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Mahlzeit

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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 08.07.2012

Das Märchen von den ungesunden, süßen Kaltgetränken

Limos greifen zwar den Zahnschmelz an, dafür können sie Nierensteine auflösen

Von Udo Pollmer

Limonaden im Regal
Limonaden im Regal (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Rom plant eine neue Steuer - diesmal soll es den süßen Limos an den Flaschenkragen gehen. Die Steuer soll im Jahr 250 Millionen Euro in die Staatskasse spülen. Gesundheitsminister Renato Balduzzi begründet seinen Griff ins Portemonnaie mit der Sorge um die Gesundheit der Jugend.

Die italienische Regierung will Limonaden mit einer Extrasteuer belegen. Durch den beherzten Griff in die Geldbörse soll die Bevölkerung auf lange Sicht gesunden. Doch es ist müßig, über die Folgen des Konsums von Limonaden zu grübeln. Es stimmt ja, Limos greifen den Zahnschmelz an, dafür können sie aber auch Nierensteine auflösen. Ist das etwa nix? Für alles weitere wie Diabetes, Gicht, Übergewicht und was noch so aus den plappernden Mündern unserer Ratschläger purzelt, gibt es keine vertrauenswürdigen Belege – sie berufen sich bestenfalls auf Korrelationen.

Korrelation heißt, dass man zwei Phänomene statistisch verknüpft. Ein Beispiel: Schildkröten sind jeder hektischen Bewegung abhold und werden mit ihrer extremen Unsportlichkeit auch noch uralt. Hibbelige Tierarten beißen viel, viel früher ins Gras, - gleichgültig, was sie fressen. Die Schlussfolgerung liegt doch auf der Hand – Bewegung verkürzt das Leben!

Noch so ein Beispiel gefällig? Der Bestand an Störchen korreliert in Deutschland über Jahrzehnte mit der Geburtenrate. Je mehr Störche, desto mehr Babys. Das gleiche Ergebnis erhielt man in 15 weiteren europäischen Staaten. Die Chance auf eine zufällige Übereinstimmung steht dabei rein statistisch bei 1 zu 125. Legt man die Maßstäbe der Ernährungsmedizin an, dann ist die Mär vom Klapperstorch eine gesicherte Tatsache.

Dabei basieren die Beispiele auf harten Zahlen. Schildkröten chillen tatsächlich den ganzen Tag und sie werden recht alt. Die Geburtenrate ist bekannt und geschulte Beobachter zählen die Störche. Von einer solchen Präzision können Ernährungswissenschaftler nur träumen. Bei ihren Studien sieht die Lage ziemlich trübe aus. Denn erstens ist es schwierig, per Fragebogen aus Menschen herauszukriegen, was sie die letzten fünf Jahre wirklich gegessen haben. Und zweitens sind viele Diagnosen alles andere als eindeutig. Es ist also keine Kunst, die Ergebnisse passend zu machen.

Auf diesem Wege – und nur auf diesem Weg - machen dann Limonaden dick, Äpfel gesund, und nur so verstopft der Käse mit seinem Cholesterin die Arterien. Für die Politik wächst damit die Versuchung neue Steuern zu erheben oder Kampagnen ins Leben zu rufen. Nach dieser Logik schwindet dann mit steigenden Steuereinnahmen zwangsläufig die Dickleibigkeit oder was auch immer. Wenn es nicht wirkt ist das nur der Beweis, dass man höhere Steuern braucht oder noch mehr Kampagnen.

Reizvoller als die Besteuerung von Butter, Cola oder Döner wäre eine Steuer für Ernährungstipps – namentlich solchen, die der Gesundheit schaden. Es ist überhaupt nicht einsichtig, warum nur die chemische Industrie scharfe Putzmittel mit ätzenden Warnhinweisen versehen muss. Bei manch einem Ernährungs-Ratschlag wäre sogar das Symbol mit dem Totenkopf passend. Dass man einen Toilettenreiniger nicht essen darf, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass aber von Sprossen, die auf dem Fensterbrett gezogen werden, ebenfalls Gefahren für Leib und Leben ausgehen, wollen viele Gesundheitsfreaks nicht wahrhaben. Gleiches gilt für Diätkampagnen. Zahllose Frauen haben am eigenen Leib erfahren müssen, dass dies nur Rettungsringe und Hüftgold bringt.

Wenn Smileys zur Klassifizierung von Restaurants gefordert werden, ist es nur billig, Ernährungsstudien, die in den Medien vor einem statistisch unerfahrenen Publikum breitgetreten werden, in gleicher Weise zu kennzeichnen. Korrelationsstudien, wie sie in der Ernährungsmedizin üblich sind, bekommen dann halt den Smiley mit dem Flunsch. Dann wissen alle: hier feiert schon wieder ein Klapperstorch fröhliche Urständ. Mahlzeit!


Literatur:
- Matthews R: Der Storch bringt die Babys zur Welt (p = 0.008). Stochastik in der Schule 2001; 21: 21-23
- Dunkelberg H: Geburtenrückgang und verwaiste Storchennester. Umwelt – Medizin- Gesellschaft 2003; 15: 226-231
- Andersen B: Methodological Errors in Medical Research. Blackwell, London 1990
- Skrabanek P, McCormick J: Torheiten + Trugschlüsse in der Medizin. Kirchheim, Mainz 1993
- Beck-Bornholdt HP, Dubben HH: Der Hund, der Eier legt. Rororo, Reinbek 1998
- Gigerenzer G: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Berlin Verlag, Berlin 2002