern wir suchen Verbündete, wo immer wir sie finden können, genau mit diesem Ziel, über den Zustand des Finanzwesens aufzuklären und so vorzubereiten, dass sich dort etwas grundlegend ändert.

Watty: Reinhard Graeff im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Er ist Sprecher von Occupy Money, und es geht um die bevorstehenden Proteste von Blockupy in den kommenden Tagen und auch über die Ziele eben von Occupy Money. Dann reden wir doch mal konkret über die Ideen von Occupy Money: Sehen Sie eine Möglichkeit, das Wirtschaftssystem zu reformieren, oder kommen Sie mit ganz neuen Ideen um die Ecke?

Graeff: Nein, das sind alles Dinge, die auf dem Wege von Reformen ganz wunderbar stattfinden können. Sie hatten gerade von dem Derivatehandel gesprochen. Wir hören heute ja auch oft Stichworte wie Kasinokapitalismus. Ganz viel von diesen Geschäften im Finanzwesen sind von ihrem Charakter her nichts anderes als Wetten. Bis in die Mitte der 90er Jahre waren solche Wetten in Deutschland erlaubt – jeder kann nach Las Vegas fahren oder auch in ein deutsches Spielkasino gehen und sein Geld verspielen –, aber seit Mitte der 90er Jahre gibt es einen Rechtsanspruch, dass solche Wetten eingelöst werden, den gab es vorher nicht. Seitdem sind das Geschäfte, die gemacht werden, die in großem Umfang gemacht werden und die letztlich zu der Finanzkrise, aus der wir uns ja nach wie vor nicht erholt haben, geführt haben. "As easy as this", wie der Amerikaner sagen würde: Es ist nicht besonders schwierig.

Watty: Es ist nicht besonders schwierig, wie gesagt, nicht besonders leicht aber auch zu vermitteln, und man hat ja jetzt schon das Gefühl, die Ideen von Occupy, von Blockupy, von Occupy Money müssen wieder sehr in die Köpfe der Menschen getragen werden. Es wurde auch immer wieder gesagt: Occupy war eine tolle, große Protestbewegung, aber sie ist gescheitert an ihrem nicht vorhandenen gemeinsamen Ziel. Wo steht denn an dieser Stelle in der großen Occupy-Bewegung tatsächlich Occupy Money und wer ist Ihre Zielgruppe?

Graeff: Unsere Zielgruppe sind letztlich – ja, wir haben auf unserem ersten Flugblatt, was wir vor über einem Jahr gemacht haben, einen Aufruf an den Gemeinbürger geschrieben, um eigentlich noch mal diese Gemeinwohlorientierung, der Occupy Money sich verpflichtet fühlt, herauszustellen. Unsere Zielgruppe ist eigentlich jeder Bürger, jeder Wähler, jeder, dem das Schicksal des Gemeinwesens am Herzen liegt, und genau deswegen versuchen, wir unsere Ideen so gut, wie es geht, in eine breite Öffentlichkeit zu tragen. Wir verstehen uns als eine Gruppe in der Mitte der Gesellschaft und wollen als klassische Nichtregierungsorganisation nach dem Vorbild, wie einige andere das in Sachen Umwelt und anderen Bereichen ja schon geschafft haben, wollen genau diese Dinge in der Mitte der Gesellschaft verankern und dort dieses Bewusstsein verändern und schaffen.

Watty: Das hat ja die Occupy-Bewegung schon mal nicht so richtig geschafft, wirklich jeden Bürger mitzunehmen, trotz der Größe der Bewegung. Eine aktuelle Otto-Brenner-Studie hat herausgefunden, dass über 70 Prozent der Teilnehmer der Occupy-Bewegung einen höheren Schulabschluss haben, 50 Prozent sind erwerbstätig, Sie selbst, Herr Graeff, sind Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer, und dem entgegen steht eben immer der Slogan, den wir noch alle im Ohr haben, der Bewegung: Wir sind die 99! Occupy hat aber dann wohl nicht die 99 repräsentiert, sondern eher dann doch den kleineren Prozentsatz, der zwar prekär beschäftigt ist im Zweifel, aber dennoch mit besseren Chancen versehen. Ist das nicht auch ein großes Problem der Occupy-Bewegung, dass man zwar sagt, man wendet sich an den Bürger, aber am Ende vertritt man dann doch wieder nur einen Inner Circle, um es so zu beschreiben?

Graeff: Ja, gut, aber wer tut das im Endeffekt nicht? Auch die Otto Brenner Stiftung beschäftigt Wissenschaftler, die dann genau solche Studien erarbeiten.

Watty: Haben Sie das anders erlebt? Haben Sie die Aufstellung der Occupy-Bewegung anders erlebt als diese Ergebnisse der Studie?

Graeff: Nein, dem kann ich grundlegend nicht widersprechen, da ist schon sehr viel Wahres dran, nur irgendwo muss es losgehen. Die außerparlamentarische Opposition vor 40 Jahren, das waren auch Studenten, die dann ganz viel in der Gesellschaft verändert haben.

Watty: Ja.

Graeff: Und wenn wir als Occupy Money und ja, Occupy-Bewegung weltweit, es hinkriegen in diese Richtung Veränderung anzustoßen, dann haben wir einen guten Job gemacht.

Watty: Kriegen Sie es hin? Denn man hat jetzt auch schon Sorge, dass jetzt auch die neuen Proteste in Frankfurt auf jeden Fall viel, viel weniger Mitdemonstranten anziehen werden als zuvor? Wie sehen Sie die Chancen für die neu anlaufenden Proteste?

Graeff: Das, würde ich sagen, sollten wir einfach mal abwarten und anschließend unsere Schlussfolgerungen daraus ziehen. Wichtig ist, dass Proteste stattfinden, wichtig ist, dass eine breite Öffentlichkeit auch in dieser Form darauf aufmerksam gemacht wird, das finden wir ganz zwingend, um eben auch genau dieses Feld zu bestellen, das wir dann im Hintergrund beackern.

Watty: Vielen Dank an Reinhard Graeff, den Sprecher von Occupy Money, zu den ab heute Abend wieder startenden Protestaktionen der Blockupy-Bewegung in Frankfurt. Vielen Dank, Herr Graeff!

Graeff: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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