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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.07.2008

Dauerbrenner Diskriminierung?

Von Peter Köpf

Beschäftigungschancen sind ungleich verteilt (AP)
Beschäftigungschancen sind ungleich verteilt (AP)

Frauen sind am Arbeitsplatz benachteiligt. Das wissen auch wir Männer. Kürzlich hörten wir wieder ein Orchester von Berichten und Kommentaren aller Zeitungen, nachdem die OECD ihren jährlichen Beschäftigungsausblick veröffentlicht hatte.

Ohne nähere Erläuterung der Gründe, aber sehr medienwirksam, schrieben die PR-Strategen in die Zusammenfassung für die deutschen Medienvertreter: "Die Beschäftigungschancen sind unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr ungleich verteilt. Etwa 15 Prozent weniger Frauen als Männer zwischen 25 und 54 Jahren haben eine Beschäftigung, und sie verdienen im Durchschnitt 24 Prozent weniger als Männer, wenn beide einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Unter den 20 OECD-Ländern, für die Daten vorliegen, ist der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen damit nach Japan und Korea in Deutschland am stärksten."

Damit sicherte sich die OECD die Aufmerksamkeit der Frauenbeauftragten in den Redaktionen, die zumindest den Waschzettel der OECD nachdruckten. Im privaten und dienstlichen Umfeld gab es danach wieder das bekannte Konzert in Diskriminierungs-Moll. Und zwischen den Tönen schwang der Vorwurf mit an diejenigen, die mutmaßlich verantwortlich sind für die Misere der Frauen: die Männer.

Wir hören diese Kakophonie seit mindestens 30 Jahren, als würde nichts sich ändern. Das ist in doppelter Hinsicht ärgerlich: Ärgerlich ist der Teil, der noch immer wahr ist, noch ärgerlicher ist jedoch, was uns die Gender-"Fachleute" in den Medien in diesem Fall im Komplott mit der OECD aus durchsichtigen Motiven verschweigen: Wer sich nämlich die Mühe macht, den ganzen, englischsprachigen Bericht zu lesen, stößt auf Differenzierungen und Erläuterungen. Und auf zwei Lügen.

Die Zahl von 24 Prozent "Gender Wage Gap" (GWG) in Deutschland stammt aus dem Jahr 1996. Für 2006 weist der Bericht keine Zahl aus. In den Ländern, für die zwei Vergleichswerte vorliegen, ging der Unterschied aber im Lauf von zehn Jahren zurück, OECD-weit von 22 auf 17 Prozent. Der zweite Fehler der OECD-Kommunikation: Die errechneten Stundenlöhne beruhen nicht nur auf Vollzeitstellen, sondern berücksichtigen alle Einkommen von Menschen mit mindestens 15 Stunden Wochenarbeit. So steht’s in der Studie, so hat es der Autor des dritten Kapitels des Berichts (über Diskriminierung am Arbeitsmarkt), der Italiener Andrea Bassanini, am Telefon bestätigt. Relevant ist das, weil fast jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland ein meist schlechter bezahlter Teilzeitjob ist, überwiegend geleistet von Frauen. Das erklärt einen erheblichen Teil des großen Unterschieds bei den Löhnen.

Diese zwei Lügen hätte die OECD gar nicht nötig gehabt, um in die Medien zu kommen. Es gibt im Beschäftigungsausblick 2008 eine Reihe guter Nachrichten: dass die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt und die Bezahlung sich weiter angleichen und mehr und mehr Frauen ihr ganzes Leben berufstätig bleiben; dass das Beschäftigungsgefälle in den zehn Jahren bis 2005 in Deutschland jährlich um durchschnittlich 0,8 Prozent abnahm; dass die deutsche Gesetzgebung zur Anti-Diskriminierung "zu den fortschrittlichsten im OECD-Bereich" gehört; dass alle OECD-Länder Anti-Diskriminierungsgesetze entwickelten, die sich auch als effektiv erwiesen hätten.

Ich lese außerdem im Bericht, dass Reformen für Frauen flexible Arbeitsplätze geschaffen haben, inklusive Rücksichtnahme auf Mütter und gute, bezahlbare Kinderbetreuung. Natürlich kann man alles immer noch besser machen.

In den Zeitungen lese ich dagegen: Frauen dürfen nicht, und wenn, dann schlechter bezahlt. Bei gleicher Arbeit!

Politisch interessanter als die Wiederholung alter Teilwahrheiten wäre es außerdem gewesen, zu erfahren, was die OECD als Gegenmaßnahme gegen den Boom der Billigjobs empfiehlt, in denen sich viele Frauen abarbeiten: Die OECD empfiehlt Mindestlöhne. Andere Studien wie jene von Anja Heinze und Elke Wolff vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) weisen darauf hin, dass es keinen Tarifvertrag gibt, in dem ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit festgelegt wird. Frauen müssten also das Lob der Gewerkschaften anstimmen.

Stattdessen lese und höre ich das Schlagwort von der Diskriminierung. Es führt in die Irre. Nur ein Teil des Rückstands der Frauen sei auf Diskriminierungspraktiken in der Arbeitswelt zurückzuführen, kann bei der OECD lesen, wer lesen will, nämlich zu etwa einem Zwölftel (8 Prozent) bei der Beschäftigung und zu weniger als einem Drittel (30 Prozent) bei den Löhnen. Das wäre für Zeitungsleserinnen und -Leser eine Neuigkeit gewesen, auch wenn Fachwissenschaftler und sogar das für Frauen zuständige Bundesministerium seit Jahren einräumen, dass auch Frauen für ihre "Benachteiligung" einen Teil der Verantwortung tragen.

Für einen Mann wäre es ein Leichtes, über die für einen Gender-Beitrag durchaus typische Illustration in der Süddeutschen Zeitung zu spotten: attraktive Frau um die Dreißig im Schneidersitz vorm Sofa, auf dem flachen Tisch ein Notebook. Bildunterschrift: "Frauen sind in Deutschland am Arbeitsmarkt stärker benachteiligt als in vielen anderen Ländern." Dass die Dame zu Hause arbeitet, hat sie offenbar ihrem Arbeitgeber zu verdanken. Wahrscheinlich repräsentiert die Abgebildete die Gruppe der hart arbeitenden Frauen, die manche Redakteurinnen vor Augen haben, wenn sie von behinderten Karrieren sprechen. Aber Karrieren werden nun mal nicht im Homeoffice gemacht, und auch nicht mit der 20-Stunden-Woche. Zwar gibt es zweifellos Begabte, die in 20 Stunden mehr leisten als andere in 60, aber mit einer Halbtagsstelle from ten to two ist die Deutsche Bank nicht zu führen, weder von einem Mann noch von einer Frau. Im Übrigen wird nicht nur vorm Laptop gearbeitet, sondern vorm heißen Stahlofen, im Operationssaal nach Mitternacht und morgens um sechs hinterm stinkenden Müllauto.

Die OECD nennt eine Reihe von sachlichen Gründen für die ungleichen Resultate beim Arbeitsplatz- und Geldzählen: Ausbildung, Erfahrung, Art der Tätigkeit (occupation). Die Studie erspart uns auch nicht den Blick auf "soziokulturellen Unterschiede in der Einstellung zur Arbeit” (OECD-Bericht: "socio-cultural differences in attitude towards work") und "charakterliche Unterschiede" ("gender differences in individual characteristics"), beispielsweise Motivation und Erwartungen ("expectations", man könnte auch übersetzen: Ziele), außerdem Unterschiede in der Qualität des Arbeitskräfteangebots, wozu auch die Wahl des Studienfachs gehört. Eine britische Untersuchung aus dem vergangenen Jahr ergab beispielsweise, dass Unterschiede in der Motivation, bei den (Karriere-)Zielen und in der Wahl des Studienfachs für 70 Prozent des später sichtbaren Einkommensunterschieds verantwortlich seien.

Dass Frauen häufiger die "falschen" Studienfächer wählen, ist nicht neu. Die Hamburger Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff machte darauf bereits im vergangenen Jahrhundert aufmerksam, ihre Erkenntnisse fanden aber keinen Eingang in die Medienberichterstattung. Auffallende Ergebnisse bringen auch Studien zur Berufswahl der Frauen: Weibliche Angestellte sind seltener in der Industrie zu finden sowie in den Segmenten, wo Profitabilität einen höheren Rang einnimmt. Heißt: wo es härtere Erfolgskriterien gibt. Auch unter Unternehmensgründern sind Frauen unterrepräsentiert.

Vielleicht ist es für fortschrittlich denkende Menschen, mehr noch: Frauen, schwer zu begreifen, weshalb möglicherweise ein Teil ihrer Geschlechtsgenossinnen ihre "Selbstverwirklichung", ihre Erfolgserlebnisse nicht (allein) im Berufsleben sucht, sondern offenbar mehr als in vergleichbaren Ländern ihre Arbeitskraft auch ihrer Familie widmen will. Aber mit welchem Recht sollte man oder frau einem erwachsenen Paar vorschreiben, wie es sein Leben zu gestalten und zu teilen hat?
Die OECD sieht eine Ursache von Diskriminierung auch darin, dass Unternehmer ihre Mitarbeiter auch aufgrund von Erfahrungen wählen. Sie erkennt darin ein Form von Diskriminierung, weil eine Person aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe benachteiligt wird. Den Arbeitgebern muss das ins Bewusstsein gebracht werden. Mit schlecht belegten Generalvorwürfen gelingt das allerdings nicht.

Die OECD muss sich vorwerfen lassen, die "Benachteiligung" von Frauen gefördert, zumindest verfestigt zu haben. Denn auch Frauen können – wie bei Männern jahrzehntelang geschehen – ihr Verhalten nur ändern, wenn ihnen ihr Fehlverhalten vor Augen geführt wird. Nur so wird abgeschafft, was alle anprangern: Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Übrigens auch solche gegen Männer, die es – auch darauf weist die Studie hin – in Berufen gibt, die Frauen dominieren.

In dieser Gesellschaft können Frauen so viel erreichen wie nie zuvor – nämlich alles. Geblieben ist das alte Sprichwort: Ohne Fleiß kein Preis. Ja, es stimmt, manchmal bekommt man den Preis trotz aller Mühe nicht; aber das gilt für alle Menschen, sogar für Männer, und hat mit Diskriminierung nichts zu tun.

Was zählt, ist die Leistung. In einigen Branchen setzen sich Frauen längst durch: Ein Blick auf die ersten Geigen in deutschen Orchestern legt die Vermutung nahe, dass junge, hübsche Damen diese Rolle am besten ausfüllen. Kein Mann in der zweiten Reihe hat je öffentlich dagegen protestiert.


Peter Köpf ist stellvertretender Chefredakteur von "The German Times" und "The Atlantic Times". Er schrieb zahlreiche Sachbücher, zuletzt "Hilfe, ich werde konservativ. Die Zeiten ändern sich – meine Überzeugungen nicht". Mehr: www.denk-bar.de

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