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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2006

Das "Waisenkind der Romantik"

Biographie über die philosophische Dichterin Karoline von Günderrode

Rezensiert von Carola Wiemers

Gersdorff setzt die Tragik der Disharmonie als Grundtenor ein. (dradio.de)
Gersdorff setzt die Tragik der Disharmonie als Grundtenor ein. (dradio.de)

Eine außergewöhnliche Frauengestalt um 1800 stellt Dagmar von Gersdorff in ihrem Buch vor. Karoline von Günderrode versteht sich als eine philosophische Dichterin. Ihr spektakulärer Selbstmord versperrte oft genug einen klaren, ernsthaften Blick auf ihr Leben und Werk. Ob diese Biographie sich gegen andere behaupten kann, scheint allerdings zweifelhaft.

Ricarda Huch sprach einst von jenem uneinlösbaren Wunsch, bei der Beurteilung eines Verstorbenen, "einen Blick in das Antlitz tun und ein Wort aus dem Munde vernehmen zu können", damit der Widerspruch der Zeitgenossen verblasse. In diesem Wunsch spricht sich die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit aus, die als Ideal wohl jeder biographischen Annäherung eingeschrieben ist.

Im Fall der Karoline von Günderrode versperrte ihr spektakulärer Selbstmord - sie erdolchte sich - oft genug einen klaren, ernsthaften Blick auf das Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Dichterin. Am 11. Februar 1780 in Karlsruhe als ältestes von sechs Kindern geboren, lebt sie seit ihrem siebzehnten Lebensjahr im Cronstetten-Hynspergischen Evangelischen Damenstift in Frankfurt, da sie durch den frühen Tod des Vaters ohne Mitgift ist. Sie arrangiert sich mit der Enge des räumlichen und geistigen Daseins, indem sie einen dichterischen Anspruch formuliert, der um 1800 singulär ist.

Karoline von Günderrode versteht sich als eine philosophische Dichterin und verfasst Lyrik und Prosa, aber auch Dramen und philosophische Abhandlungen. Ihr Leben vollzieht sich abseits der literarisch-philosophischen Zentren Jena, Weimar und Berlin. Intellektuell zwar durch ihren Frankfurter Freundeskreis (die Brentanos, Susanne von Heyden, Karl und Gunda von Savigny) eingebunden, bleibt sie - wie Wolfgang Koeppen es ausdrückte - das "Waisenkind der Romantik".

Die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Dagmar von Gersdorff versucht sich nun in ihrer Biographie dem Leben und Werk dieses begabten "Waisenkindes" anzunehmen. Im Titel operiert sie mit einem Zitat Günderrodes Die Erde ist mir Heimat nicht geworden und setzt damit von Anfang an die Tragik der Disharmonie als Grundtenor ein.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis verrät die Intentionen der Autorin und kommentiert in bekannten sprachlichen Klischees das intensive, doch nur 26 Jahre währende Leben der Günderrode. Den insgesamt 25 Kapiteln sind Überschriften wie "'Hand und Hand' - Bettine Brentano. 1801", "Eine Hassliebe: Gunda Brentano", "Erotische Anträge. Clemens Brentano.1802" oder "Betrogen" und "Untreue und Verrat" vorangestellt. Damit ist ein recht rigides Koordinatensystem entworfen, mit dem auf ein chronologisches Verfahren verwiesen wird, bei dem die Vielfalt der Begegnungen im Leben Günderrodes sowie ihr unerfülltes Liebesbegehren im Mittelpunkt stehen.

Dagmar von Gersdorff konzentriert sich zwar darauf, die verschiedenen Stimmlagen der Zeit zu erfassen, doch werden diese Stimmen vom euphorischen Ton der ersten "Biographin" Günderrodes, Bettine von Arnim, deren Briefroman "Die Günderrode" 1840 erschien, überlagert.

Nach Christa Wolfs Studien zum Leben und Werk der Günderrode und der Novelle "Kein Ort. Nirgends" von 1979 sowie Markus Hilles "Günderrode"-Monographie (1999) wird Dagmar von Gersdorffs Biographie ohne Zweifel ihre Leser finden, doch es nicht leicht haben, sich zu behaupten.


Dagmar von Gersdorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006, 261 Seiten

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