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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.06.2013

Das Meer als Kraftwerk

Vor der deutschen Küste entstehen Offshore-Windparks

Von Axel Schröder und Dietrich Mohaupt

Energieproduktion auf dem Wasser: Ein Offshore-Windpark. (Benoit Surin)
Energieproduktion auf dem Wasser: Ein Offshore-Windpark. (Benoit Surin)

Die Windräder weit draußen auf dem Meer sind Teil der deutschen Energiewende - sie sollen helfen, Atomenergie durch Erneuerbare Energien zu ersetzen. Doch sie so weit draußen auf dem Wasser zu bauen, ist eine Ingenieursmeisterleistung. Und mit dem Bau ist es nicht getan: Danach müssen sie gewartet werden.

Die Männer an Deck sind Briten. Ölverschmierte Overalls, Bauhelme, coole Schutzbrillen. Profis aus Schottland, Wales oder Irland. Ihr Schiff, die "Seajacks Leviathan" ist ein Errichterschiff. Überall, wo Windparks im Meer aufgestellt werden, sind diese Schiffe im Einsatz. Auf vier mächtigen Stahlbeinen steht die "Leviathan" im Schlick, an einer Kaikante in Cuxhaven. Die Männer arbeiten konzentriert, strahlen Ruhe aus. Geübte, routinierte Handgriffe. Jeder hat seinen Platz, seine Aufgabe, während das signalgelbe, 300 Tonnen schwere und 30 Meter lange Stahlrohr an Bord gehievt wird.

In der deutschen Ostsee gibt es erst einen einzigen Windpark

Jens Assheuer steht oben auf der Brücke, den schwebenden Metallkoloss immer im Blick. Der Zwei-Meter-Mann ist Geschäftsführer von "Wind MW", 39 Jahre alt, Bauhelm, Warnweste. Assheuers Firma hat die "Leviathan" für die nächsten 14 Monate gechartert. Und die Crew gleich mit: 50 Männer und eine Frau arbeiten auf dem Schiff, die meisten von ihnen bringen jahrzehntelange Erfahrung aus der britischen Öl- und Gasindustrie mit. Die Deutschen müssen auf diesem Gebiet erst Erfahrung sammeln.

Jens Assheuer: "Die Herausforderung, die wir in Deutschland haben: Wir haben einfach eine deutliche größere Entfernung zur Küstenlinie! In den anderen Ländern, in Dänemark und England, bauen die sehr küstennah, in Wassertiefen zwischen sechs und dreißig Metern. Und wir haben die Herausforderung, dass wir hundert Kilometer weit rausfahren müssen und Wassertiefen in der Offshore-Industrie in Deutschland haben zwischen 20 und ungefähr 45 Meter."

Vor der britischen Küste stehen schon über 700 Windkraftwerke. In beiden Ländern gibt es jahrzehntelange Erfahrungen mit der Öl- und Gasförderung auf hoher See. In der deutschen Ostsee steht dagegen mit "Baltic 1" erst ein einziger Windpark. Und im deutschen Teil der Nordsee drehen sich gerade mal zwölf Rotoren im Test- und Forschungsfeld "Alpha Ventus". Weit draußen, 60 Kilometer vor der Küste, hängt die Emdener Firma Bard dem Zeitplan für ihr Projekt "Bard Offshore 1" hoffnungslos hinterher: Von 80 geplanten Anlagen liefern erst drei Dutzend Strom an Land.

Helgoland will Offshore-Serviceinsel werden

Mit dem Bau der Windkraftanlagen auf hoher See allein ist es nicht getan – die Technik muss auch gewartet und im Notfall repariert werden. Für die drei Windparks "Nordsee Ost", "Amrumbank West" und "Meerwind" soll das von Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland aus geschehen.

Mittags gegen 12 Uhr gehen vor der Insel die Seebäderschiffe vor Anker. Mit ihnen sind die Tagesgäste aus Büsum, Hamburg und Cuxhaven gekommen – sie werden jetzt in kleinen offenen Booten auf die Insel gebracht. Den Weg zur Südspitze der Insel findet kaum einer der Tagesgäste – viel gibt es hier auch nicht zu sehen, aber: Hier soll Helgolands Zukunft als Service- und Betriebsstation für Offshore-Windparks entstehen. Ein paar Baubuden und Fundamente für große Hallen – mehr ist noch nicht zu sehen. Geplant sind insgesamt drei Servicegebäude mit Werk- und Lagerhallen, Bürogebäude, neue Bootsanlegeplätze und ein neuer Landungssteg. Es wird kräftig investiert erklärt Inselbürgermeister Jörg Singer, bei einem Rundgang über den Bauplatz.

Jörg Singer: "Das Investitionspaket, wo Land, Bund, EU, Gemeinde auch mit beteiligt sind – das sind 30 Millionen Euro. Diese fließen in die Ertüchtigung von zwei Häfen – einer wird natürlich für den Offshore-Bereich genutzt, der andere soll auch sehr stark touristisch genutzt werden. Die Insel Helgoland ist mit einem Kommunalkredit in Höhe von etwa 8 Millionen Euro mit dabei."

… und wenn alles nach Plan läuft, wird Helgoland zur ersten Offshore-Serviceinsel Europas. Spätestens Ende 2014 sollen Schiffe mit Service-Personal zu den 25 bis 40 Kilometer entfernten Windparks "Nordsee Ost", "Amrumbank West" und "Meerwind" aufbrechen – am Abend kehren die Techniker dann wieder zurück, die Schiffe können an den neuen Kaianlagen wieder mit Werkzeugen und Ersatzteilen beladen und betankt werden. Als Servicestützpunkt kann Helgoland von unschätzbarem Wert für die Betreiber der Windparks sein. Bürgermeister Singer rechnet mit 150 neuen Arbeitsplätzen auf Helgoland. Die ganze Insel wird profitieren.

Singer: "Wir haben Pachteinnahmen, wir haben Kai- und Liegegelder, wir haben Kaufkraftgewinne durch die Ansiedlung der Offshore-Firmen – und wir gehen schon davon aus, dass große Teile dieser Investitionen über 25 Jahre dann auch wieder reinspülen."

Helgolands Bürgermeister will eine "sanfte Industrialisierung" der Insel

Es tut sich also etwas auf Helgoland – obwohl die großen Offshore-Windkraftanlagen von der Nordwestspitze der Insel aus gar nicht, oder bei besten Sichtverhältnissen nur schemenhaft zu sehen sind. Und doch verändern die Parks das Leben auf dem roten Felsen schon heute. Manch einem Insulaner gibt das zu denken. Helgoland als Service- und Betriebsstation für die großen Windparks in der Nordsee? Das könnte dem Image der Insel als Urlaubs- und vor allem Naturparadies schwer schaden, befürchtet Hotelier Detlev Rickmers.

"Das ist allerdings meine Sorge, dass auf dem Festland Helgoland mehr und mehr tatsächlich mit Industrie in Verbindung gebracht wird. Aus meiner Sicht hätte man von vornherein anders kommunizieren müssen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, es ist höchste Zeit für Notfallpläne einfach was die öffentliche Wahrnehmung dessen angeht. Das ist wirklich eine Aufgabe der Kurverwaltung und der Gemeinde."

Alles im grünen Bereich, meint dagegen der Bürgermeister – und verspricht eine "sanfte Industrialisierung" der Insel. Gebaut werde schließlich auf nur fünf Prozent der Gesamtfläche Helgolands – und das immer mit Blick auf die einmaligen Naturschätze der Insel, betont er.

Singer: "Wir sind letztes Jahr zum deutschen Naturwunder gekürt worden, wir haben die Forschung hier, wir haben die Vogelkunde, die Meeresbiologie hier, wir haben eine Fauna, die es nur auf Helgoland gibt – das wollen wir nicht zerstören! Wir haben lange diskutiert, wie viele Hubschrauberflüge wir zulassen, Sie werden hier keine Gondeln sehen, keine Rotorblätter, die über die Autobahnen fahren, sie sehen Menschen mit Ersatzteilkoffern, die auf ihre Schiffe springen und dann in die Windparks gehen."

Drei Offshore-Windparks sollen in der Ostsee entstehen

Der Plan, einen großen Teil unserer Energie auf dem Meer zu erzeugen, entstand Ende der 90er-Jahre. Seitdem mussten die Pioniere dieses Abenteuers in allen erdenklichen Gebieten Neuland betreten: Die deutsche Verwaltung entwickelte Rahmenbedingungen und Umweltschutzauflagen, zum Beispiel, damit die Schweinswale in der Nordsee nicht zu Schaden kommen, geschützt werden vor dem Höllenlärm der Bauarbeiten auf hoher See. Die Windparkbauer, die Ingenieure errechneten, wie viel Stahl verbaut werden muss, um den Urgewalten auf See zu trotzen. Und deutsche Bankhäuser haben sich mit Risikoinvestitionen auseinandergesetzt, bei denen es auf so unwägbare Faktoren ankommt wie das Wetter. Die Politik schaffte Haftungsregeln, die die größten Risiken für die Unternehmen abpuffern können. Arbeitsmarktforscher gehen schon heute von knapp 4.000 Arbeitsplätzen im deutschen Offshore-Geschäft aus. In zehn Jahren könnten – bei Zulieferfirmen, Wartungs- und Reparaturbetrieben - bis zu 20.000 neue Jobs entstehen.

Es liegt Spannung in der Luft direkt an der Bundesstraße 5 zwischen Itzehoe und Brunsbüttel. Am Rand der kleinen Gemeinde Büttel an der Unterelbe entsteht eine große Konverterstation samt Umspannwerk. Der Netzbetreiber Tennet installiert hier die Infrastruktur, ohne die der Bau von Offshore-Windparks sinnlos wäre, erläutert Unternehmenssprecher Alexander Gress.

"Also – hier kommt der Strom von Offshore an, in der sogenannten Gleichstromtechnik. Die Konverterhalle Offshore – quasi am anderen Ende der Leitung – konvertiert den in Drehstrom produzierten Windstrom in Gleichstrom, und die Konverterhalle hier an Land konvertiert den Gleichstrom wieder in Drehstrom zurück, damit man ihn in das normale Netz einspeisen kann."

Die Nordseeinsel Helgoland, aufgenommen in einer Szene des Films "Die Nordsee von oben" (picture alliance / dpa /Vidicom)Die Nordseeinsel Helgoland aus der Luft. (picture alliance / dpa /Vidicom)Insgesamt drei Offshore-Windparks in der Nordsee bei Helgoland und Sylt sollen in Büttel an das überregionale Netz angeschlossen werden. Gut 700 Millionen Euro investiert das Unternehmen auf dieser Baustelle – zwei große Hallen sind bereits errichtet, die entsprechende Technik wird gerade eingebaut. Eine dritte Halle ist im Bau, und Platz für eine vierte vorhanden. Einfach war der Bau der Anlagen auf dem weichen Boden in den Elbmarschen nicht.

"Das ist wirklich wie so ein Pudding – das heißt es muss extrem gut gegründet werden. Wir haben allein für die Flächen hier mit den Konverterhallen und dem Umspannwerk über 3000 Betonpfähle gesetzt, um den Untergrund zu stabilisieren, wir haben für die Masten, die hier den Strom abführen, für die vier Mastfüße, jeweils um die 23 bis 24 Meter Gründung – aber das ist im Vergleich zu Offshore alles kontrollierbar und im Rahmen umsetzbar. Also – Offshore ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung."

Und das bekommen alle Beteiligten am Bau der Windparks in der Nordsee derzeit zu spüren. Die großen Projekte sind alle in Verzug – mal wegen technischer Probleme beim Bau der Offshore-Konverterplattformen, mal, weil die Errichtung der Windkraftanlagen wesentlich komplizierter ist, als zunächst angenommen. Immerhin: Mit den Arbeiten für die Netzanbindung an Land ist Tennet dem Ausbau der Windparks auf hoher See weit voraus, betont Alexander Gress.

"Wir als Tennet sind natürlich gesetzlich verpflichtet, Projekte anzuschließen, wir dürfen auch nur bedarfsgerecht anschließen – das heißt, wir dürfen nicht auf Vorrat bauen – aber das, was wir bis jetzt anschließen müssen und was wir bisher auch wirklich in die Wege geleitet haben mit rund 7 Milliarden Euro Investitionssummen, das bedeutet, dass wir über 6.000 Megawatt in den nächsten Jahren bereit haben für Anschlüsse. Aber im Moment sind nur 2.700 Megawatt genehmigt und werden umgesetzt an Offshore-Leistungen."

Im Klartext: Es drohen massive Überkapazitäten, die Kosten dafür könnten bei rund einer Milliarde Euro liegen. Tennet-Vorstandsmitglied Lex Hartmann fordert deshalb eine bessere Koordinierung von Windpark- und Netzausbau.

"Es ist so in der Energiewende, dass noch nicht alles gut aufeinander abgestimmt ist. Also, wir müssen in Deutschland das parallel entwickeln und Maßnahmen ergreifen, damit diese parallele Entwicklung auch tatsächlich geschieht. Sonst haben wir am Ende tatsächlich die Situation, dass es mehr Anschlusskapazität gibt als Windturbinen – und das droht in diesem Moment."

Unabhängig von diesen grundsätzlichen Überlegungen gehen die Arbeiten an der Schalt- und Konverterstation in Büttel zügig voran. Der erste Bauabschnitt für das Projekt "HelWin1", das ist der Anschluss für die Windparks "Nordsee Ost" und "Meerwind" nordwestlich von Helgoland, soll im Frühjahr 2014, die beiden anderen Projekte bis 2015 betriebsbereit sein, berichtet Tennet-Sprecher Alexander Gress.

"Dahinter ist aber auch schon Arbeit geleistet worden, das heißt die Leitung, die ja an den Strom von den Konverterhallen weg ins Netz transportiert, ist fertig, da ist das Umspannwerk letztes Jahr eingeweiht worden, das Umspannwerk funktioniert schon, die Leitung steht quasi schon bereit und sobald 'HelWin1' dann startet, wird auch der erste Offshore-Windstrom darüber abtransportiert."

Auch Ronny Meyer kennt die Probleme des Offshore-Geschäfts aus nächster Nähe. Meyer leitet die "wab", die Windenergieagentur Bremerhaven, ein Lobbyverband der Offshore-Branche. Die Startschwierigkeiten, die Probleme beim Aufbau der Parks in der lebensfeindlichen Nordsee, haben alle unterschätzt, sagt Meyer. Und ist vorsichtig optimistisch:

"Wir bauen aber derzeit gerade sieben Windparks. So dass wir dann in naher Zukunft bis zu drei Gigawatt Kapazität bekommen werden. Und das ist dann schon der große Schritt. Da sind wir auch wirklich sehr stolz, dass wir gerade bauen! Weil wir uns ja zehn Jahre darauf vorbereitet haben."

Unberechenbar wie das Wetter: Der Bundesumweltminister

Auf diesen sieben Windpark-Baustellen ruhen die Hoffnungen der Offshore-Branche: geht der Aufbau zügig vonstatten – so wie der von "Baltic 1" in der Ostsee – dann traut man sich auch mehr zu. Dann wären die Techniken erprobt und so weit perfektioniert, dass das Risiko der Milliardeninvestitionen überschaubar, berechenbar bleibt.

Umweltminister Peter Altmaier, CDU (picture alliance / dpa / Martin Schutt)Umweltminister Peter Altmaier, CDU (picture alliance / dpa / Martin Schutt)Ganz unberechenbar zeigte sich Anfang des Jahres der Bundesumweltminister. Peter Altmaier erfand die Strompreisbremse: Das Instrument sollte die Verbraucher und Wähler beruhigen. Altmaier schlug vor, die Einspeisevergütungen für alternative Energien einzufrieren. Also genau die Beträge, auf denen sämtliche Kalkulationen der Investoren fußten. Die Reaktion auf Altmaiers Vorpreschen kam prompt.

Ronny Meyer: "RWE, EnBW und Dong haben Projekte auf Eis gelegt, weil der politische Rahmen nicht stimmt. Wenn man heute investiert – 1,5 Milliarden Euro pro Windpark – dann muss man ja wissen: Was bekomme ich denn in den nächsten 20 Jahren an Einnahmen, an EEG-Vergütung. Und das ist seit der Diskussion um die 'Strompreisbremse' von Peter Altmaier drastisch in Frage gestellt worden. Und die Investoren sind da auch sehr verunsichert. Und verunsicherte Investoren investieren nicht."

Wie sehr die – dann doch nicht verfolgte – Idee der Strompreisbremse Banken und Industrien verunsichert hat, beschreibt Annette Schmitt, Analystin bei der Unternehmensberatung KPMG in Frankfurt:

"Uns haben am Tag nach der Veröffentlichung Anfragen aus Japan, aus Korea, aus Kanada, aus Australien erreicht: Ob denn die deutsche Politik das dringend benötigte Kapital für die Umsetzung der Energiewende nun nicht mehr will? Und wo es dann herkommen soll? Das hat verheerende Wirkungen. Kapital ist ein scheues Reh und man verscheucht es eben ganz leicht. Aber das Vertrauen zurückzugewinnen, das ist eben sehr viel mühsamer."

Über "die da oben, die in Berlin" wundert sich auch Stefan Mohrdiek, der Bürgermeister von Brunsbüttel an der Unterelbe. Die Gemeinde investiert gerade in ein risikoreiches Projekt: An der Elbe soll eine neue Schwerlastpier entstehen, von der aus auch Anlagen für die Offshore-Windenergie verschifft werden sollen. Die Pier kostet 30 Millionen Euro, 90 Prozent kommen vom Land, den Rest tragen die Gemeinde Brunsbüttel und die anliegenden Kreise zu je einem Drittel. Klare Signale aus Berlin zur Zukunft der Offshore-Windenergie wären angesichts solcher Anstrengungen sehr hilfreich, meint Bürgermeister Mohrdiek.

"Also wir beobachten das schon sehr kritisch, weil in der Tat die Rahmenbedingungen manchmal eine sehr kurze Halbwertszeit haben – und da muss man schon schauen, ob das Projekt noch im Markt positioniert werden kann, wenn jetzt die politische Landschaft in Berlin immer die Fahne so ein bisschen zum Wind hin hängt. Das trägt sicherlich dazu bei, dass sehr viel Unruhe entsteht."

500 neue Jobs für Brunsbüttel

Trotzdem sind in Brunsbüttel jetzt erst einmal die Würfel gefallen – die Ausschreibung für das Projekt wird gerade vorbereitet, schon 2016 könnten die Arbeiten beginnen, zwei Jahre später soll alles fertig sein. Die neue Schwerlastpier wäre eine sinnvolle Ergänzung zu den bereits bestehenden Hafenanlagen, meint der Bürgermeister.

Mohrdieck: "In der Tat ist es so, dass wir einen heute schon funktionierenden Tiefwasserhafen haben, der ja auch diese Kompetenz sich schon erworben hat – aber für Anlagen geringerer Baugröße. Die Anlagen, die jetzt ja geplant sind, haben doch deutlich andere Dimensionen, andere Lasten, und dafür gilt es eine Plattform zu schaffen, die das ständige Anlegen eines Jack-up und Montageschiffes ermöglicht. Das wäre im heutigen Elbehafen auf Grund der hohen Auslastung so auch nicht möglich."

Eine Marktanalyse hat ergeben, dass allein in Brunsbüttel mehr als 500 neue Jobs entstehen könnten, die finanziellen Effekte – durch Steuereinnahmen zum Beispiel – werden auf bis zu acht Millionen Euro geschätzt. Für die Gemeinde, die erhebliche Einbußen durch das Abschalten des Kernkraftwerks vor Ort hinnehmen musste, wäre das mehr als nur ein Trostpflaster.

"Für mich ist dieses Projekt wie ein Schlüssel zum Aufschließen eines Tores in eine neue Welt, die eine ganz neue Möglichkeit eröffnet auch für die Stadt zur Teilhabe an diesem Markt."

Den ersten schweren Rückschlag auf dem Weg in diese neue Welt hat in diesem Frühjahr die Hamburger Sietas-Werft erlebt: Im Juli wird das letzte Schiff abgeliefert. Eines der modernsten und mächtigsten Errichterschiffe, 140 mal 40 Meter misst die "Aeolus", wiegt 10.000 Tonnen. Wie es später mal an Deck aussehen wird, weiß Betriebsratschef Peter Bökler:

"Hier an Deck werden die Türme der Offshore-Windkraftanlagen liegen. Ebenso die Propeller der Antriebe. Hier wird ja ein 900 Tonnen großer Kran noch installiert, den wir noch nicht sehen können. Ist ein reines Industrieschiff. Wird hoffentlich noch viele, viele Jahre gute Arbeit ausüben können."

Der rettende Folgeauftrag für ein zweites Errichterschiff wurde storniert, erzählt Peter Bökler. Ende Juli ist Schluss für die letzten 300 von einst 1.800 Arbeitern. Eigentlich sollte mit dem zweiten Schiff der Windpark "Hohe See" aufgebaut werden.

"Wir waren schon zu 99 Prozent sicher, dass der Auftrag kommt und wir waren völlig schockiert nach der Aussage von Altmaier. Da gab es ja Rückzieher ohne Ende und wir verstehen auch unseren Kunden..."

…der Kunde, das war die niederländische Wasserbaufirma Van Oort. Und mit Altmaier meint Bökler Bundesumweltminister Peter Altmaier. Natürlich ist der Bundesumweltminister nicht allein für die Sietas-Pleite verantwortlich, beteuert Bökler. Aber ein bisschen eben doch, glaubt er. Immerhin habe der Minister immer wieder öffentlich dafür plädiert, die Vergütungssätze für das Einspeisen von Strom aus Offshore-Windkraft zu senken. Und dies hätte, zusammen mit der Ungewissheit über den so wichtigen Netzanschluss der Windparks, dazu geführt, dass viele Unternehmen ihre Offshore-Pläne auf Eis gelegt hätten.

Die Zukunft der Offshore-Windkraft beginnt später als gedacht

So auch der baden-württembergische Stromversorger EnBW, dem die Genehmigung für den Park "Hohe See" schon vorlag. Van Oort aus den Niederlanden sollte den Park aufbauen. Und hatte dazu bei Sietas ein zweites, zur "Aeolus" baugleiches Schiff bestellt.

Fassungslos war auch Bertold Brinkmann, der Insolvenzverwalter der Werft. Brinkmann sitzt am großen runden Konferenztisch seiner Kanzlei. Siebter Stock, der Blick durch die Panoramascheiben fällt auf die Hamburger Außenalster.

"Ich habe nicht nur den Kopf geschüttelt…! Hier ist ja nicht nur das Unternehmen Sietas betroffen. Es ist auch die Firma Repower betroffen. Und es sind andere betroffen, die sich auf Windkraft im Offshore-Bereich eingerichtet haben. Man hat den Versprechungen der Bundesregierung über die Energiewende geglaubt, man hat sich von den Firmenkapazitäten darauf eingerichtet. Man hat Entwicklungen vorbereitet und all dies wird jetzt in Frage gestellt."

Das Aus für die Sietas-Werft, die älteste Deutschlands, steht fest. Die Zukunft der Offshore-Windkraft beginnt viel später als gedacht. Mit viel Geld, mit hohem finanziellen Risiko. Die sieben laufenden Projekte sind – fast – im Zeitplan, die Zukunft der Offshore-Windkraft aber noch ungewiss.

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