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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.11.2006

Das moderne Jesus-Bild und das Sacrificium Intellectus

Von Sibylle Tönnies

Die Christus-Statue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro (AP Archiv)
Die Christus-Statue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro (AP Archiv)

Jesus Christus hat sich wieder einen Platz im Bewusstsein der Massen erobert. Seit einigen Jahren verkaufen Bestseller (vom Medicus bis zum Da-Vinci-Code) Versionen des Lebens Jesu, die von der biblischen Fassung abweichen. Jesus, so erzählt man sich da, hat zwar gelitten unter Pontius Pilatus und wurde auch gekreuzigt, ist aber nicht gestorben, begraben und auferstanden von den Toten, sondern hat ganz munter weiter gelebt.

Man konnte ihn lebend vom Kreuz abnehmen und heimlich gesund pflegen. Er soll dann nach Indien gegangen sein und die buddhistische Liebeslehre in den Westen getragen haben – so jedenfalls heißt es in einer dieser Versionen. Die Abweichung von dem, was seit fast zweitausend Jahren in der Kirche gelehrt wird, ist erheblich und wird von ihr denn auch entsprechend übel genommen. Für die christliche Lehre steht die Tatsache, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, im Mittelpunkt. Denn dadurch hat er die Welt erlöst.

Ein Jesus, der nicht am Kreuz gestorben ist – das ist die eine Abweichung von der christlichen Dogmatik, die sich die Bestseller erlauben. Im Übrigen aber – und das ist dem Zeitgeist vielleicht noch wichtiger! - tritt in diesen Werken ein Jesus in Erscheinung, der nicht keusch war. Zumindest mit Maria Magdalena soll er was gehabt (und in Zuge dessen Nachkommen in die Welt gesetzt) haben. Das ist die andere Abweichung, über die sich die Kirche ärgern muss. Ein Jesus, der nicht keusch war – damit wird auch die Jungfrauengeburt wertlos. Und aufgefahren in den Himmel ist er in diesen Phantasien auch nicht.

Die modernen Bestseller zeigen Jesus so, wie ihn der heutige Mensch lieber sieht: als biologisch normal ausgestatteten, nicht von einer Jungfrau, sondern infolge eines sexuellen Aktes geborenen Mann, dessen Wirken nicht auf einem himmlisch-metaphysischen Erlösungsakt beruht, sondern innerhalb des Rahmens der Naturgesetze steht. Jesus wird hier wegen seines vorbildlichen Lebens geliebt und seiner Lehre vom Vorrang der Liebe.

Es ist plausibel, dass sich die Kirche über dieses neue Jesus-Bild ärgert. Ist es aber richtig? Hat es nicht immerhin einen Wert, wenn Jesus wieder im Mittelpunkt des Interesses von Millionen steht? Darf seine Ausstrahlung nicht größer sein als die kirchliche Dogmatik? Ihm würde doch eine große Anhängerschaft erschlossen, wenn sich auch diejenigen als Christen betrachten dürften, die nicht bereit sind, an die Durchbrechung der Naturgesetze – Jungfrauengeburt und Himmelfahrt – zu glauben, diejenigen, die das von den Kirchen verlangte Opfer ihres Intellekts nicht erbringen wollen oder können. Dieses Opfer - das sacrificium intellectus - ist doch nicht der Kernbestand des Christlichen.

Im Stillen gibt es auch innerhalb der Kirche davon eine Abkehr. Oft hört man heute im Gottesdienst, dass sich der Pastor für das alte Glaubensbekenntnis gerade zu entschuldigt – es sei nun einmal der Traditionsbestand. Ich habe Sinn für die alte Form und kann sie ehren; ich kann aber auch verstehen, dass sich andere, ehrlich Denkende davon abgestoßen fühlen. Dadurch, dass die Kirche scheinbar immer noch das sacrificium intellectus verlangt, schließt sie viele rechtschaffene Menschen aus und lädt viele Heuchler ein.

Das ist die eine Seite. Es gibt aber auch noch eine andere, dieser Betrachtung widersprechende Wahrheit. Wenn ich mir vor Augen führe, welche Menschen in meiner Bekanntschaft auf die neuen Bestseller abfahren und Jesus nach Indien transponieren, so sind es dieselben, die an Horoskope glauben, auf Tarot-Karten schwören und sich auf die Kraft von Halbedelsteinen verlassen. Es sind ausgerechnet diejenigen, denen das sacrificium intellectus nicht nur möglich, sondern geradezu ein Bedürfnis ist. Sie mögen das neue Jesus-Bild nicht deshalb, weil es mit dem bruchlosen Wirken der Naturgesetze vereinbar ist, sondern deshalb, weil es einer wuchernden Phantasie Raum gibt. Nicht rationale Kühle wird hier gesucht, sondern im Gegenteil eine orientalisch parfümierte Atmosphäre.

Im Vergleich dazu steht die Kirche, zumal die katholische unter dem gegenwärtigen Papst, ironischerweise auf der Seite einer geordneten Rationalität. In Ratzingers Botschaft steht das christliche Heilsgeschehen im Einklang mit der Vernunft. Hier kommt eine humanistische Grundhaltung zum Tragen, in der das Wort "humanistisch" wieder die Beziehung zur Rationalität des klassischen Altertums ausdrückt. Die Atmosphäre ist intellektuell; da fehlt alle Schwüle. Wenn man den gegenwärtigen Papst anhört, braucht man seinen Verstand nicht auszuschalten. Im Gegenteil: man bereitet ihm ein Vergnügen.

So gehen die Dinge manchmal überkreuz ...

Sibylle Tönnies: Juristin, Soziologin, Publizistin, 1944 in Potsdam geboren, studierte Jura und Soziologie. Sie arbeitete zunächst als Rechtsanwältin und war Professorin im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Bremen. Zu Ihren zahlreichen Veröffentlichungen zählen die Bücher "Der westliche Universalismus", "Linker Salon-Atavismus" und "Pazifismus passé?"

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