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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.10.2012

Dem Credo des Meisters verpflichtet

Corinne Maier, Anne Simon: "Freud - Die Graphic-Novel", Knesebeck Verlag, 56 Seiten

Sigmund Freud zusammen mit zwei seiner Enkelkinder im Jahr 1923
Sigmund Freud zusammen mit zwei seiner Enkelkinder im Jahr 1923 (AP / Sigmund Freud Museum)

Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, erregt bis heute die Gemüter. Corinne Maier und Anne Simon zeigen in ihrem Comic das Universum dieses Genies und entdecken ein Wien der Zeit um 1900.

Die Rückenlehne eines Drehstuhls, eingehüllt in eine graue Rauchwolke. "Ich bin so berühmt wie Einstein", raunt eine Sprechblase. "Unbekanntes Terrain habe ich erforscht. Den menschlichen Geist." Jetzt lichtet sich der Rauch, der Stuhl dreht sich - und da sitzt er, mit ernstem Blick, Spitzbart und Zigarre, bereit, seine Geschichte zu erzählen: Sigmund Freud.

Das Leben und Wirken des Begründers der Psychoanalyse, aufbereitet in Comic-Form für Jugendliche, Anfänger, Liebhaber und Wiederauffrischer - das ist das neue Buch der französischen Psychoanalytikerin Corinne Maier und der Illustratorin Anne Simon. Locker-chronologisch lässt das Duo Freuds Biografie Revue passieren und unterlegt den Comic, ganz dem Credo des Meisters verpflichtet, mit fantasievollen Exkursionen in Freuds eigenes Innenleben, seine Ängste und Visionen.

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg geboren. In Wien studierte er Medizin und gab sich danach vielfältigen Forschungsarbeiten hin, wie der Comic humorvoll berichtet - die Sexualorgane der Aale interessierten ihn ebenso wie das Kokain, die Feinstruktur des Gehirns und hypnotische Sitzungen mit "hysterischen" Frauen.

Von der ersten Seite an rückt das Buch Sigmund Freud menschlich nah, zeichnet ihn als Grübler und Denker, der Eindrücke intensiv in sich aufnimmt und, getrieben von dem Wunsch, in die Geheimnisse des menschlichen Innenlebens vorzudringen, mit Fragen und Zweifeln ringt. Auch seine Patientinnen und Patienten mit ihren Nöten und Bedrängnissen tauchen auf, deren Namen kaum minder berühmt wurden: Anna O. und der Rattenmann, Dora und der kleine Hans.

Anne Simons Federstrich wirkt nur auf den ersten Blick naiv-munter und aufgeräumt. Wer näher hinschaut, findet die verspielten Zeichnungen voll von Symbolen und verschlungenen Andeutungen. In seiner Vielschichtigkeit spart das Buch auch strittige Komplexe nicht aus: Freuds zwiespältiger Blick auf das weibliche Geschlecht, sein Hang zur Theoriebildung, wo Empirie nichts geschadet hätte, seine leise Selbstgerechtigkeit.

Und so legt der Comic seinen Leserinnen und Lesern ein erstaunlich differenziertes Freud-Bild nahe: Der Erfinder der Psychoanalyse hat mit seinen klugen und hingebungsvollen Reisen in die Tiefendimensionen der menschlichen Psyche Bahnbrechendes geleistet, auch wenn manche seiner ausgetüftelten Hypothesen - Ödipus-Komplex, Todestrieb, Penisneid und Co. - an ihrer mangelnden Bodenhaftung kranken.

Am Ende hat die Zigarren-Rauchwolke ihn umgebracht - Sigmund Freud erkrankte an Gaumenkrebs und ließ sich nach langem Leiden von einem Arzt seines Vertrauens eine tödliche Spritze setzen. Damit hört auch diese kurzweilige und gar nicht oberflächliche Liebeserklärung an den berühmten Seelen-Taucher auf - doch nicht ganz: Im Comic springt Sigmund Freud wieder auf und ruft stolz, er habe seine Ideen in alle Winde verstreut. "Der Kampf der Psychoanalyse ist es zu befreien und zu verstehen. Das 21. Jahrhundert braucht mich immer noch!"

Besprochen von Susanne Billig

Corinne Maier, Anne Simon: Freud - Die Graphic-Novel
Aus dem Französischen von Anja Kootz, Knesebeck Verlag, München 2012, 56 Seiten, 19,95 Euro

Links auf dradio.de:

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