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Lesart | Beitrag vom 29.03.2016

"Das Wellness-Syndrom"Plädoyer gegen den "Workout"-Terror

Von Frank Kaspar

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Maxi Specht trainiert am 23.03.2016 im Arkona Spa im Neptun Hotel Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern). Die Trainingsangebote sind auch Teil der Thalasso-Therapie, einer Therapie am Meer und mit Meerwasser. Foto: Bernd Wüstneck/ZB (picture alliance/dpa/Bernd Wüstneck)
Fitness ist zum Pflichtprogramm geworden. (picture alliance/dpa/Bernd Wüstneck)

Fitness und Gesundheit sind nicht länger Privatsache. Immer mehr Unternehmen wollen ihren Angestellten vorschreiben, was gut für sie ist. Aus Sicht von Carl Cederström und André Spicer geht es dabei vor allem um die Steigerung des persönlichen Marktwertes.

Positiv denken, gesund leben und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, davon versprechen sich viele Menschen Erfolg und persönliche Freiheit. Aber die Vorstellung, dass jeder seines Glückes Schmied ist, lenkt von politischen Fehlentwicklungen ab und gibt dem Einzelnen die Schuld, warnen Carl Cederström und André Spicer".

Auch Unternehmen und Behörden haben ein verstärktes Interesse am Wohlbefinden ihrer Angestellten und investieren in gesundheitliche Aufklärung, mentale Trainings oder Fitness-Angebote. All das folgt durchaus einem ökonomischen Kalkül. Denn glückliche und gesunde Mitarbeiter, so eine weit verbreitete Annahme, sind leistungsfähiger, motivierter und erfolgreicher.

Wirkmächtige Ideologie

Die beiden Autoren erkennen in diesem Wellness-Trend eine wirkmächtige Ideologie. Werbespots und Imagekampagnen, staatliche und privatwirtschaftliche Gesundheitsinitiativen sowie eine Vielzahl von Coachings, Kursen oder Workshops sollen Menschen dazu animieren, mehr Verantwortung für einen gesunden Lebensstil zu übernehmen.

In den Augen der beiden Autoren, die Organisationstheorie und Management in Stockholm und London unterrichten, folgt dieses verordnete Streben nach Glück der Logik einer neoliberalen Arbeitswelt: Was auf den ersten Blick wie eine private Entscheidung für das eigene Wohlergehen wirkt, dient tatsächlich längst dazu, den persönlichen Marktwert zu steigern.

Mitarbeiter der Otto Group in Hamburg nehmen in ihrer Mittagspause am 24.04.2014 an einem Zumba-Kurs teil. (picture-alliance / dpa / Ulrich Perrey)Mitarbeiter der Otto Group in Hamburg nehmen in ihrer Mittagspause an einem Zumba-Kurs teil. (picture-alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Cederström und Spicer haben nichts dagegen, dass Leute auf ihre Gesundheit achten. Aber wenn Wellness zum Pflichtprogramm wird, verwandelt sie sich in ein Instrument der Kontrolle. Die Autoren machen deutlich, wie Unternehmen und Politik dabei in die Privatsphäre von Menschen hineinregieren, moralischen Druck erzeugen und zur Ausgrenzung und Stigmatisierung bestimmter Gruppen beitragen.

Drogentests für Bewerber

So ist eine Reihe amerikanischer Kliniken dazu übergegangen, ihren Mitarbeitern nicht nur das Rauchen zu verbieten, sondern gar keine Raucher mehr einzustellen, weshalb Bewerber sich dort einem Drogentest unterziehen müssen. Pädagogen aus Chicago, die sich weigerten, an einem Gesundheits-Programm des Lehrerverbandes teilzunehmen, welches ihre Lebensweise anhand von Biodaten auswertet, mussten 600 Dollar Strafe zahlen.

Arbeitslose, die keine neue Anstellung finden, sehen sich zunehmend dem Verdacht ausgesetzt, dass nicht die Arbeitsmarkt-Lage, sondern allein ihr Mangel an Disziplin und Zuversicht für ihre Misere verantwortlich sei.

Der Zwang zur Selbstvervollkommnung

Die Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts versprach Angestellten Sicherheit, nicht selten verbrachten Mitarbeiter ihr gesamtes Arbeitsleben bei einem einzigen Unternehmen. Der Preis dafür waren starre Abläufe und abstumpfende Routinen. Heute kehrt die Kritik an diesen Bedingungen wieder in den Slogans einer neuen Arbeits-Ethik, die den Zwang, sich flexibel, fit und freundlich einem permanenten Wettbewerb zu stellen, als "Selbstverwirklichung" verbrämt.

Immer mehr Menschen führen das eigene Leben wie ein Geschäft und versuchen, noch in ihrer Freizeit effizient zu sein. Cederström und Spicer schildern diesen Wandel von der "Work-Ethic" zur "Workout-Ethic" scharfzüngig, mit einem Auge für absurde Auswüchse. Ihr Buch ist ein engagiertes Plädoyer dafür, die Politik wieder in die Verantwortung zu nehmen. Dort müssen die Bedingungen für ein "gutes Leben" erstritten werden, die Nabelschau der Wellness-Jünger wird es allein nicht richten.

Carl Cederström, André Spicer: Das Wellness-Syndrom.Die Glücks-Doktrin und der perfekte Mensch
Edition Tiamat, 2016
192 Seiten, 16 Euro

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