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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.09.2012

Das Weltwissen hinkt immer hinterher

Bernd-Olaf Küppers: "Die Berechenbarkeit der Welt", Hirzel-Verlag, Stuttgart 2012, 312 Seiten

Der größte Teichenbeschleuniger der Welt im schweizerischen Cern
Der größte Teichenbeschleuniger der Welt im schweizerischen Cern (AP)

Kann man rein logisch die Welt erklären? In seinem Buch zeigt Bernd-Olaf Küppers erfrischend offen, wie begrenzt unsere Erkenntnis ist, ohne dabei in plumpe Forschungsfeindlichkeit zu verfallen.

Dieses Buch ist ein Experiment mit Ideen, so räumt Bernd-Olaf Küppers gleich auf der ersten Seite freimütig ein. Wie bei allen Experimenten sei der Ausgang ungewiss und am Ende wisse man meist nur, was falsch war. Aber das gehöre nun einmal zum Wesen der sich ständig wandelnden und fortschreitenden Wissenschaft.

"Die Berechenbarkeit der Welt" führt den Leser an Grenzfragen der exakten Wissenschaften – denn noch immer bleibt vieles weit jenseits unseres Erkenntnishorizonts. Manches, was heute als sensationelle Entdeckung gefeiert wird, entpuppt sich morgen schon als Irrweg – und hat meist dennoch die Wissenschaft voran gebracht.

Bernd-Olaf Küppers geht mutig die ganz großen Fragen unserer Welt an: Kann die exakte Wissenschaft zum Ursprung aller Dinge vorstoßen? Lassen sich Phänomene wie Leben, Zeit und Geschichte erklären? Ist alles irgendwie berechenbar und passt am Ende das gesamte Universum in ein paar Formeln? Oder werden manche Rätsel für immer unlösbar bleiben?

Das Buch beginnt bei den klassischen Philosophen Platon und Aristoteles und der Frage, ob es ein absolutes Weltwissen gibt, ob sich also unsere Welt allein durch logisches Denken erfassen lässt ohne jede sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung. Später geht es um Sprache und Information, um die Schönheit der Natur und die Zukunft der Wissenschaft.

Bernd-Olaf Küppers war mehr als zwei Jahrzehnte am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen tätig, später hat er in Jena Naturphilosophie gelehrt. Er ist Physiker und Philosoph – und das tut dem Buch an vielen Stellen gut. Denn ganz im Sinne Carl-Friedrich von Weizsäckers versucht er Brücken zu bauen zwischen zwei Disziplinen, die oft als getrennt angesehen werden, auch wenn sie in vielen Bereichen zwingend zusammengehören. Allerdings brechen in manchen Passagen dieses Buches die beiden Berufe des Autors zu sehr durch. Ohne solide philosophische Grundkenntnisse lassen sich manche Absätze kaum verstehen. Da wimmelt es im Text nur so von Fachbegriffen. Ebenso werden auf vielen Seiten die Leser scheitern, die mit Formeln und binären Codes nichts anfangen können.

Glücklicherweise besteht das Buch aus neun Kapiteln, die aus Vorträgen zu den verschiedenen Themen hervorgegangen sind. Jedes Kapitel steht auch für sich allein. Wer der Argumentation an einer Stelle nicht mehr folgen kann, bekommt immer wieder eine Chance zum Wiedereinstieg geboten. Die gut 80 Abbildungen helfen, die thematischen Zusammenhänge zu verstehen, und stellen oft ganz plakativ Verbindungen her: So illustriert ein Blick auf den LHC-Beschleuniger am CERN-Laboratorium in Genf den Anfang des Kapitels, in dem es um einen großen Philosophen-Streit des 19. Jahrhunderts geht, der die grundsätzlichen Grenzen der Naturerkenntnis zum Thema hatte.

Dies ist kein Buch, das sich mal eben nebenher lesen lässt. Auf die "Berechenbarkeit der Welt" muss man sich einlassen. Bernd-Olaf Küppers mutet sich, seinen Lesern und den Wissenschaften viel zu, zeigt er doch erfrischend offen, wie begrenzt unsere Erkenntnis ist, ohne dabei in plumpe Forschungsfeindlichkeit zu verfallen. Ob das Experiment dieses Buches am Ende glückt, muss jeder selbst entscheiden. Doch allen Leser ist hinterher klar: unsere Welt ist vor allem eines – unberechenbar.

Besprochen von Dirk Lorenzen

Küppers, Bernd-Olaf: Die Berechenbarkeit der Welt - Grenzfragen der exakten Wissenschaften
Hirzel-Verlag, Stuttgart 2012
312 Seiten, 32 Euro