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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.09.2007

Das Tagebuch als Probebühne

Martin Walser: "Leben und Schreiben - Tagebücher 1963 - 1973", Rowohlt Verlag 2007, 719 Seiten

Martin Walser
Martin Walser (AP)

Für den Schriftsteller Martin Walser sind die Tagebücher eine Art Probebühne für seine Erzählungen und Romane. Damit sie gelingen, nutzt er die Chance, im Tagebuch mit der Sprache zu spielen und Ideen zu komponieren. Bei der Lektüre kann man den Autor bei seinen Irrfahrten auf dem Schreibboden begleiten.

Martin Walser hat am 15. September 1951 angefangen, Tagebuch zu führen. Der erste Eintrag lautet: "Die Sprache ist etwas, was man trotz einzelner Sätze und Wörter noch spüren muß. Der Dichter führt eine freie Melodie ins Unsichtbare. Wer mitgeht, sieht später etwas." Anfang der fünfziger Jahre, im Alter von 24 Jahren, war Martin Walser in der literarischen Szene noch ein Unbekannter. Daran hätte sich nichts geändert, wenn es nach dem Urteil von Wolfgang Weyrauch gegangen wäre, der als Lektor im Rowohlt Verlag Walsers Romanmanuskript mit der Anmerkung zurückwies, der Autor sei bei dem Versuch gescheitert, surrealistische Elemente aus der Malerei in die Sprache zu überführen.

Die Ablehnung entmutigt Walser jedoch nicht. Aus dem ersten Band seines Tagebuchs (2005) ist zu erfahren: "11.6.1955. Am 15. Mai 1000 DM, Preis der Gruppe 47 für die Geschichte eines älteren Herrn (Templone)." Hintergrund dieser lapidaren Notiz war Walsers Auftritt auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1955 in Berlin. Er las "Templones Ende" und gewann mit diesem Auszug deutlich gegen die Mitbewerber Wolfgang Hildesheimer und seinen einstigen Kritiker Wolfgang Weyrauch.

Walser, der mit "Ein Flugzeug über dem Haus" (1955) debütierte, ist seit "Ehen in Philippsburg" (1957) aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht wegzudenken. Was dem Autor in den Jahren von 1963 bis 1973 wichtig war, um es im Tagebuch festzuhalten, ist aus dem jetzt erschienenen zweiten Band der "Tagebücher" zu erfahren. Martin Walser ist kein Chronist. Einträge wie: "18.4.1963, Oberhausen. Lesung. Hotel Ruhrland. Der Kulturmanager, sonst nichts", finden sich zwar in dem Tagebuch, sind aber eher die Ausnahme. Wesentlich ausführlicher geht Walser dagegen auf den Auschwitz-Prozess ein, der vom 27. bis 29. Februar 1964 in Frankfurt am Main stattfand.

Während sich diese Einträge durch einen protokollarischen Stil auszeichnen, meldet sich der Erzähler Martin Walser in den literarischen Skizzen zu Wort, die im Tagebuch deutlich mehr Raum einnehmen. Sie machen den Charakter des Buches aus, das man als Skizzen- und Arbeitsbuch bezeichnen kann. Der Tagebuchautor, der eine Chronistenrolle nicht übernehmen will, gibt sich als Schriftsteller zu erkennen, der über das Schreiben betreffende Fragen nachdenkt. Für Walser sind die Tagebücher eine Art Probebühne für bevorstehende Auftritte auf den Textbühnen Erzählung und Roman. Damit sie gelingen, nutzt er die Chance, im Tagebuch mit der Sprache zu spielen, Ideen zu komponieren, Szenen zu entwickeln und mit Figuren Zwiesprache zu halten. Ihm dabei über die Schulter schauen zu können, macht den Reiz des Tagebuches aus.

Walser denkt im Tagebuch an verschiedenen Stellen über seine Berufung nach. Einmal heißt es in diesem Zusammenhang: "Papier, dir allein bin ich gewachsen. Papier, mein Element. Mit dir hat alles, was mich angeht, sein Bewenden. Du sargst mich ein." Wie in einer Gruft wird Walser von unbeschriebenem Papier umgeben, das aber auch eine verführerische Kraft besitzt. Immer wieder erliegt Walser, wenn er vor weißem Papier sitzt, der Faszination des Unberührten. Bei der Lektüre des Tagebuchs kann man den Autor bei seinen Irrfahrten auf dem Schreibboden begleiten. Dabei lässt sich genau angeben, wohin diese Ausflüge führen, auch wenn es nicht den einen Zusammenhang gibt.

Rezensiert von Michael Opitz

Martin Walser: Leben und Schreiben. Tagebücher 1963-1973
Rowohlt Verlag 2007
719 Seiten. 22,90 Euro