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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2013

Das Ungeheuer in mir

Terézia Mora: "Das Ungeheuer", Luchterhand Verlag, München 2013, 684 Seiten

"Zweierlei Erinnerungen, zweierlei Wahrheiten, zweierlei Versionen" (Stock.XCHNG / Andy Heyward)
"Zweierlei Erinnerungen, zweierlei Wahrheiten, zweierlei Versionen" (Stock.XCHNG / Andy Heyward)

Was Darius für eine glückliche Ehe hielt, wird in Terézia Moras Roman "Das Ungeheuer" dramatisch revidiert. Seine Ehefrau erhängt sich und er erfährt, dass sie an einer starken Depression litt. Mit ihrer Urne macht er sich auf den Weg in ihre Heimat Ungarn und zieht immer weiter auf der Suche nach ihrer und seiner Erlösung.

"Das Ungeheuer" ist eine Fortsetzung von "Der einzige Mann auf dem Kontinent" (2009), dem erfolgreichen Roman über Darius Kopp, den übergewichtigen, glücklosen Informatiker mit seiner großen Liebe zu seiner deutsch-ungarischen Ehefrau Flora. War der Roman eine milde Satire auf die tragikomischen Katastrophen der IT-Branche mit einem Helden, der sich gegen die Ansprüche der kapitalistischen Arbeitswelt mit charmanter Renitenz zur Wehr setzte, so zeigt der Fortsetzungsband nun die tragische Unteransicht von Kopps oberflächlichem Leben, insbesondere seinem Eheleben. Was Darius Kopp für eine glückliche Ehe hielt, wird im neuen Roman dramatisch revidiert. Wie sich nun zeigt, hat sich Kopps Ehefrau Flora im Wald erhängt.

Zu Beginn des Romans arbeitet sich Darius nach einem zehnmonatigen Totalabsturz in Trauer, Alkohol und Verwahrlosung aus seiner Depression heraus und stellt sich den Tatsachen. Er hat seine Frau, seinen Job und seine Wohnung verloren, seine Ersparnisse gehen zu Ende. Er hat entdeckt, dass Flora, die nie über ihre Vergangenheit sprach, auf ihrem Laptop ein ungarisches Tagebuch führte; er hat die Dateien übersetzen lassen und stellt nach der Lektüre fest, dass er seine Frau gar nicht gekannt hat.

Er wusste nichts über ihr Vorleben, und er ahnte nichts von ihrem seelischen Zustand in den neun Jahren, in denen er sich mit ihr glücklich wähnte und auch sie für glücklich hielt. Doch Flora "hatte ein Parallelleben", wie ihre Tagebuch-Aufzeichnungen enthüllen – und dort lauerte das Ungeheuer, eine unheilbare seelische Erkrankung.

Sein eigenes Leben neu erzählen

Die Lektüre ist für Darius ein Schock, sie kehrt in seinem Leben das Unterste zuoberst. Er muss sich sein eigenes Leben völlig neu erzählen. Er packt Floras Urne ins Auto und macht sich auf die Spurensuche nach der Herkunft seiner Frau in ihrer Heimat Ungarn. Von dort lässt er sich weitertreiben – durch den Balkan nach Albanien, in die Türkei, bis nach Georgien und Armenien. Zuletzt wird er Floras Urne im Ätna bestatten.

Der Roman ist typografisch horizontal zweigeteilt in eine obere und untere Hälfte. In der oberen Hälfte wird Kopps Abenteuer-Reise mit Urne erzählt, ein Mix aus Road-Novel und Kopps Rekapitulation seines Lebens mit Flora im Lichte seiner neuen Tagebuch-Erkenntnisse. Die untere Hälfte besteht aus Floras Tagebuchaufzeichnungen: Sie offenbaren ihre verheimlichte Unterwelt tiefer Seelennot in den Krallen des Ungeheuers, einer chronischen manisch-depressiven Psychose.

Der Roman ist als große Lebensrevision angelegt: Zweierlei Erinnerungen, zweierlei Wahrheiten, zweierlei Versionen einer Ehe stehen gegeneinander. Setzt sich in der oberen Hälfte trotz aller Düsternis Moras berühmter quecksilbriger und temperamentvoller Erzählton immer wieder durch, so liest sich die untere Hälfte als Text-Chaos aus Erinnerungs-Fragmenten und Bewusstseins-Splittern, auch stilistisch das Abbild einer gequälten, zerrissenen und zerfallenden Seele. Tiefer ist Terézia Mora noch nie in die Abgründe hinabgestiegen, um die Bodenlosigkeiten heutigen Lebens auszuloten.

Besprochen von Sigrid Löffler

Terézia Mora: Das Ungeheuer
Luchterhand Verlag
München 2013
684 Seiten, 22,99 Euro

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