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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.03.2010

Das Stück der zwei Hälften

Friedrich Hebbels "Die Nibelungen" in Berlin

Von Volker Trauth

Deutsches Theater Berlin (AP)
Deutsches Theater Berlin (AP)

Die mehr als dreistündigen "Nibelungen" am Berliner Deutschen Theater starten mit einem furiosen ersten Teil. Nach der Pause scheint es, als wollte Regisseur Michael Thalheimer die Zuschauer mit einer Art Endlosschleife quälen.

Es ist der längste Thalheimer, den es je gab. Obwohl der Regisseur das gewaltige Werk mit seinen drei Abteilungen ("Der gehörnte Siegfried", "Siegfrieds Tod" "Kriemhild Rache") auf eine Spieldauer von 3 Stunden und 15 Minuten gebracht hat – verglichen mit seinen 90-minütigen bzw. zweistündigen Fassungen von "Emilia Galotti" oder "Leonce und Lena" eine Endlosdauer.

Im Gegensatz zu diesen Radikalentschlackungen, die den klassischen Text auf den Kern hin skelettierten, hat er hier (zumindest in Bezug auf die ersten beiden Abteilungen) den Schauspielern genügend Fleisch gelassen, um eine individualisierte Figur zeichnen zu können. Nicht Minimalisierung ist die Absicht – vielmehr Akzentuierung und Überhöhung.

In den ersten beiden Abteilungen folgt Thalheimer weitgehend Hebbels Handlungsführung, obwohl ein Teil des Figurenensembles wie Gunthers Bruder Gerenot sowie höfische und mythologische Figuren gestrichen sind und manche Textstellen anderen als von Hebbel vorgesehenen Figuren in den Mund gelegt worden sind. Herausgenommen sind vor allem auf die Katastrophe hinführende Szenen, Verbindungsstücke wie die ersten Begegnungen von Kriemhild und Brunhild sowie von Gunther und Brunhild.

Rigoroser ist der Umgang mit der dritten Abteilung ("Kriemhilds Rache"). Ganze Blöcke und Handlungsstränge sind dem Rotstift zum Opfer gefallen, auch Handlungsschauplätze wie Schiff und Schiffsanlegestelle, Rüdegers Burg zu Blecharn. Die hin und her wogenden tödlichen Kämpfe auf Etzels Burg sind auf Bilder und Szenensplitter reduziert worden, auf das Bild von den im Blutregen sich verkeilenden und umklammernden Burgundern und einen irrwitzigen Schusswechsel, der ins Unwirkliche gewendeten Metapher für Weltuntergang und Selbstausrottung.

Folge dieser Andersbehandlung des Textmaterials ist ein ästhetischer Bruch und ein darstellerischer und rhythmischer Spannungsverlust nach der Pause. Selten habe ich Thalheimer-Inszenierungen so auseinanderfallen sehen wie an diesem Abend. Es dehnt sich und schleppt als wollte der Regisseur die Zuschauer mit einer Art Endlosschleife quälen. Bilder (wie die Burgunder im Blutregen) spielen sich leer, die Schauspieler werden zunehmend zu sprechenden Schachfiguren.

Zunächst war die Premiere auf einen großen Theaterabend hinausgelaufen. Als wolle er Hebbels Bemerkung (im Brief an Heppner) von den im Drama notwendigen Figuren, die übers "wirkliche Maß" hinausgehen müssen, veranschaulichen, hat er Stückhelden nicht aufs Alltägliche verkleinert, sondern ins überdurchschnittlich Archetypische erhöht. Ein Theater der Wesentlichkeit hat er angestrebt. Ein Theater der großen, sprechenden Gesten. Wenn Hagen mit fast zeitlupenhafter Bewegung die Verwundbarkeitsstelle von Siegried nachzeichnet, die ihm Kriemhild gezeigt hat, wenn Gunther mit auffällig geführter Bewegung von der unterworfenen Brunhild Besitz ergreifen will oder wenn die dem Tod geweihten Burgunder demonstrativ zusammenrücken, dann erzählt das mehr als endloses Reden.

Das Bühnenbild von Olaf Altmann erzählt auf besondere Weise die verhängnisvolle Geschichte mit. Szenische Räume schaffen Spannungsfelder zwischen feindlichen Parteien, sich hebende und senkende Dekorationselemente spitzen die Katastrophen zu. Unter einer sich über sie herabsinkenden Zugbrücke sitzt Kriemhild und wird Ohrenzeuge vom Mord an ihrem Ehemann. Die Gänge auf der steilen Schräge werden zur auffälligen Aktion, Riesenentfernungen zwischen handelnden Personen zeigen an, wo die Kampflinien verlaufen.

Schauspielerisch gelingen eindrucksvolle Leistungen. Überfordert allerdings Maren Eggert als Kriemhild. Ihre sich im Dauerschrei entladende Klage hat irgendwann keine Steigerungsmöglichkeit mehr. Angestrengtheit beginnt den Zuschauer anzustrengen. So beginnt ein Abend leerzulaufen, der so großartig begann.

"Die Nibelungen"am Deutschen Theater Berlin

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