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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.10.2013

Das Leben mit Alzheimer als Bildergeschichte

Kim Kindermann über Sachcomics auf der Frankfurter Buchmesse

Moderation: Liane von Billerbeck

Längst nicht mehr nur Superman und Co.: Comics handeln immer öfter auch von Sachthemen. (picture alliance / dpa / Maxppp Isabelle Louvier)
Längst nicht mehr nur Superman und Co.: Comics handeln immer öfter auch von Sachthemen. (picture alliance / dpa / Maxppp Isabelle Louvier)

Biografien von Freud und Marx, eine Geschichte über Alzheimer, ein Reporter-Hund, der erklärt, was Schnee ist: Die Frankfurter Buchmesse räumt dem Sachcomic immer mehr Platz ein. Kim Kindermann sagt: "Ein Highlight jagt das andere."

Liane von Billerbeck: Ein neuer Stern am Sachbuchhimmel, sensationell, einzigartig, eine außergewöhnliche intellektuelle und künstlerische Leistung, nie zuvor hielten Sie solch ein Werk in den Händen, opulent und großartig! – So klangen sie, die Lobeshymnen, die vor drei Jahren angestimmt wurden, als Jens Harders Sachcomic "Alpha" erschien. Darin erzählt der Berliner Zeichner in Bildern über nicht weniger als 14 Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte, die Entstehung des Universums also. Der "FAZ"-Kritiker war damals sogar so begeistert, dass er schrieb, "Alpha" sei ein Urknall des Sachcomics, von jetzt an dürfen wir zu zählen anfangen. Mit "Alpha" wurde also die neue Gattung Sachcomic geboren und das Publikum lernte, dass der Comic mehr aufzubieten hat als Girls mit üppigen Brüsten und Kinderkram. Grund genug, über den Sachcomic mit meiner Kollegin Kim Kindermann zu sprechen. Sie ist in Frankfurt auf der Buchmesse unterwegs – deshalb hören Sie auch so ein bisschen Geräusche im Hintergrund – und hat sich angesehen, was durch und nach Harders Eifer auf diesem Gebiet so entstanden ist. Schönen Gruß nach Frankfurt!

Kim Kindermann: Hallo!

von Billerbeck: Wie sieht es denn aus, gibt es auch in diesem Jahr auf der Messe gute Sachcomics?

Kindermann: Ja, das kann man wohl sagen. Also es sind wirklich … ein Highlight jagt das andere, würde ich jetzt mal sagen. Ich fange mal an mit ein paar Titeln, die mich besonders beeindruckt haben. Da ist Paco Roca, "Kopf in den Wolken" heißt das Buch, das ist eine Geschichte über Alzheimer, und wie man sich damit fühlt und wie man damit lebt. Dann auch ganz neu erschienen, "Economix" von Michael Goodwin und Dan Burr, erschienen beim Jacoby-&-Stuart-Verlag, die wollen uns erklären, wie Wirtschaft funktioniert oder auch nicht. Das ist hier schon sehr widersprüchlich auch besprochen worden, mir gefällt es aber sehr gut. Dann ist herausgekommen ein weiterer Teil der vierbändigen Sachcomicreihe "Blast", das ist ein verstörendes Meisterwerk, das entführt in das Innenleben eines Mörders. Das ist ein bisschen unklar, ob dieser Hauptdarsteller auch ein Mörder ist, aber grandios gemacht.

Dann, auch von einem Franzosen, Guillaume Long, "Kann denn Kochen Sünde sein?", und im Knesebeck Verlag erschienen sind die Biografien über Sigmund Freud und Karl Marx. Oder auch schon jetzt in der 70.000. Auflage die Sachcomics von TibiaPress, die erscheinen seit 2011 und behandeln immer so Themen wie Ökonomie, Evolution, Quantentheorie, und jetzt ganz neu zu diesem Herbst ist ein Band erschienen über die Zeit. Und ganz wichtig natürlich: Nach "Alpha" kommt jetzt auch "Beta". Auch das verspricht wieder große Kunst zu werden. Jens Harders satte, schwarze, grüne Zeichnungen, die waren ja sehr berauschend, und in "Beta" geht es jetzt um die Entstehung der Säugetiere und Menschen. 2000 Zeichnungen sollen davon erzählen, allerdings ist das Buch jetzt noch nicht auf der Buchmesse, sondern das kommt erst im Januar heraus. Also Zukunftsmusik, aber trotzdem, die kann man hier schon spüren auf dieser grandiosen Messe.

von Billerbeck: Das heißt, man kann sich auf dieses Buch schon freuen. Nun sind das ja sehr unterschiedliche Themen, die Sie da gerade aufgezählt haben. Wie sind denn diese Sachcomics gemacht?

Kindermann: Also, ganz unterschiedlich. Sie sind tatsächlich … den Themen nach gibt es überhaupt keine Einschränkung, also man kann jetzt nicht sagen, hier ist alles schwarz-weiß oder bunt oder in Bildern erzählt. Sehr unterschiedlich. Nehmen wir zum Beispiel "Economix", das hatte ich ja schon erwähnt, das ist in ganz schlichten schwarz-weißen Bildern gemacht. Dazu kommt dann sehr viel Text, einmal in Sprechblasen und dann noch neben der Hauptfigur, die durch diese Geschichte leitet. Da ist schon ganz schön viel Information, das ist auch sehr dicht gepackt. Anders dann das Comic zum Thema Kochen, also dieses "Kann denn Kochen Sünde sein?", das ist fantastisch gemacht. Das sind bunte Zeichnungen, kleine Geschichten, immer eine oder zwei Seiten lang. Und da begleitet man dann den Autor in seine Küche, erfährt, welche Kochgeräte sinnvoll sind, man bekommt Rezepte oder erfährt, wie unterschiedlich Tomaten aussehen können, und dazu immer die entsprechenden Zeichnungen. Also einfach: Das macht richtig Spaß.

Dann die Biografien, die ich ja auch schon erwähnt habe, da ist die über Sigmund Freud. Die ist so, dass die Bilder diesen Mann zeigen als Grübler und Denker, und man merkt richtig, dass er getrieben ist von diesem Wunsch, den Menschen zu verstehen, sein Innenleben zu verstehen. Und die Zeichnungen, die auf den ersten Blick – Schwarz-Weiß-Zeichnungen –, die wirken auf den Blick etwas naiv und fast schon bisschen aufgeräumt, aber wenn man dann hinschaut, dann entdeckt man in den Zeichnungen ganz kleine Symbole und ganz verschlungene Andeutungen. Und die zeigen dann wiederum die Zwiespältigkeit, die Freud ja auch immer ausgemacht hat. Und da muss man wirklich sagen, das ist für einen Text nebenbei so gar nicht leistbar. Und das kann so ein Sachcomic eben ganz hervorragend rüberbringen.

von Billerbeck: Nun sind das sehr schwierige Themen durchaus, Sie haben es auch erwähnt, ein Buch, ein Sachcomic über das Thema Alzheimer. Gelingt denn dem Comic tatsächlich, da so komplizierte Dinge zu verhandeln?

Kindermann: Also, ich glaube, man muss diese Sachcomics immer so ein bisschen wie Ausschnitte aus einem Verlauf sehen. Die können natürlich immer nur so etwas eins zu eins abbilden. Die versuchen mittlerweile schon, die neueren Sachcomics, auch so ein bisschen diese Stringenz aufzubrechen. Aber ich würde sagen, also, sie können das mit einer Einschränkung machen. Und zwar erzählen sie nicht davon zum Beispiel, wenn es um Wissenschaft geht, um die Prozesse der Suche, um die Hypothesen, die da verhandelt werden. Das können solche Comics dann nicht erzählen, da sind sie geradlinig und brechen das nicht unbedingt auf. Aber das wäre die einzige Einschränkung, die ich jetzt machen würde, wenn ich mir die Sachcomics hier anschaue.

von Billerbeck: Deutschlandradio Kultur, das neue Genre der Sachcomics ist mein Thema im Gespräch mit meiner Kollegin, unserer Sachbuchredakteurin Kim Kindermann, von der Frankfurter Buchmesse. Sie sind ja dort in Frankfurt schon seit Jahren und beobachten dieses Genre, gucken immer wieder, blättern, besuchen die Verlage. Hat sich denn im Umgang mit den Comics etwas verändert?

Kindermann: Auf jeden Fall. Also, die Frankfurter Buchmesse selbst räumt dem Comic-Bereich eine immer größere Fläche ein, also im wahrsten Sinne des Wortes: einer der Hotspots auf der diesjährigen Messe. Also, das sind die wichtigen Zentren, dies ist hier dem Comic gewidmet, da sind die Comics ausgestellt, die aktuellen Comics, da sind Comic-Zeichner immer wieder, die sich dann interviewen lassen, mit denen man sprechen kann, also auch nicht nur als Fachmann, sondern auch hier als Besucher. Dann findet immer um zwölf Uhr ein Comic-Frühstück statt, wo dann über aktuelle Entwicklungen auf dem Comic-Markt gesprochen wird. Also, Comics, da sind sich die Experten einig, sind gerade in Zeiten des Internets, wo die Bilderflut immer mehr im Kommen ist und die Bildsprache so viel wichtiger wird, bedienen die sozusagen eine Sehnsucht nach weniger Text, mehr Bild, und bringen damit auch Menschen, die dem Buch vielleicht lange untreu waren, wieder zurück hier auf den Buchmarkt.

von Billerbeck: Gilt das eigentlich auch – Sie haben ja das, was Sie über die Sachcomics erzählt haben, das sind eher sehr erwachsene Themen gewesen, war so mein Eindruck –, gilt das eigentlich, dieses veränderte Verhältnis zum Comic, auch für die Kinder- und Jugendbuchszene?

Kindermann: Ja, auch da wieder ein großes Ja von mir aus Frankfurt. Einmal diese Sachcomicsreihe von TibiaPress, die ich schon erwähnt habe. Die machen das ganz großartig seit sehr vielen Jahren, holen Kinder wirklich genau da ab, wo sie sind. Sind eigentlich auch wieder Bücher, die eigentlich sich auch dann doch an Erwachsene richten.

Und dann noch meins, das ich jetzt auf dieser Messe tatsächlich gefunden habe, als ich mich hier umgeguckt habe, mein absoluter Liebling. Ist gemalt von Flix, dem großen Berlin-Zeichner, und das heißt "Ferdinand, der Reporterhund", das ist vielleicht bekannt ein paar Menschen durch "Dein SPIEGEL", da sind die hinten schon immer drauf. Jetzt gibt es die als Buch im zweiten Band. Und da wird genial auf ganz wenigen Bildern große Themen verhandelt. Da geht es darum, was sind Fischstäbchen, wo kommen die her? Schnee, was ist eigentlich Schnee? Wie sieht der aus? Ist Schnee immer gleich? Nein, ist er nicht. Oder wie entstehen Filme? Toll erklärt, der kleine Hund schafft es immer, die Dinge so zu erklären, dass man wirklich das Gefühl hat: Huch, das ist neu und ich habe es auch verstanden. Wenig Text, sehr klug, aber ohne reduziert zu sein. Das ist ein ganz, ganz Spitzenbuch, das kann ich nur wirklich jedem empfehlen, allen Kindern und allen Erwachsenen, die Lust haben, sich wirklich kurz und knackig zu informieren.

von Billerbeck: Eine begeisterte Kim Kindermann über den neuen Trend zum Sachcomic, den sie auch auf der Frankfurter Buchmesse gesehen hat. Ganz herzlichen Dank!

Kindermann: Gerne.

von Billerbeck: Und mehr von der Frankfurter Buchmesse hören Sie natürlich bei uns im Programm und können Sie auch lesen in unserem Buchmesse-Blog, den Sie im Netz unter der Adresse finden blog.dkultur.de.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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