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Unsere Bundespräsidenten / Archiv | Beitrag vom 14.05.2009

Das singende Staatsoberhaupt

Walter Scheel

Von Georg Gruber

Walter Scheel (AP)
Walter Scheel (AP)

1974 wurde Walter Scheel, der Außenminister der sozial-liberalen Koalition und FDP-Vorsitzende, der jüngste Präsident in der Geschichte der Bundesrepublik. Zum Zeitpunkt der Wahl war er 54 Jahre alt. Er selbst hat sich einmal so charakterisiert: "Ich bin immer unterschätzt worden, was vielleicht mein Vorteil war."

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich gebe das Ergebnis bekannt: In der Bundesversammlung am 15. Mai 1974 wurden im ersten Wahlgang insgesamt 1033 Stimmen abgegeben. Davon für Herrn Walter Scheel 530 Stimmen."

Eine klare Mehrheit für den Außenminister und Vizekanzler der sozial-liberalen Koalition. Der FDP-Vorsitzende hatte sich selbst als Kandidat ins Spiel gebracht, worüber nicht alle seine politischen Freunde erfreut waren, sie hätten ihn lieber weiter als aktiven Parteipolitiker gesehen, nicht als überparteilichen Repräsentanten. "Die Zeit" schreibt nach seiner Wahl:

"Ist da nicht ein bedeutender Politiker auf den falschen Platz gestellt worden? Gab es da nicht in Bonn eine Fehlbesetzung?"

Heute ist Walter Scheel vielen nur noch als gesellige Frohnatur, als der singende Bundespräsident in Erinnerung – durch eine Platte, die er bereits 1973 als Außenminister aufgenommen hat.

Fast in Vergessenheit geraten ist, dass Scheel, der aus einfachen Verhältnissen stammt, sein Vater war Stellmacher, seine Mutter Näherin, eine lange politische Karriere durchlaufen hat: Schon 1946 tritt er der FDP bei, wird in den 50er-Jahren Bundestagsabgeordneter, in den 60er-Jahren Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter Adenauer und Erhard. 1968 steht Scheel als neuer FDP-Vorsitzender für einen Kurswechsel der Partei weg von der Union, hin zur SPD. Scheel ist 1969 einer der Architekten der sozial-liberalen Koalition. Als Außenminister und Vizekanzler unterstützt er die neue Ostpolitik Willy Brandts, verteidigt die historischen Ost-Verträge:

"Wie soll eine Entspannungspolitik aussehen, wenn sie ohne die Grundlage des Status Quo frei schwebend in der Luft hängt? Verhandeln heißt doch nicht eigene Wunschzettel auszufüllen, oder?"

Vor der Wahl zum Bundespräsidenten erklärt Scheel, er wolle ein "Präsident in Europa" sein, ein "politischer Präsident". Doch er ist nicht der erste, der weitgehend erfolglos versucht, die Kompetenzen des Bundespräsidenten auszuweiten. Nur einmal verweigert Scheel schließlich die Unterschrift, unter ein Gesetz zur Wehrdienstverweigerung. Während sein Amtsvorgänger Heinemann vom "schwierigen Vaterland" sprach, wirbt Scheel für den Staat mit der Formel der "kritischen Sympathie". Auch gegenüber der jungen Generation:

"Helfen Sie diesen Staat besser machen, Missstände, Verstaubtes, Ungerechtes zu beseitigen, Sie dürfen es, Sie sollen es und Sie können es auch."

Walter Scheel 1975, in einer Gedenkstunde zum 30. Jahrestag des Kriegsendes, bei der auch Schüler anwesend sind.

Seine Amtszeit fällt in eine Phase der Krise: Die Grenzen des Wachstums werden sichtbar, der Ölpreis steigt, die Arbeitslosigkeit auch, die Zufriedenheit der Bürger sinkt, immer mehr entfernen sich von der Politik. Der Terror der RAF erschüttert das Land.

25. Oktober 1977. Staatsakt für den von der RAF entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

"Wir neigen uns vor dem Toten, wir alle wissen uns in seiner Schuld. Im Namen aller deutschen Bürger bitte ich Sie, die Angehörigen von Hanns Martin Schleyer, um Vergebung."

Walter Scheel war in der Bevölkerung sehr beliebt. Er hätte seine Amtszeit 1979 gerne verlängert. Doch die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung haben sich geändert und die Union entscheidet sich für einen Mann aus ihren Reihen: Karl Carstens. Der singt dann nicht vom gelben Wagen, sondern durchwandert die Republik zu Fuß.

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