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Reportage / Archiv | Beitrag vom 21.01.2014

DavosGipfel der Entschleunigung

Auf dem Zauberberg ist langsam toll

Von Eberhard Schade

Skigebiet am Berghotel Schatzalp oberhalb von Davos (dpa / picture alliance / Thomas Muncke)
Skigebiet am Berghotel Schatzalp oberhalb von Davos (dpa / picture alliance / Thomas Muncke)

Ab heute tagt in Davos das Weltwirtschaftsforum. Ausgerechnet an diesem mondänen Ort wirbt ein Hotelier mit dem Slogan "Slow Mountain" und verspricht: Unsere Lifte fahren garantiert so langsam wie früher!

Kein "Mann im Livree, mit Tressenmütze" holt mich ab am Bahnhof Davos Platz wie damals Hans Castorp. Nein, Christian trägt Fleece-Pullover, Jeans und kommt wie ich vom flachen Land. Geht das, frage ich ihn, in nur zwei, drei Tagen zu entschleunigen? Etwas zu spüren vom Geist eines Romans, der den Müßiggang feiert wie kaum ein anderer? Fahren Sie doch erst mal rauf, sagt Christian.

Der Blick aus der Kabine auf die Graubündner Berge: atemberaubend. Davos dagegen wird auch von oben nicht wirklich schöner. Mittendrin: das Kongresszentrum, wo sich alle Jahre wieder die Schönen und die Reichen zum Weltwirtschaftsgipfel treffen.

Oben angekommen, steigen ein paar verschlafene Skiläufer mit mir aus. Denn die Schatzalp ist nicht nur ein Hotel, sondern auch ein Ski- und Wandergebiet. "Dienstags und donnerstags Führungen durch das ehemalige Luxussanatorium" steht auf einem Schild und: "Herzlich Willkommen auf dem Zauberberg".

Elf Uhr. Hans Castorp würde jetzt sein erstes Kulmbacher trinken. Mir dagegen tippt ein Herr auf die Schulter.

Pius App ist Miteigentümer der Schatzalp, ein großgewachsener Mann mit weißen, mittellangen Haaren, wachen Augen und feinen, langgliedrigen Händen. "Kommen Sie", sagt er und durchquert einen eisernen Torbogen ‒ für ihn und seine Stammgäste das Tor in eine andere Welt.

Die Ruhe hier ‒ nahezu unheimlich. Ich stehe zum um ersten Mal vor der Fassade des lang gestreckten Jugendstilbaus und kann Thomas Mann verstehen. Dass er jeden Tag hierher aufsteigt, als seine Frau Katia 1912 unten im Tal zufällig eine Kur macht. Von weitem, schreibt er, wirkt das Hotel "vor lauter Balkonlogen löchrig und porös wie ein Schwamm".

App: "Das hat ja zu tun mit dem Heilungsprozess, die lagen ja da an der frischen Luft und die hat ihnen zu einem längeren Leben verholfen. Das war der Sinn dieser Gebäude."

27 riesige Balkone auf drei Etagen, 81 exklusive Sonnendecks. Auf denen damals hustende Großindustrielle und schwindsüchtige Adlige eingepackt in Wolldecken tagsüber ihre Liegekur machten. Wochen, Monate, manchmal Jahre wie Hans Castorp. Abends wurde dann getanzt, gelacht, gesungen und auf den Korridoren geküsst.

Zeitkapsel mit Flügeltüren

Wenig später steht App in einem der drei über hundert Meter langen Flure vor einem 14 Meter langen, schmalen Holzbuffet, verglast bis zur Decke und voller Bücher:

"Die Bibliothek haben wir gelassen, sie ist wie eine Zeitkapsel auf dem Stand von damals."

Genauso fühlt man sich auch im Rest des Hotels. Mit seinen Jugendstillampen, quietschenden Flügeltüren, den großen Panorama-Fenstern.

Pius App sucht Brigitte Bernhard, eine Künstlerin aus Zürich, die in ihrer dreiviertellangen Kniebundhose aus Harris Tweed und einer dazu passenden Weste auffallend altmodisch gekleidet ist. Sie und ihre Freundin sind Stammgäste auf der Schatzalp:

"Es erstaunt uns jedes Mal (…) Wir sind schon so oft hier gewesen, das Gefühl und die Schwingungen der vergangenen Zeit sofort wieder da ist ‒ das ist toll, jedes Mal. Immer wieder ist man, wenn man da oben ist, mit den Nerven wieder schön runtergefahren."

Beide glauben fest daran, dass das daran liegt, dass das Haus eine Seele besitzt. Der Ort an sich entschleunigt ‒ man braucht gar keine Angebote dafür.

Deshalb wirbt Pius App auch im Internet nur mit dem Begriff "Slow Mountain". Und dem Versprechen: Unsere Anlagen fahren garantiert so langsam wie früher.

Eine Körperreise im Schnee

Und oben, am einzigen Bügellift der Schatzalp steht auch kein Skilehrer, sondern eine Skitherapeutin. Karo Steinberg. Sie sagt: Zur totalen Entschleunigung gehört eine ganzheitliche Körperwahrnehmung:

"Ich mach wie 'ne Körperreise durch den Körper und schaue, was welches Körperteil wann genau beim Skifahren macht."

Das verleiht Sicherheit, Leichtigkeit. Karo fängt bei meinen Füßen an. Mir fällt nichts weiter auf. Nur, dass meine Füße viel lieber Links- als Rechtsbögen fahren:

"Gibt es irgendwelche Punkte, die du drückst beim Schwung? Irgendwelche Körperteile müssen ja den Schwung auslösen, sonst würdest du ja einfach nur geradeaus fahren."

Ich schweige. Bis Karo mich rettet und freundlich über die drei Druckpunkte meiner Füße aufklärt. Ferse, Ballen, großer Zeh:

"Das können wir mal ausprobieren. Wenn man Raucher ist, dann drückt man eine Zigarette in der Kurve aus oder man drückt eine Traube aus. In der Zeit, wo ich um die Kurve rumfahre, drücke ich den großen Zeh mit aller Kraft, die ich habe..."

… dann geht der Rest wie von alleine, sagt Karo. Und lässt mich Kurve um Kurve imaginäre Trauben ausdrücken.

Mittags setzte ich mich dann ‒ eingepackt in eine Wolldecke ‒ in einen Liegestuhl auf der Berghütte, bestelle wie Hans Castorp ein Bier. Und blicke von oben auf die Schatzalp. Sie liegt da wie ich. Sonnenbestrahlt. Zeitversetzt. Entschleunigt.

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