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Das Leben in einer Währungs-WG

Neue Theaterstücke thematisieren die Wirtschaftskrise

Von Stefan Keim

Katja Hensel haucht toten Dingen Leben ein.
Katja Hensel haucht toten Dingen Leben ein. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

In Katja Hensels "Im Sprung der toten Katze" am Staatstheater Kassel leben ein philosophierender 50-Euro-Schein und eine aus Griechenland stammende Zwei-Euro-Münze zusammen. Der verhaltensauffällige Kapitalmarkt geht zur Psychiaterin, um sich analysieren zu lassen. Die Komödie "Der Wind macht das Fähnchen" von Philipp Löhle am Theater Bonn erzählt vom alltäglichen Überlebenskampf.

Das ist eine schräge WG: Ein philosophierender 50-Euro-Schein und eine aus Griechenland stammende Zwei-Euro-Münze leben mit dem Deutschen Mark zusammen. Der blonde Junge leidet darunter, dass er abgeschafft wurde und grölt zur Kompensation Schlager von Udo Jürgens. Autorin Katja Hensel spickt die ohnehin schon absurde Szene mit einigen hinreißenden Pointen. "Das riecht ja hier wie in einer Parkuhr", mault Goldie, die griechische Münze. Die Wirtschaftskrise ist Bühnenthema in zwei Uraufführungen. Philipp Löhles "Der Wind macht das Fähnchen" hatte in Bonn Premiere, "Im Sprung der toten Katze" von Katja Hensel am Staatstheater Kassel.

Beide Titel zitieren Sprichwörter. "Selbst eine tote Katze springt hoch, wenn man sie aus ausreichender Höhe fallen lässt", sagen Börsianer, wenn sich eine abschmierende Aktie kurzfristig erholt. Katja Hensel greift zum alten Trick der Animationsfilmer und haucht toten Dingen Leben ein. Zwei 20-Euro-Scheine wollen nicht mehr in der Welt herumzirkulieren, sondern neue Bindungen finden. Und der verhaltensauffällige Kapitalmarkt geht zu einer Psychiaterin, um sich mal richtig analysieren zu lassen. Mit artistischer Körpersprache spielt Christina Weiser einen entgrenzten Dandy, der über die langweiligen Geldmärkte lästert. Kurzweilig schneidet die Autorin drei Handlungsfäden – der dritte ist die Währungs-WG – ineinander. Ein kabarettistischer, oft wortwitziger Abend, dem aber auf halber Strecke die Luft ausgeht, weil manche Gags sich allzu inflationär wiederholen.

Dem könnte die Regie entgegenwirken, indem sie die Geldscheine so ernst nimmt als wären sie Figuren in einem Film der Pixar-Studios. Nicole Oder treibt hingegen mit Plastikperücken die Scheine und Münzen noch mehr in die Karikatur. Das Bühnenbild besteht aus Folien die auf einen Projektor gelegt werden, eine schöne Idee, die sich im Laufe des Abends aber ebenfalls totläuft. Die ausgezeichneten Schauspieler schaffen ein paar Momente, in denen einem das Geld menschlich näherkommt. Zumindest näher als die Familie, die Philipp Löhle in seinem neuen Stück auf die Bühne stellt. Wobei es sich um Absicht handelt. Denn Löhle zeigt völlig unsentimental die Familie als gefühllosen Ort, in dem jeder handfeste wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Am Anfang ist noch alles gut. Papa hat Arbeit, als Handlungsreisender, und einen Dienstwagen, mit dem die Familie in den Sommerurlaub fährt. Aber wie bei seinem theaterhistorischen Vorläufer Willy Loman im Stück von Arthur Miller läuft die Zeit an ihm vorbei. Das Internet kommt, der Onlinehandel macht seine Arbeit überflüssig. Ohne Dienstwagen ist er auch für Frau und Kinder nicht mehr interessant. Vater Holger tut so, als hätte er wieder einen Job und hängt den ganzen Tag mit seinem Auto auf Parkplätzen herum, voller Angst, dass ihn jemand sieht. Rolf Mautz spielt grandios diese entwürdigenden Momente, die im Verlust jeder moralischen Orientierung münden. Bald spielt er mit dem Gedanken, alte Leute zu überfallen, denn die haben noch Bargeld bei sich.

Auch die Mutter findet nur kurzzeitig Arbeit bei einem Radiosender und endet als Bedienung in einem Puff. "Der Wind macht das Fähnchen" ist eine trockene Komödie über den alltäglichen Überlebenskampf, aufbereitet wie das Blättern in einem Fotoalbum. Die Handlung springt immer wieder ein paar Jahre, viel ist dazwischen passiert, psychologische Entwicklungen muss sich das Publikum selbst denken. Die Erzähltechnik erinnert an Löhles hinreißende Globalisierungssatire "Das Ding".

Regisseur Dominic Friedel nimmt manchmal das Tempo aus dem sonst leicht in die Nähe des Boulevard rutschenden Stücks, findet Augenblicke des Verstummens und der Verlorenheit. Doch wie Katja Hensels Stück in Kassel hält auch diese Bonner Uraufführung nicht abendfüllend die Spannung. Zwei treffende Ideen, zwei im Prinzip unterhaltsame Texte, die als Einakter komprimiert besser funktionieren würden. Theater nahe am Kabarett, Gedankenanschubser und bittere Bestandsaufnahme mit der Erkenntnis, dass grundlegende Veränderungen des Wirtschaftssystems und des Lebens bevorstehen.

Links zum Thema:

Staatstheater Kassel: "Im Sprung der toten Katze"

Theater Bonn: "Der Wind macht das Fähnchen"

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