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Zeitfragen | Beitrag vom 23.03.2016

Dem Diktator auf der Spur"Jeden Tag Hitler"

Von Philip Artelt

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Hobbyhistoriker Harald Sandner mit seiner Chronologie über Adolf Hitler. (Philip Artelt)
Hobbyhistoriker Harald Sandner mit seiner Chronologie über Adolf Hitler. (Philip Artelt)

2000 Seiten stark ist die Chronologie, für die Harald Sandner ein Vierteljahrhundert lang recherchiert hat. In vier Bänden listet er die Aufenthaltsorte und Tagesabläufe von Adolf Hitler auf, zum Beispiel wann dieser einen Reifen kaufte oder wann Hitler sich den Film "König von Arizona" ansah.

Auszug: "Sonntag, 12. Juni 1938: Empfang durch Gauleiter Franz Schwede-Coburg.
Montag, 13. Juni 1938: Besichtigung von Lehrtruppen an der Küste und Ansprache an 40 Generäle.
Dienstag, 14. Juni 1938: Grundsteinlegung des Hauses des Fremdenverkehrs als Teil der 'Welthauptstadt Germania'."

Was klingt wie die Hitler-Tagebücher, ist diesmal nicht gefälscht. 2000 Seiten in vier Bänden. Doch der Autor heißt nicht Adolf Hitler oder Konrad Kujau. Der Autor heißt Harald Sandner. Ein Vierteljahrhundert lang hat der Hobbyhistoriker aus Coburg ein Itinerar erstellt. Eine detaillierte Chronologie der Aufenthaltsorte und Tagesabläufe Adolf Hitlers. Warum? Seine Heimatstadt Coburg war eine Hochburg des Nationalsozialismus.

Sandner: "Nach dem Krieg hat man das gerne unter den Teppich gekehrt, das war das eine. Zum Zweiten war es erstmal meine Neugier, welche Daten denn überhaupt stimmen. Ich war auch neugierig, was meine eigene Familie betrifft, meine Vorfahren waren im Prinzip mehr oder weniger da alle aktiv dabei…"

Kein Geschichtsstudium – sondern Ausbildung als Speditionskaufmann

Harald Sandner, 55 Jahre alt. Strenges Jackett, Brille. Seriös im besten Sinne. Ausgebildeter Speditionskaufmann. Heute: zuständig für Datenverarbeitung in einem großen Unternehmen. Und in der Freizeit erhob er die Daten Adolf Hitlers.

"Natürlich kann man sagen, der Mann hat eigentlich seinen Beruf verfehlt, der hätte eigentlich Geschichte studieren müssen, da muss ich aber ganz ehrlich sagen, da war ich als Schüler einfach zu faul, ich habe einen normalen Realschulabschluss, es stand für mich nie zur Debatte, aufs Gymnasium zu gehen. Ich hab mir das Ganze selbst neben meiner Arbeit angeeignet und ich bin damit, wie man sieht, doch recht erfolgreich…"

Einen Stapel Bücher hat er mitgebracht, in eine Hotelbar, ganz nahe des ehemaligen Adolf-Hitler-Hauses in Coburg, wie Sandner hinweist. Er hat sie alle selbst geschrieben: über die Dynastie Sachsen-Coburg und Gotha, Martin Luther in Coburg und überhaupt, Coburg, seine Heimatstadt, hat es ihm besonders angetan.

"Die Fehler in den anderen Publikationen entstehen natürlich, indem man zum Beispiel von vorneherein die Quelle falsch abschreibt. Ich habe es auch erlebt, dass gewisse Ereignisse schlichtweg erfunden wurden. Es sind Fehler in Daten vorhanden, weil oftmals einfach abgeschrieben werden muss, aus Zeitgründen. Und ich konnte mir eben alle Zeit der Welt lassen."

Zeit, Hitlers Leben nachzuvollziehen, Tag für Tag:

"Ich habe Ihnen hier mal mitgebracht zum Beispiel aus dem Nationalarchiv der Vereinigten Staaten, die Tagebuchaufzeichnungen von Hitlers Diener Heinz Linge..."

Wann kaufte Hitler einen Autoreifen? Wann schaute er einen Film?

Sandner wühlte sich durch Archive, sprach mit Zeitzeugen, wälzte Akten, beschäftigte sich mit Feldflugplätzen in Russland, damit, wann Hitler in München einen neuen Autoreifen kaufte – und mit zu kurz geratenen Filmabenden des "Führers".

"Eine andere Quelle waren die des Adjutanten Max Wünsche. Sie sehen, wie ausführlich das ist, Tee mit Außenminister vor Ribbentrop, das geht bis hin welchen Film Hitler gesehen hat, das war hier der "König von Arizona", den hat er nach wenigen Minuten schon abbrechen lassen, weil er ihm offensichtlich nicht gefallen hat…"

All diese Daten übernahm Sandner in sein Werk. Und so füllten sich über die Jahrzehnte 2000 Seiten in Tabellenform, die auch manche Anekdote enthalten. Zum Beispiel eine Aufstellung aller Verkehrsmittel des "Führers", inklusive dem genauen Datum einer Schlittenfahrt.

"Die Relevanz einer Schlittenfahrt ist erstmal keine. Aber sie zeigt doch, dass Hitler erstmal ein normaler Mensch war in Anführungsstrichen, der sich nicht zu schade war, vor 33 auch Schlitten zu fahren, was auch fotografisch festgehalten wurde, was aber dann natürlich später niemals veröffentlicht wurde, weil es ja dem Bild des Führers widersprochen hätte."

Harald Sandner spricht über sein Buch mit großem Selbstbewusstsein. Über 99 Prozent der Informationen seien korrekt, sagt er. Und dennoch sieht er seine Chronologie, bescheiden und unspektakulär, als Dienst an den Wissenschaft. Er will helfen, Fehler zu vermeiden.

"Keine Konkurrenz – sondern Ergänzung zu bisheriger Literatur"

"Ich sehe mein Werk ja auch nicht als Konkurrenz zu bisherigen Hitlerbiographien, es gibt ungefähr 80 seriöse Hitlerbiographien, sondern als Ergänzung. Zukünftige Autoren sollen sich meinem Werk bedienen, um nicht mehr in die Fehlerfalle zu laufen."

Angst davor, dass sein Buch von glühenden Hitler-Verehrern missbraucht wird, hat er nicht. Mit mehreren hundert Euro sei das Itinerar zu teuer. Sandner setzt auf Aufklärung.

"Mit meinem Werk verschwinden auch auf lokaler Ebene diese ganzen Legenden und Erzählungen: War er nun bei uns oder nicht? Sind wir sauber oder nicht?"

Sandner scheint besessen von der Wissenschaft, von der perfekten Aufarbeitung geschichtlicher Daten. So sehen das auch seine Freunde, sagt er: 

"Für die bin ich halt in Anführungsstrichen verrückt, das muss man auch sein, wenn man da nicht besessen ist, dann leistet man sowas auch nicht."

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