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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.12.2012

Das Leiden der Panzerkommandantin

Das Theaterstück "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“

Von Ulrike Gondorf

Eine russische Kriegsveteranin zum 60. Jahrestag der Schlacht um die Seelower Höhen.
Eine russische Kriegsveteranin zum 60. Jahrestag der Schlacht um die Seelower Höhen.

Sie fuhren Panzer, kämpften gegen die deutschen Besatzer und wurden nach dem Krieg als "Flintenweib" beschimpft. Mehr als eine Million Frauen haben im Zweiten Weltkrieg in der russischen "Roten Arbeit" gedient. Ihre Geschichten werden jetzt von Swetlana Alexijewitsch am Düsseldorfer Schauspielhaus auf die Bühne gebracht.

Kriegserlebnisse, Kriegsberichte – da setzt wohl jeder stillschweigend voraus, dass es um Männer geht, die da in schrecklichen oder möglicherweise auch heroisch verklärten Erinnerungen befangen sind. Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch hat schon vor über zwanzig Jahren ein Buch veröffentlicht, das die weibliche Perspektive dokumentiert. Es entstand aus Interviews mit Frauen, die an den Frontlinien des Zweiten Weltkriegs gewesen sind: nicht nur als Krankenschwester oder Nachrichtentechnikerin, sondern auch als Scharfschützin oder Panzerkommandantin. Über eine Million Frauen haben im Zweiten Weltkrieg in der Roten Arbeit Dienst getan. Diese zumindest bei uns kaum bekannte Tatsache beleuchtet das Buch, das jetzt im Düsseldorfer Schauspielhaus in einer Theaterfassung auf die Bühne gekommen ist, eingerichtet und inszeniert von dem jungen polnischen Regisseur Michal Borczuch.

Es beginnt mit einer einzelnen Frau im Lichtkegel eines Scheinwerfers und einer Stimme, die sich mühsam aus einem Chaos von Geräuschen herausarbeitet, so als sei ein Radiosender nicht scharf eingestellt. Es dauert, bis man ihrer Erzählung folgen kann, sie berichtet vom Tod ihrer Mutter, die versehentlich erschossen worden ist. Sie hatte die Jacke des Vaters übergezogen und war einer Verwechslung zum Opfer gefallen.

Nicht nur das Leitmotiv des sinnlosen Sterbens und des Verlusts wird da angeschlagen, sondern zugleich das Thema des Verstummens und Verdrängens, das Swetlana Alexijewitsch mit ihren Interviews und Protokollen behandelt. 40 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs hat sie die ehemaligen Soldatinnen ausfindig gemacht; übereinstimmend berichten sie, dass niemand ihnen zuhören wollte, dass sie nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg mit Misstrauen und Ausgrenzung bestraft wurden. "Flintenweib" oder "Lagerhure" – so der Generalverdacht, mit dem sie zu kämpfen hatten, während sie ihre traumatischen Erlebnisse an der Front verarbeiten mussten.

Es sind nicht die Ereignisse aus den Militärgeschichtsbüchern, die da zur Sprache kommen. Die Frauen berichten eher von ihren Reaktionen auf das, was sie sehen: die Scham und Reue einer Scharfschützin, die ein Fohlen auf der Wiese erschießt, weil ihre Truppe seit drei Tagen nichts mehr zu essen hatte. Die Verwirrung einer Frau, die so viele abgetrennte Arme und Beine gesehen hat, dass ihre Vorstellung von Menschen sich in Einzelteile auflöst. Der Alptraum einer anderen, der sich bei einem Angriff auf ein Dorf das Höllenspektakel der schreienden, brüllenden, schnatternden, heulenden Tiere ins Gehirn gebrannt hat.

Die Theaterfassung in Düsseldorf greift die Interview-Situation des Buchs auf und macht daraus ein vielstimmiges Geflecht der Stimmen und Erinnerungen. Eine Schauspielerin in der Rolle der forschenden Autorin und vier weitere Frauen, die viele Schicksale verkörpern, machen das Geschehen erfahrbar: nicht als komplette, in sich abgeschlossene Erzählungen, sondern in Facetten und Fragmenten, in denen Momente aufscheinen wie in den Scherben eines zerbrochenen Spiegels. Die Inszenierung von Michal Borczuch, der sich in der Avantgarde-Szene seines Heimatlandes schon einen Namen gemacht hat, ist von kluger Kargheit: eine große leere Bühnenfläche, rings herum ein paar Tische mit wenigen Requisiten für einzelne Szenen. Musik und Geräusche, die suggestiv eingesetzt werden, aber keine Bilder – außer denen, die im Kopf des Zuschauers entstehen.

Die Inszenierung lebt von der Identifikationskraft und dem darstellerischen Mut der fünf Schauspielerinnen Elena Schmidt, Mareike Hein, Claudia Hübbecker, Karin Pfammatter und Janina Sachau, die jede kleine Momentaufnahme, jeden Erinnerungsfetzen mit intensivem Leben füllen. "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" ist ein starker Abend im Düsseldorfer Schauspielhaus.

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