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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 04.02.2009

Das Ringen um Aufarbeitung

Die polnisch-jüdischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Von Martin Sander

Denkmal zum deutschen Überfall auf Polen in Gdansk (AP-Archiv)
Denkmal zum deutschen Überfall auf Polen in Gdansk (AP-Archiv)

Obwohl nur wenige Hunderttausend von über drei Millionen polnischen Juden dem nationalsozialistischen Massenmord entkamen, hieß man sie im kommunistischen Nachkriegspolen nicht unbedingt willkommen. Bürokratische Schikanen, nachbarschaftliche Anfeindungen und Pogrome lösten bereits in den ersten Nachkriegsjahren eine Fluchtwelle aus. Erst in jüngster Zeit debattiert man in Polen offen über die schwierigen polnisch-jüdischen Beziehungen.

"Die staatlichen Machthaber behandeln alle Bürger Polens gleich ohne Rücksicht auf ihre Nationalität."

Władysław Gomułka, Erster Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei am 19. Juni 1967, kurz nach dem Sieg Israels im Sechstagekrieg.

"Jeder Bürger unseres Landes verfügt über die gleichen Rechte und auf jedem lasten die gleichen staatsbürgerlichen Pflichten gegenüber Volkspolen. Aber wir wollen nicht, dass in unserem Land eine fünfte Kolonne entsteht."

"Das erste war, dass ich plötzlich ein Disziplinarverfahren hatte. Und das endete meistens mit dem Rausschmiß aus der Hochschule. Alle Leute, die diese Disziplinarverfahren hatten, waren fast ausnahmslos Juden."

Die Schriftstellerin Viktoria Korb, Tochter eines österreichisch-polnischen Juden und einer Russin, lebt heute in Berlin. Kindheit und Jugend verbrachte sie im kommunistischen Polen. Bis ins Frühjahr 1968 studierte sie Außenhandel in Warschau. Eines Tages wurde sie von einem Vertreter der Hochschule zu sich gerufen, der sie mit einem Brief des Innenministeriums konfrontierte.

"Der Brief lag vor ihm, und ich konnte ihn ein bisschen sehen. Aber der letzte Angriff im Gespräch mit ihm, da war folgender Satz. "Da steht aber auch, dass Sie sich bissig über die Partei und Regierung äußerten." So, also bissig über die Partei. Das hat mir die Sprache total verschlagen, und er wiederholte ein par mal "bissig", "bissig" und ließ sich das dann genussvoll auf der Zunge zergehen. Und dann begann er krampfhaft zu lachen und schlug sich dabei an die Waden vor Freude. Das Wort "bissig" hat ihn ganz entwaffnet. Ich war zuerst noch ganz verspannt, aber irgendwann begann ich mit ihm zu lachen, und ein paar Wochen darauf haben sie das Verfahren eingestellt."

Bereits seit Juni 1967 geißelten Führungskader der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei immer wieder den Zionismus als Feind der Werktätigen und schürten so Stimmung gegen Juden. Den willkommenen Anlass bot dabei der Israelische Sieg im Sechstagekrieg über seine arabischen Nachbarn, den man als internationale imperialistische Verschwörung deutete. Zunächst blieben die Attacken mehr oder weniger parteiintern. Doch neun Monate später entwickelte sich daraus eine Hetzkampagne, die alle Bereiche der Gesellschaft umfasste. Den Umschwung markierte der März 1968, als in Warschau und anderen Universitätsstädten Studenten für mehr Freiheit und gegen staatliche Zensur auf die Straße gingen. Mit polnisch-jüdischen Fragen hatte diese Revolte nichts zu tun. Dennoch wurde sie von national gesonnenen Kommunisten auf Anhieb und lautstark zur zionistischen Verschwörung umgedeutet. Einige Initiatoren des universitären Protestes gegen das System hatten jüdische Vorfahren, zum Beispiel der Studentenführer Adam Michnik oder der Soziologe Zygmunt Bauman. Bauman, kurz zuvor noch ein führender Theoretiker der Partei, jetzt Dissident, wurde mit Schmähungen überhäuft, weil er die Studenten unterstützte. Die Propaganda im Namen des Volkes füllte die Zeitungen; sie erschallte auf Kundgebungen, im Fernsehen und im Radio.

"Genosse Magdziarz aus der Zentralen Bekleidungsherstellung für Miliz und Armee: Es kann nicht sein, dass sich eine nationale Minderheit auf den hohen Posten breitmacht und die nationale Mehrheit für sie arbeitet. Um das Vertrauen der Arbeiterklasse nicht zu verlieren, muss man die Baumans eliminieren, die Hundesöhne, damit es sie hier nicht mehr gibt."

"Ich hatte ein Praktikum in einer Zeitungsredaktion, und da musste ich unter anderem Briefe beantworten. Und da bekam ich einmal einen Brief an die Redaktion: Schon wieder legt der Jude den Fuß auf den Hals des Polen. Und schade, dass Hitler da nicht zu Ende ausgerottet hat."

Der Vater von Viktoria Korb war vor dem Ersten Weltkrieg im damals habsburgischen Lemberg in einer jüdischen Familie zur Welt gekommen. Er wuchs in Österreich auf, floh in den dreißiger Jahren vor den Nazis nach Polen und überlebte den Holocaust. Er war bereits vor dem Krieg aktiver Sozialist gewesen, trat dann aber - enttäuscht von der Haltung der Sozialdemokratie im Faschismus - der Kommunistischen Partei bei. 1968 war er technischer Direktor eines Hüttenwerks in Warschau.

"Bei uns war es ganz eindeutig, dass mein Vater Hauptziel der Attacken war. Man hat ihn unter anderem aufgefordert, sich von den Zionisten zu distanzieren. Und er hat darauf geantwortet, seine Aufgabe ist es, das Warschauer Hüttenwerk auf die Beine zu stellen und nicht sich von jemandem zu distanzieren. Und dann hat er sein Parteibuch auch abgegeben. Zwischendurch hat man in unserem Keller nach zwei Kupferröhrchen gesucht und auch zwei Kupferröhrchen gefunden. Dabei verdiente mein Vater so gut, dass ihm wirklich Kupferröhrchen egal sein konnten. Aber das wurde ein wichtiger Anklagepunkt."

Im August 1968 beugte sich die Familie der damals 22 Jahre alten Viktoria Korb dem Druck des Staates und verließ Polen.

"Ich habe mich entschieden, irgendwann, das Thema anzusprechen, ob wir auswandern sollen. Vorher haben wir uns nicht getraut, weil keiner von uns wollte die Anderen zwingen. Aber angesichts dieser Perspektivlosigkeit haben wir uns schnell entschieden, und das war sogar eine Erleichterung für uns. Im Innenministerium mussten wir einen Antrag stellen, dass wir auf die polnische Staatsbürgerschaft verzichten. Dann bekamen wir ein Reisedokument, in dem es stand - in drei Sprachen: "Der Besitzer dieses Dokuments ist kein polnischer Staatsbürger". Aber nichts darüber, was wir sind. Dieses Dokument war gültig vier Wochen lang, und innerhalb dieser Zeit musste man den Haushalt liquidieren und das Land verlassen."

Bis zu 20.000 Menschen wurden durch die antisemitische Kampagne der polnischen Kommunisten innerhalb weniger Monate aus dem Land gedrängt, etwa die Hälfte der damals noch in Polen lebenden Juden. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Parteichef Władysław Gomułka. Doch war Gomułka, selbst mit einer jüdischen Frau verheiratet, nicht der Drahtzieher. Diese Rolle fiel seinem innerparteilichen Konkurrenten Mieczysław Moczar zu, dem damaligen Innenminister. Moczar versuchte mit allen Mitteln der Propaganda eine Massenhysterie zu erzeugen und zog damit Teile der Partei und der systemkonformen Arbeiterschaft in seinen Bann. Zudem veranlasste er Säuberungen im Sicherheitsapparat und im Militär, an denen sich auch der spätere Parteichef Wojciech Jaruzelski beteiligte. Mit Sicherheit hatten die sich national gebenden Kommunisten einige Sympathien der Bevölkerung auf ihrer Seite. Was aber die Mehrheit der Gesellschaft damals dachte, ist bis heute unklar, denn Meinungsforschung wurde im Kommunismus nicht betrieben. Viktoria Korb, die ihre Erfahrungen aus der Zeit vor vierzig Jahren in einem Buch unter dem Titel "Ni pies, ni wydra" (Nicht Fisch noch Fleisch) beschrieben hat, erinnert sich:

"Es gab eine Gruppe von Opportunisten, die sehr fleißig mitgemacht haben bei der Verfolgung, nicht zuletzt in der Hoffnung, sich die den Juden weggenommenen Jobs und Wohnungen zu ergattern. Aber die meisten Kollegen haben sich toll verhalten. Die fragten mich zuerst ganz schockiert, wieso ich zum Disziplinarsprecher gerufen werde, was sie eigentlich von mir wollen. Und die blieben im Kontakt mit mir bis heute."

Gegen die antijüdische Kampagne der Partei erhob sich auch heftiger Protest. Viele Intellektuelle, die zuvor an die Reformfähigkeit des Sozialismus unter sowjetischer Hoheit geglaubt hatten, wandten sich angewidert von dem Intrigenspiel der polnischen Parteiführung ab und bekämpften fortan das System mit allen Mitteln. Parteibücher wurden in großer Zahl zurückgegeben oder sogar öffentlich verbrannt. Der Staatsratsvorsitzende Edward Ochab zog sich empört aus seinem Amt zurück, denn er sah die Ideale des kommunistischen Internationalismus verraten.

1970 wird der glücklose Parteichef Władysław Gomułka durch Edward Gierek ersetzt, der Einfluss von Mieczysław Moczar nimmt ab. Die Hauptakteure von 1968 sind damit praktisch entmachtet. Antisemitismus spielt in der Parteipolitik von nun an keine Rolle mehr. Allerdings kann auch keine Rede von einer kritischen Aufarbeitung sein. Vielmehr werden die dramatischen Geschehnisse von 1968 mit Schweigen bedacht. Mehr noch: Die vertriebenen Juden haben viele Jahre lang de facto Einreiseverbot. Jüdische Themen kommen in der staatlich kontrollierten öffentlichen Meinung kaum noch vor. Erst in den achtziger Jahren wird dieses Tabu gebrochen. Józef Hen, ein polnisch-jüdischer Schriftsteller, der 1968 nicht emigriert war:

"Es kam eine Anweisung von oben, dass man irgendetwas tun müsste. 1983 gab es Feiern zum vierzigsten Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto. Viele Juden reisten an, und es begann sich etwas zu bewegen. Das passierte auf Beschluss Jaruzelskis, der kein reines Gewissen hatte, wenn es um den März 1968 geht, denn er hatte Säuberungen im Militär zu verantworten. 1988 konnte dann bereits eine Tagung zu polnisch-jüdischen Themen in Israel organisiert werden, und Jaruzelski schickte eine Grußbotschaft. Damals lag schon so etwas wie Tauwetter in der Luft. Man spürte, dass man sich auf den Runden Tisch zubewegte."

1990 erneuert die erste nichtkommunistische Regierung Polens unter Tadeusz Mazowiecki die diplomatischen Beziehungen zu Israel, die 1967 von den polnischen Kommunisten nach sowjetischem Vorbild abgebrochen worden waren. Die Beschäftigung mit jüdischen Themen nimmt sprunghaft zu. Geschichte und Kultur von rund drei Millionen polnischer Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen, liefern literarischen Stoff für zahlreiche, vor allem jüngere polnische Schriftsteller. Die Klassiker der jiddischen Literatur, zuvor weitgehend unbeachtet, erleben eine Renaissance, darunter der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, dessen Geschichten und Romane vorzugsweise in Warschau oder in der polnischen Provinz angesiedelt sind. Auch in Theater und Film spiegelt sich das gewachsene Interesse.

Mirosław Chojecki produziert seit den achtziger Jahren Dokumentarfilme mit jüdischen Themen. Vor einigen Jahren gründete er das Filmfestival "Jüdische Motive" - in Warschau, der Stadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit rund 300.000 Angehörigen die größte jüdische Gemeinde in Europa bildete.

"Unser Filmfestival unterscheidet sich von allen anderen jüdischen Filmfestivals auf der ganzen Welt dadurch, dass hier Besucher kommen, die wesentlich jünger sind. Sie kommen, weil die jüdische Kultur und die polnische Kultur - beides läßt sich nicht voneinander trennen - für uns ungewöhnlich wichtig sind. Unsere Besucher wollen sehen, wie sich das jüdische Leben in anderen Ländern entwickelt, in Frankreich, Belgien, Schweden, Dänemark, Italien, natürlich auch in Israel. Denn das ist etwas, was uns weggenommen wurde. Unsere Jugendlichen wollen also sehen, welcher Teil der polnischen Kultur "rausgeworfen" oder "ermordet" wurde."

"Es gibt natürlich das jüdische Vakuum. Und es gibt eine Mischung von Sehnsucht nach der jüdischen Vergangenheit hier und tiefe offene Fragen."

Der israelische Schriftsteller Yossi Avni-Levy ist im Hauptberuf Diplomat und arbeitet derzeit - nach einem längeren Aufenthalt in Berlin - an der Israelischen Botschaft in Warschau.

"Es gibt einen riesigen Einfluß der nicht - leider - existierenden jüdischen Existenz auf die polnische Kulturleben, wenn man hier in Restaurants geht sieht Fisch in die jüdische Art oder die großen Festivalen der Kultur in Krakau in Juni, in Lodz im August, das Vierkulturenfestival oder hier in Warschau. Hier sieht man Tausende, wenn nicht zigtausende von jungen Polen jüdische Klezmer-Musik hören und tanzen und singen. Die Polen akzeptieren die jüdische Kultur als ein Teil ihre eigene Folklore. Und das ist das Wichtigste."

Doch das gegenwärtige Verhältnis ist vielschichtig. Einerseits steigt das Interesse der polnischen Gesellschaft an der Kultur und Geschichte der Juden in Polen stetig an. Überdies gelten die politischen Beziehungen zwischen Polen und Israel inzwischen als nahezu vorbildlich. Der nationalkonservative Präsident Lech Kaczyński pflegt sie ebenso sorgsam wie sein Vorgänger, der liberale Ex-Kommunist Aleksander Kwaśniewski, es tat.

Auf der anderen Seite wurde die polnische Gesellschaft in den vergangenen Jahren immer wieder von heftigen Auseinandersetzungen erschüttert. Es ging und geht und die geschichtspolitische Aufarbeitung des polnisch-jüdischen Verhältnisses im 20. Jahrhundert. Den ersten großen Skandal lieferte im Jahr 2000 der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross. Unter dem Titel "Nachbarn" publizierte Gross ein Buch über ein Verbrechen, das Polen im Juli 1941 an ihren jüdischen Nachbarn begangen haben sollen. Katholische Bewohner des nordostpolnischen Städtchens Jedwabne hätten damals - so Gross - über Tausend Juden, fast die gesamte Gemeinde des Ortes, in eine Scheune getrieben, angezündet und verbrannt. Das geschah Gross' Darstellung zufolge zwar mit dem Einverständnis der deutschen Besatzer, aber auch ohne Zwang, also letztlich freiwillig von polnischer Seite. Ähnliche Verbrechen habe es laut Gross auch andernorts gegeben. Jedwabne wurde zum Testfall für das polnische Geschichtsbewusstsein.

"Das ist natürlich alles Lüge!"

...erklärte damals, im Jahr 2001, prompt der - inzwischen verstorbene - katholische Priester von Jedwabne Edward Orłowski.

"Das ist alles nur auf der Grundlage einer Zeugenaussage geschrieben, und die war einseitig. Die Deutschen waren da, sie haben die Polen dazu gezwungen. Ich bin davon überzeugt, dass die Wahrheit ans Licht kommt, und das wird nicht die Wahrheit von Gross sein, sondern eine ganz andere."

Nicht alle in Jedwabne waren gegen Gross. Der Bürgermeister etwa bekannte sich zur Verantwortung der Gemeinde für den Judenmord. Daraufhin musste er unter dem Druck seiner Mitbürger auf sein Amt verzichten und ging nach Amerika. Die Mehrheit der Menschen in Jedwabne wehrte sich mit allen Mitteln gegen die These, dass Polen unter nationalsozialistischer Besatzung eine andere Rolle hätten spielen können als die von Opfern. So wie in Jedwabne zeigte sich die Gesellschaft im ganzen Land gespalten. Der Riß ging auch durch die Historikerzunft.

"Ich bin strikt gegen Kollektivschuld. Und seine Aussage, die polnische Gesellschaft sei verantwortlich für das Massaker in Jedwabne, halte ich für unhaltbar."

Bogdan Musiał, Experte für die Geschichte Polens im Zweiten Weltkrieg, 2001 in der Debatte um das Buch von Jan Tomasz Gross. Musiał warf Gross vor, Stereotypen zu verbreiten und die historischen Umstände nicht genügend zu berücksichtigen.

"Aus einem einfachen Grund: Verfolgung der Juden war gefördert. Das war Pflicht. Man konnte das machen. Und man sollte das machen. Konnte man Geld verdienen. Helfen war verboten, unter Todesstrafe. Und ich vermute mal, dass die Menschen unter normalen Umständen das nicht gemacht hätten."

Auch Musiał hat sich mit den Archivakten zum Fall Jedwabne beschäftigt, ist aber - wie auch weitere, eher dem nationalkonservativen Lager zuzurechnende Historiker -zu einer anderen Einschätzung als Gross gelangt, was die Beteiligung der Deutschen am Massaker betrifft.

"Das Massaker in Jedwabne war, das kann man aus den Akten herauslesen, organisiert worden. Es gab eine Gruppe von Menschen, die das geleitet haben, die haben Boten geschickt an einzelne Bewohner von Jedwabne, und die wurden verpflichtet, gewissermaßen Juden zusammen zu treiben. Und dann wurden die getrieben in die Scheune - und das Wichtigste auch dabei: Allen diesen Aussagen ist die Rede von den Deutschen, da ist die Rede von Gestapo und Gendarmerie."

"Allen verfügbaren Zeugenberichten zufolge, und es gibt viele davon, gab es zu jenem Zeitpunkt keine Deutschen in Jedwabne."

So verteidigte Jan Tomasz Gross im Historikerstreit um Jedwabne seine Position - und präzisierte zugleich:

"An jenem Tag oder auch am Tag davor kommt eine Gruppe von Deutschen mit einem Auto in das Städtchen, und es finden Beratungen zwischen diesen Deutschen und der örtlichen Verwaltung statt. Außerdem gibt es einen Gendarmerieposten mit zehn oder fünfzehn Gendarmen. Es existieren keine Dokumente, die darauf hinweisen, dass irgendein Einsatzkommando oder die Einsatzgruppen, die damals im Gebiet der (nicht weit entfernten) Stadt Białystok tätig waren, auch in Jedwabne aufgetaucht sind. Mit anderen Worten: Ohne die Erlaubnis der Deutschen geschah damals nichts in Jedwabne. Ein Ansporn durch die Deutschen ist sehr wahrscheinlich. Aber die Polen haben es getan."

Monate- und jahrelang tobte in den polnischen Medien aller politischen Couleur die Debatte um den Fall von Jedwabne, sprich: um die Frage der Beteiligung von Polen am Holocaust. Parallel dazu führte das Institut für Nationales Gedenken, kurz IPN, seine Ermittlungen durch. Das IPN - in gewisser Weise das polnische Pendant zur Birthler-Behörde - untersucht Verbrechen an Polen in der kommunistischen Ära, aber auch während der nationalsozialistischen Okkupation. Auf der Grundlage seiner eigenen Untersuchungsergebnisse bestätigte das IPN in einer umfangreichen Publikation im Großen und Ganzen die vielfach in Frage gestellten Thesen von Jan Tomasz Gross. Bereits zuvor, ohne das endgültige Ergebnis der Untersuchungen abzuwarten, war der damalige Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski 2001, zum 60. Jahrestag des Judenmords, nach Jedwabne gefahren und hatte im Namen der polnischen Nation um Vergebung gebeten, eine bis heute umstrittene Geste, von Beginn an heftig attackiert von der nationalen Rechten, die Polens Ruf in der Welt beschädigt sah. Die gemäßigt Konservativen rangen währenddessen um geschichtspolitische Kompromißformeln für die polnische Gesellschaft, hier der damalige Ministerpräsident Jerzy Buzek:

"Wir sind bereit, uns auch den finstersten Tatsachen unserer Geschichte im Geist der Wahrheit und ohne vordergründige Rechtfertigungen zu stellen. Aber wir sind nicht damit einverstanden, dass der Fall Jedwabne dazu dient, falsche Thesen über eine polnische Mitverantwortung für den Holocaust und einen angeborenen polnischen Antisemitismus zu verbreiten."

"Was damals in Jedwabne geschah, ich wusste nichts davon."

... bekennt der polnisch-jüdische Schriftsteller Józef Hen, von 1944 bis 1952 politischer Offizier der polnischen Volksarmee.

"Vielleicht stand (kurz nach dem Krieg) etwas darüber in der Zeitung, über den Prozess, denn es gab ja einen Prozess. Aber ich habe von Jedwabne nichts gewusst. Hätte ich damals etwas von Jedwabne gewusst, dann würden Sie heute mit einem englischen Schriftsteller sprechen oder auch einem französischensprachigen. Ich wäre nicht in Polen geblieben."

Im Gegensatz zum Fall von Jedwabne nahm Józef Hen die Ausschreitungen der polnischen Zivilbevölkerung in der zentralpolnischen Stadt Kielce gegen Überlebende des Holocaust kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sehr bewusst wahr. Am 4. Juli 1946 hatte in Kielce eine aufgebrachte Menge 41 Juden ermordet. Den Auslöser für die Gewalttaten, in die auch Angehörige der Milz verwickelt waren, bildeten Gerüchte über einen angeblichen Ritualmord von Juden an einem christlichen Kind. Nach dem Pogrom flohen mehrere zehntausende Juden, die fast immer gerade erst in ihre Heimatorte zurückgekehrt waren, aus Polen gen Westen. Józef Hen blieb.

"Nach dem Pogrom von Kielce wollte ich auch emigrieren. Meine Frau und ich schwankten, und meine Frau, obwohl sehr links, nahezu eine Stalinistin, erklärte sich mit einer Emigration einverstanden. Doch dann erhoben sich Proteste gegen das Pogrom von Kielce, keine inszenierten, sondern authentische, aufrichtige Proteste unter unseren Bekannten. Deshalb bin ich damals in Polen geblieben."

Im Gegensatz zu Jedwabne und ähnlichen Vorfällen während der nationalsozialistischen Besatzung gilt das, was 1946 in Kielce geschah, eigentlich als gründlich erforscht. Gleichwohl sorgt das inzwischen 62 Jahre zurück liegende Verbrechen von Kielce seit einigen Monaten für heftigen Streit in der polnischen Öffentlichkeit. Den Anlass dafür lieferte erneut der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross. Fast acht Jahre nach seinen lange umstrittenen und schließlich - vielfach zähneknirschend - zur Kenntnis genommenen Thesen zu Jedwabne legte er ein neues 350 Seiten starkes Buch vor - unter dem Titel "Angst". Darin befasst sich Gross mit Antisemitismus in Polen nach Ende des Zweiten Weltkriegs und formuliert die These, das Pogrom von Kielce sei alles andere als eine Ausnahme gewesen. Schon bevor die Studie 2008 in polnischer Sprache erschien, empörten sich nationalkonservative Kritiker - und die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen "Verleumdung der polnischen Nation."

"Der Entschluss der Staatsanwaltschaft kommt für mich überraschend, hier ist ein schlechtes Gesetz eingeführt worden, geradezu um mich mit meinem Buch in die Enge zu treiben, aber das führt alles zu nichts, denn das Gesetz ist idiotisch."

... erklärte Jan Tomasz Gross im Januar 2008. Tatsächlich blieben die staatsanwaltlichen Ermittlungen ohne Ergebnis und wurden eingestellt. Doch der öffentliche Protest gegen Gross ging weiter. Denn Gross führt in seinem Buch - über Kielce hinaus - 1000 jüdische Opfer an, die 1945 und 1946 auf offener Straße, in Eisenbahnzügen oder in ihren Häusern ermordet wurden. Und er spricht anknüpfend an seine Jedwabne-Studie auch in "Angst" von einem stillschweigenden Einverständnis zwischen Teilen der polnischen Bevölkerung und den deutschen Besatzern in Bezug auf den Holocaust. Dagegen kontern nationalpolnisch eingestellte Kontrahenten in der Debatte mit dem kaum zu widerlegenden Argument, hätten im Zweiten Weltkrieg weit mehr Juden vor den Deutschen gerettet als andernorts im besetzten Europa, und das unter den im Vergleich schwierigsten Bedingungen, da in Polen auf jede Form der Hilfeleistung für Juden die Todesstrafe stand. Dem Vorwurf, er würde in "Angst" ein zumindest schiefes Bild zeichnen, entgegnete Gross:

"Es geht darum, über Dinge zu schreiben, die nicht bekannt sind. Bücher darüber, wie man Juden geholfen hat, gibt es sehr viele. Mein Buch beginnt übrigens damit, dass Menschen, die Juden geholfen haben, ein schreckliches Leben in Polen hatten, dass diejenigen, die Juden im Krieg geholfen hatten, dies nach dem Krieg vor ihren Mitbürgern geheim halten mussten. In diesem Sinne handelt mein Buch auch davon, wie Polen Juden geholfen haben."

In "Angst" kritisiert Gross das Verhalten der katholischen Bischöfe, welche die Gewaltausbrüche der Bevölkerung in den ersten Nachkriegsjahren nur widerwillig gezügelt hätten. Ins Zwielicht gerät ebenso die damals hastig rekrutierte Schicht von kommunistischen Funktionären. Deren Vertreter wären aus Mangel an kommunistischer Tradition in Polen - zumal in der Provinz - oft keine Menschen mit einer auch nur irgendwie gearteten politischen Ethik gewesen, sondern Opportunisten, nicht selten ehemalige Nazi-Kollaborateure oder gewöhnliche Verbrecher. Unter diesen Umständen hätten die wenigen Holocaust-Überlebenden auch deshalb gestört, weil sich ihr vormaliges Eigentum, sofern nicht von den Deutschen geraubt oder vernichtet, inzwischen in polnischen Händen befand. Hier läge die Ursache vieler Morde und Überfälle, abgesehen von zahllosen Schikanen im Alltag. Gross' Betrachtungen werden durch Erinnerungen jüdischer Flüchtlinge der Nachkriegszeit bestätigt.

"Wir reisten 1949 aus und gingen nach Israel."

Alona Frankel, die Polen im Alter von zwölf Jahren verließ, ist heute eine bekannte Autorin hebräischer Sprache. Vor kurzem erschien ihre Lebensgeschichte unter dem Titel "Dziewczynka" (Das kleine Mädchen) in polnischer Übersetzung.

"Unter deutscher Besatzung waren wir im Ghetto in Lemberg. Später versteckte ich mich mit meinen Eltern in einem Bunker. Dort wurden wir befreit. Wir kehrten nach Krakau zurück, aber 1949, verursacht durch verschiedene antisemitische Bedrohungen, mussten wir leider emigrieren. Das war für mich persönlich ein großer Schock, denn ich war ganz von der Schönheit der polnischen Sprache und Kultur durchdrungen, und meine Eltern ebenfalls."

Salomon Goldman, der Vater von Alona Frankel, war seit Vorkriegszeiten überzeugter Kommunist:

"Wie Hunderttausende von Menschen glaubte er, das sei eine Idee, die die Menschheit befreit und somit auch die Juden und alles würde so sein, wie es eigentlich sein sollte, es würde so sein, wie es dann genau nicht war und auch nie wurde. Er war Hauptbuchhalter in einer Firma in Polen, direkt nach dem Krieg, und es gab dort enorme Betrügereien. Sie wollten ihn loswerden, so oder so. Wir sind also absolut nicht aus zionistischen Motiven emigriert. Diese Emigration war sehr schwer für uns. Sie war erzwungen, denn niemand ging aus freien Stücken."

Seit etlichen Jahren werden in Polen nahezu sämtliche Aspekte der polnisch-jüdischen Beziehungen offen diskutiert - in den Medien, in der Forschung, in den Schulen. Zugleich macht sich auch unter den Befürwortern dieser Debatte immer wieder die Sorge bemerkbar, Polen könne dadurch im Ausland in einem schlechten Licht erscheinen, nicht zuletzt in Israel. Yossi Avni-Levy, israelischer Schriftsteller mit diplomatischer Praxis in Deutschland und Polen, zeigt dafür ein gewisses Verständnis.

"Sehr viele Polen sind sehr sehr böse und sehr empört, wenn Israelis und Juden irgendwie Deutsche und Polen vergleichen. Es gibt auch so eine Tendenz in der jüdischen Bevölkerung, zu behaupten, dass ohne die so genannte polnische Hilfe oder Mitarbeit die deutschen Nazis könnten Holocaust nicht verwirklichen. Und ich glaube, die Polen haben Recht, wenn sie sagen, ja, es gibt individuelle Polen, die mitgemacht haben, aber als Kollektiv Polen ist nichtschuldig, völlig nichtschuldig für den Holocaust. Die Verantwortung dafür lastet nicht auf Polen, sondern auf den Schultern der deutschen Geschichte."

Insgesamt erscheint dem Israeli Yossi Avni-Levy das polnisch-jüdische Verhältnis beinahe sieben Jahrzehnte nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieg und zwei Jahrzehnte nach der Wende viel besser zu sein als sein Ruf.

"Ich muss sagen, dass meine Begegnung mit Polen mich sehr überrascht hat. Bevor ich hierher kam, ich dachte polnische Gesellschaft ganz unfreundlich wäre bezüglich Israel, Juden usw. Das ist ein großer Irrtum. Ich bin sehr, sehr positiv überrascht von meiner Begegnung mit Polen. Die Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe, hat mich wirklich sehr erfreut. Ich glaube, im Vergleich mit Deutschland es ist ganz eher angenehmer hier zu sein als Israeli, vielleicht werden Sie überrascht oder die Zuhörer zuhause werden überrascht werden. Aber es ist garantiert. Als Israeli ist es viel freundlicher und angenehmer in Polen zu sein als in Deutschland."

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