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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2005

Das Opfer und sein Peiniger

Zülfü Livaneli: "Katze, Mann und Tod"

Von Birgit Koß

Gefängnisinsasse (AP)
Gefängnisinsasse (AP)

Der türkische Schriftsteller Zülfü Livaneli erzählt in seinem Roman von einem Landsmann, der als politischer Flüchtling in Stockholm lebt. In einer psychiatrischen Klinik begegnet er einem alten Mann wieder, der als Beamter für seine Folterungen zuständig war und für die Erschießung seiner Verlobten.

Der Türke Sami Baran lebt als politischer Flüchtling in Stockholm. Er fühlt sich einsam, fremd und ist häufig krank. Zwangshandlungen bestimmen seinen Alltag. Auf einsamen Autofahrten gerät er in Phantasiewelten, die ihm selber Angst machen. Nach einem vermeintlichen Unfall mit einer Hirschkuh findet er sich in einem psychiatrischen Krankenhaus wieder. Dort erzählt ihm eine Krankenschwester, dass es noch einen weiteren türkischen Patienten gibt. Sami trifft den älteren Mann und weiß, dass er ihn von irgendwoher kennt. Schließlich erinnert er sich. Der alte Mann war als hoch stehender Beamter zuständig für Samis Folterungen im Gefängnis und – endlich fällt es ihm ein – für die Erschießung seiner Verlobten Filiz.

Zülfü Livaneli verschränkt in "Katze, Mann und Tod" zwei Erzählebenen. "Handschriftliche Notizen" von Sami Baran unterbrechen die Schilderungen seines Lebens und seines Krankenhausaufenthalts durch einen Erzähler. Livaneli entwirft ein Bild der politischen Situation in der Türkei der 70er Jahre, die das Leben des unpolitischen Sami aus der Bahn wirft.

Sami wird nach der Erschießung seiner Verlobten des Terrorismus beschuldigt, ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Erst als die ausländische Presse protestiert, geben die offiziellen Stellen ihre Fehler zu. Sami verlässt das Gefängnis als gebrochener Mann und geht ins Exil nach Schweden. Durch die Begegnungen mit seinem Folterer, der sterbenskrank in der Klinik ist, setzt er sich noch einmal mit der Vergangenheit auseinander und stellt sich die Frage, wie das Opfer mit seinem ehemaligen Peiniger verfahren soll.

Mit Macht und Gewalt hat sich Zülfü Livaneli auch schon in seinem ersten Roman "Der Eunuch von Konstantinopel" beschäftigt. Der Schriftsteller, Sänger und Komponist, der selbst im schwedischen Exil war und nun wieder in Ankara lebt, sagt, dass die Identitätskrise für ihn im Vordergrund stehe. Sie sei zentral für die Türkei. Dass er für ihre Lösung auch unübliche Wege sucht, zeigt das Komitee für die türkisch-griechische Freundschaft, das er zusammen mit Mikis Theodorakis gegründet hat. Auch als Komponist von über 300 Liedern und international bekannter Sänger hat Zülfü Livaneli für Versöhnung geworben. Seit 1995 ist er UNESCO-Botschafter, seit 2002 Mitglied des türkischen Parlaments.

Sami Barans moralisches Problem, die Beziehung zwischen Täter und Opfer, ist nicht einfach zu lösen. Anfangs neigt er zur Rache und wird darin von anderen Exilanten unterstützt. Dann kommen ihm Bedenken. Lohnt es sich, einen im Sterben Liegenden umzubringen? Zülfü Livaneli lässt dem Leser viel Raum für eigene Gedanken, nicht zuletzt, weil offen bleibt, was Baran erlebt und was er nur phantasiert. Hat er einen Unfall gehabt? Gibt es die sogar im Titel erwähnte Katze? Eine einfache Antwort enthält uns Zülfü Livaneli glücklicherweise vor.

Zülfü Livaneli: "Katze, Mann und Tod". Roman. Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann. Unionsverlag 2005. € 19,90

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