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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.01.2008

Das Unbehagen im Kapitalismus

Von Christoph Keese

Gewerkschafter protestieren gegen die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum (AP)
Gewerkschafter protestieren gegen die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum (AP)

Im Moment seines größten Triumphes erlebt der westliche Kapitalismus seine größte Krise. Besonders in Deutschland schwankt der Boden unter den Säulen des Systems. Eine Mehrheit der Deutschen glaubt, unter Kapitalismus sei einzig die Ausbeutung der Vielen durch das Gewinnstreben einiger weniger zu verstehen. Unter diesen Schleier des Nichtwissens dringen die Einreden nicht vor. Kapitalismus ist nichts weiter als ein Steuer- und Regelkreis zur bestmöglichen Nutzung knapper Ressourcen. Eigentlich eine recht harmlose Sache.

Alles auf der Welt ist knapp. Zu Wohlstand gekommen ist die Menschheit erst, als sie lernte, wie man Knappheit am besten organisiert. Nämlich so, dass man verschiedene Verwendungsmöglichkeiten des knappen Guts in Wettstreit miteinander treten lässt. Aus bestimmtem Einsatz das Beste zu machen, ist das Prinzip der Ökonomie.

Man kann dieses Prinzip genauso wenig verneinen wie die Knappheit als solche. Alle sozialistischen Utopien sind an ihrer Fehlinterpretation der Knappheit gescheitert. Die Linke hat in ihren Windmühlen-Attacken gegen die Knappheit immer "das Geld" oder "das Kapital" bekämpft, dabei aber übersehen, dass dies lediglich menschlich festgelegte Messgrößen einer Naturkonstante sind.

Ein Kapitalist ist nicht einfach ein Ausbeuter, wie SPD-Vizevorsitzende Andrea Nahles erst kürzlich in einem Interview sagte. Er ist völlig wertneutral jemand, der dem Markt knappe Güter zur Verfügung stellt und damit das Erzeugen anderer Güter ermöglicht. Alle profitieren davon, wie Adam Smith im 18. Jahrhundert bisher unwiderlegt beweisen konnte. Aus reiner Bequemlichkeit wickeln wir das Geschäft in Geld ab. Genauso gut könnten wir Kartoffeln oder Tulpen als Währung benutzen, wäre es nicht so unpraktisch.

Aber: Ab wie viel Geld ist man eigentlich Kapitalist? Ab tausend, hunderttausend, ab einer Million Euro? Jede Grenze oberhalb von Null wäre willkürlich gesetzt und damit angreifbar. Deshalb ist jeder ein Kapitalist, der auch nur einen Euro übrig hat und anlegt.

Wenn Andrea Ypsilanti, Kurt Beck, Andrea Nahles und Oskar Lafontaine Stimmung gegen Kapitalisten machen, bedienen sie ein antifreiheitliches Ressentiment. In der angelsächsischen Welt wird "Capitalism" anders als bei uns fast gleichbedeutend mit "freier Marktwirtschaft" benutzt. Freie Marktwirtschaft ist die Voraussetzung von Freiheit. Ungehinderter Austausch von Arbeit, Geld, Waren und Dienstleistungen sind elementare Bürgerrechte und kommen bezeichnenderweise nur in Demokratien vor. Wie bei allen bürgerlichen Freiheiten gilt: Einschränken darf man sie nur, wenn andere, ebenbürtige Freiheiten in Gefahr geraten.

Genau dieses Gebot aber ist dem linken Flügel suspekt. Die Deutschen hadern mit dem System, das ihnen historisch einmaligen Reichtum beschert. Sie sehnen sich nach Instanzen, die bei Arbeitslosigkeit, Entlassungen und Wettbewerb helfen. Eine solche Instanz wollte der allmächtige Sozialstaat der Linken immer sein. Unter der Last seiner ungedeckten Schecks ist er zusammengebrochen. Hinter dem Unbehagen im Kapitalismus steht der Trennungsschmerz von einem Vater Staat, der große Töne spuckte und im Notfall nicht wirklich helfen konnte. Nach Freud’schem Verständnis mündet der Verlust einer derart übergroßen Vaterfigur in allgemeines Unbehagen – das Unbehagen im Kapitalismus. Um Vertrauen zurück zu gewinnen, müsste der Staat weniger versprechen und mehr halten. Damit aber kann die Neolinke nicht allzu viel anfangen. Was, wenn nicht der Staat, hilft dann gegen die Globalisierung? Gar nichts.

Vielmehr hilft die Globalisierung uns. Sie bietet mitunter atemberaubende Chancen auf Beschäftigung, Wohlstand, Bildung und Ansehen. Kein Zeitalter gab den Mutigen, Kreativen und Fleißigen so viele Chancen wie dieses. Sicher, Nokia verlässt Bochum, und in Deutschland werden keine Handys mehr gebaut. Aber die besten Maschinen, Autos, Flugzeuge, Werkstoffe, Chemikalien und Programme kommen noch immer von hier. Kapitalismus ist das beste Sozialprogramm, das je erfunden wurde. Kapitalismus bedeutet vor allem, aus Knappheit das Beste zu machen. Einzig die freie Marktwirtschaft schafft nachhaltiges Wachstum, und nur Wachstum befreit die Menschen aus dem mörderischen Wettkampf des Nullsummenspiels. Was der eine gewinnt, muss der andere nicht zwangsläufig verlieren. Für Unbehagen besteht also kein Anlass. Der Staat kann keine Vaterfigur mehr sein. Er beschützt die Gemeinschaft, ist aber nicht Teil von ihr. In der freiheitlichen Demokratie ist keine andere Rolle für ihn denkbar. Friedrich Schiller wusste das besser als Andrea Nahles.

Wir können zu den Gewinnern der Globalisierung und des Kapitalismus gehören, sobald wir den inneren Widerstand gegen sie überwinden. Dann könnte es uns - mit Schillers Don Karlos gesprochen - gelingen, unser Jahrhundert in die Schranken zu weisen.


Christoph Keese (privat)Christoph Keese (privat)Christoph Keese, Jahrgang 1964, ist seit Ende Mai 2004 Chefredakteur der "Welt am Sonntag" und seit 2006 Chefredakteur von "Welt online". Zuvor war er Geschäftsführender Redakteur und Ressortleiter Wirtschaft der "Berliner Zeitung" sowie Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" (FTD), zu deren Gründern er gehört. Buchveröffentlichungen: "Rettet den Kapitalismus" (Hoffmann und Campe, 2004) und "Verantwortung jetzt" (C. Bertelsmann, 2006).

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