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Studio 9 | Beitrag vom 02.03.2016

"Das Tagebuch der Anne Frank" im KinoLiebevoll, wütend und ein bisschen kratzbürstig

Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)
Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)

Ab Donnerstag zeigt die erste deutsche Verfilmung das "Tagebuch der Anne Frank". Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums Berlin, hat den Film schon gesehen und findet: "Es ist gelungen, das Mädchen in seiner Vielschichtigkeit zu präsentieren".

Mehrfach wurde "Das Tagebuch der Anne Frank" schon verfilmt, nun kommt erstmals eine deutsche Produktion in die Kinos. Der Film von Hans Steinbichler zeigt das jüdische Mädchen ohne Mythos, sondern als Heranwachsende mit all ihren Launen und Sorgen. Eine gelungene Idee, findet der Leiter des Anne-Frank-Zentrums Berlin Patrick Siegele.

Es sei gelungen, Anne Frank in ihrer Vielschichtigkeit zu präsentieren, so Siegele im Deutschlandradio Kultur. "Sie ist manchmal wütend, manchmal ist sie liebevoll, manchmal ist sie traurig, manchmal ist sie kratzbürstig." Alle Facetten, die ein Teenager in diesem Alter eben habe, kämen in dem Film vor und "man kann Anne Frank, wenn man so will, quasi dabei zuschauen wie sie erwachsen wird in dieser sehr schwierigen, bedrohlichen Situation."

Was ihm ebenfalls gefalle sei, dass der historische Kontext nah an der Geschichte der Familie und des Mädchen bleibe, so Siegele. Vor allem für Jugendliche liefere der Film viele Anknüpfungspunkte: "Das ist die große Stärke des Tagebuchs und der Geschichte der Anne Frank, dass Jugendliche da eine Brücke zu ihrem Leben heute auch bauen können."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: "Das Tagebuch der Anne Frank", das ist eines der Bücher, das viele Jugendliche gelesen haben. Die Geschichte der Anne Frank hat die Verfolgung eines jüdischen Mädchens und ihrer Familie durch die Nationalsozialisten vielen Leserinnen sehr nahegebracht. Jetzt kommt der erste deutsche Film, der das Tagebuch verfilmt, in die Kinos und er ist streng auf die Figur Anne Frank konzentriert, die hier auch ein wenig vom Sockel geholt werden soll. Hier ein Ausschnitt:

"Ich will eine berühmte Schriftstellerin werden. Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl, Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe, sondern ich denke auch, dass sich später keiner für die Herzensergüsse eines 13-jährigen Schulmädchens interessieren wird."
"Wir müssen untertauchen, und zwar sofort!"
"Weg, vom Fenster weg! Weg!
"Willkommen im Hinterhaus."
(Glasbersten, Waffenschießen)

von Billerbeck: Ein Ausschnitt aus dem Film "Das Tagebuch der Anne Frank", ein deutscher Film, der jetzt zu sehen ist. Wie gelungen ist das Bild von Anne Frank, das er zeigt? Das wollen wir von Patrick Siegele wissen, er ist Direktor des Anne Frank Zentrums Berlin, das ja die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an die Botschaft ihres Tagebuchs fördert. Patrick Siegele ist jetzt hier bei mir zu Gast, schönen guten Morgen!

Patrick Siegele: Schönen guten Morgen!

von Billerbeck: Alle Filme haben Anne Frank bisher heiliggesprochen, hat der Regisseur des Films Hans Steinbichler gesagt, und er möchte seine Anne im Film deshalb gerade nicht als Ikone zeigen, sondern als ganz normalen Teenager mit Sorgen, Problem, Macken und Konflikten. Wie gelungen finden Sie denn diese Idee?

Anne Frank beim Erwachsen-Werden zuschauen

Siegele: Insgesamt finde ich die wirklich sehr gelungen. Also, ich hatte ja die Möglichkeit, den Film schon zu sehen. Und was dem Regisseur wirklich gelungen ist, ist, Anne Frank in ihrer Vielschichtigkeit tatsächlich zu präsentieren. Also, sie ist manchmal wütend, manchmal ist sie liebevoll, manchmal ist sie traurig, manchmal ist sie kratzbürstig, wie eine Schulfreundin von ihr sie auch beschrieben hat. Also, diese Facetten, die ein Teenager in diesem Alter eben hat, all diese Facetten kommen im Film vor und man kann Anne Frank, wenn man so will, quasi dabei zuschauen, wie sie erwachsen wird in dieser sehr schwierigen, bedrohlichen Situation.

von Billerbeck: Nun hat ja der Regisseur auch davon gesprochen, er werde eine radikale Subjektivierung bieten. Aber genau dafür gibt es ja auch gern mal Kritik, Anne Frank sei zu menschelnd dargestellt und der historische Kontext ginge dabei verloren. Teilen Sie die Kritik?

Siegele: Es ist halt ein Film, muss man immer dazu sagen, und Filme haben da auch ihre Grenzen. Und was mir aber andererseits wieder sehr gut gefällt, ist, dass, was an historischem Kontext präsentiert wird in dem Film, auch da sehr stark an der Figur, an der Geschichte der Familie und Anne Frank bleibt.

Also, wenn es um die Ausgrenzungserfahrungen geht, die Anne Frank wie alle anderen in den Niederlanden lebenden Juden damals erfahren hatte – sei es, dass sie einen gelben Stern tragen mussten, sei es, dass sie nicht mehr in die Kinos gehen durften –, all das wird im Film präsentiert, aber es bleibt eben auch ganz nah dran an der Geschichte der Familie und an der Geschichte Anne Franks.

von Billerbeck: In solchen Debatten über die Güte von solchen Verfilmungen schwingt ja immer die Frage mit: Wie weit stellt man dar und wo beginnt vielleicht auch die Vereinnahmung einer so populären Figur, wie Anne Frank sie ja geworden ist. Das heißt auch, wie kritisch geht man mit Anne Frank auch um und wie weit nutzt man die Figur, um eine Botschaft zu vermitteln, die vielleicht auch weit über das Tagebuch hinausgeht? – Wie beantworten Sie als jemand, der politische Bildung und Ausstellungen macht, die Frage für sich und Ihre Arbeit?

Kritisches Geschichtsbewusstsein wecken

Siegele: Wir können da mit unseren Ausstellungen und unserer Bildungsarbeit natürlich weiter gehen, als es so ein Film tut. Und Sie sagen schon ganz richtig: Eine der wichtigsten Aufgaben der Geschichtsdidaktik, des historischen Lernens ist, eben ein kritisches Geschichtsbewusstsein auch zu wecken bei den Kindern und Jugendlichen, mit denen wir arbeiten. Und dazu gehört eben auch, so ein Gespräch, wie wir es jetzt führen, auch mit Jugendlichen zu führen. Also, welches Bild von Anne Frank haben wir, wieso ist Anne Frank eben auch das bekannteste Opfer des Nationalsozialismus, des Holocausts geworden?

Dafür gibt es ja auch Gründe. Also, Geschichte fällt nicht vom Himmel, sondern Geschichte ist eben von Menschen gemacht. Und das ist wichtig, immer wieder mit jeder Generation an Jugendlichen auch neu zu diskutieren und sie selber auch die Frage beantworten zu lassen, immer wieder aufs Neue: Was hat das mit mir zu tun, was kann ich davon lernen, auch für das Zusammenleben heute?

von Billerbeck: Aber warum ist gerade diese Figur der Anne Frank für Jugendliche so wichtig? Warum ist die ihnen so nah?

Siegele: Wie Sie schon eingangs gesagt haben: Also, auch der Film zeigt ja Anne Frank als ganz normalen Teenager, mit allen Problemen, mit allen Sorgen, die eben ein Jugendlicher in diesem Alter hat. Und dadurch gibt der Film sehr viele Anknüpfungspunkte, sehr viele Möglichkeiten, sich damit auch zu identifizieren. Und das ist, glaube ich, die große Stärke des Tagebuchs und der Geschichte Anne Franks, dass Jugendliche da eine Brücke zu ihrem Leben heute auch bauen können und dass, wie Sie auch gesagt haben, es um sehr universelle Themen geht. Es geht um Identität, es geht aber auch darum, Diskriminierung zu erfahren, zu beobachten und eben auch etwas dagegen zu tun. Also zu erinnern und zu engagieren, wie wir es sagen im Anne Frank Zentrum.

von Billerbeck: Werden Sie den Film auch einsetzen in Ihrer Arbeit?

Siegele: Wir haben auf alle Fälle eine Kooperation mit einem Kino in unserem Haus in der Rosenthaler Straße und werden da auch kombinierte …

von Billerbeck: Hier in Berlin am Hackeschen Markt ist das.

Siegele: Genau, hier in Berlin am Hackeschen Markt. Und wir werden auch den Film zeigen in Kooperation mit unseren Wanderausstellungsprojekten, den Partnern dort vor Ort. Und wir sagen halt: Wichtig ist, dass über den Film danach auch gesprochen wird, dass man in unsere Ausstellung kommt oder dass man im Unterricht noch mal darüber spricht, um genau diese kritische Auseinandersetzung mit dem Film, mit der Person, mit der Geschichte zu fördern.

von Billerbeck: Patrick Siegele war bei uns zu Gast, der Direktor des Anne Frank Zentrums Berlin. Und er hat den neuen Film, "Das Tagebuch der Anne Frank" von Hans Steinbichler, der jetzt in die Kinos kommt, schon gesehen. Danke für Ihren Besuch!

Siegele: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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