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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.08.2010

Das Leiden der Kleinbauern

Walden Bello: "Politik des Hungers", Verlag Assoziation A, 200 Seiten

Bäuerinnen holen in der Nähe der indischen Stadt Bhopal die Ernte ein. (AP Archiv)
Bäuerinnen holen in der Nähe der indischen Stadt Bhopal die Ernte ein. (AP Archiv)

Der philippinische Globalisierungskritiker Walden Bello beschreibt, warum internationale Organisationen wie Weltbank und WTO mitverantwortlich sind für die weltweiten Hungerkrisen.

Die Immobilienblase war geplatzt, Finanzinvestoren suchten neue Betätigungsfelder. An der Börse boomte der Landwirtschaftssektor, ohne dass sich die Produktion ausgeweitet hätte. So stiegen die Preise. Die Folge: Weltweit stürzten an die 250 Millionen Menschen zusätzlich in Hunger und Armut.

Ist das die ganze Geschichte der Nahrungsmittelkrise von 2008, als Hungerrevolten Politiker in Bedrängnis brachten und deren Wiederholung sich dieser Tage abzeichnet? Nein, widerspricht der philippinische Soziologieprofessor Walden Bello in seinem neuen Buch "Politik des Hungers". Er verweist auf die Strukturanpassungsprogramme, die Weltbank und Welthandelsorganisation den Regierungen von mehr als 90 Entwicklungsländern in den vergangenen zwei Jahrzehnten verschrieben. Landreformen zugunsten kleiner Bauern mussten rückgängig gemacht, Bewässerungs-, Saatgut- und Düngemittelprogramme eingestellt werden.

Statt florierende freie Märkte zu erzeugen, rutschten ganze Volkswirtschaften in den Abgrund, wie der Träger des Alternativen Nobelpreises in seiner ebenso kompakt wie glänzend geschriebenen Analyse darlegt. In Mexiko geriet die Hälfte der Bevölkerung unter die Armutsgrenze, und eine Landflucht biblischer Ausmaße setzte ein. Die Philippinen wandelten sich vom Reis-Exportland in einen Nettoimporteur seines Grundnahrungsmittels. Afrikanische Länder wurden von Landwirtschaftsgütern aus dem Norden zu subventionierten Dumpingpreisen überflutet und ließen die heimische Produktion versiegen. China, das sich die Strukturanpassung selbst verordnete, treibt seine Landbevölkerung mit hohen Steuern in Bedrängnis und leitet die Gelder in den Aufbau der Industrie.

Walden Bello schreibt klar, analytisch, fachkundig. Seine zuverlässig zusammengetragenen Fakten brauchen den Ton der Anklage nicht. Dennoch bleibt nach der Lektüre kein Zweifel: Die Politik der Strukturanpassung zielt darauf, den Jahrtausende alten Beruf des Bauern weltweit abzuschaffen und Boden wie landwirtschaftliche Produktion einer industrialisierten Agrarwirtschaft mit wenigen großen Akteuren zuzuleiten. Arbeitslosigkeit, Landflucht, Hunger, ökologische Desaster werden billigend in Kauf genommen. Es geht, wie so oft, ums schnelle Geldverdienen.

Hoffnung schöpft Walden Bello aus den erstarkenden Protestbewegungen der marginalisierten Bauern. Organisationen wie "La Via Campesina" haben sich mittlerweile zu globalen und politisch effektiven Netzwerken entwickelt. Sie haben ihre demokratische Entscheidungskultur beibehalten, und auch die Leitung liegt nach wie vor in bäuerlichen Händen. Und so zeigt sich der Autor am Ende als Optimist: Wenn die Ökonomie der globalen Vereinnahmung an ihr absehbares Ende stoßen werde, weil ihre sozialen und ökologischen Kosten unerträglich hoch sind, könnten alternative Ideen – wie Ernährungssouveränität, Stärkung der Binnenmärkte, Landreformen, ökologisch verträgliche Produktion, Demokratisierung der Wirtschaft, maßvoller Einsatz technischer Modernisierung – den Weg in die Zukunft der Welternährung weisen.

Besprochen von Susanne Billig

Walden Bello: Politik des Hungers
Aus dem Englischen von Max Henninger
Verlag Assoziation A
200 Seiten, 16 Euro

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