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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 05.10.2013

Das Land der Stimmen

Die Lange Nacht der brasilianischen Literatur

Moderation: Michi Straussfeld und Kersten Knipp

Wie lebt es sich in einem Land, das sich in jüngster Zeit in rasendem Tempo entwickelt hat? (picture alliance / KUNZ / Augenklick)
Wie lebt es sich in einem Land, das sich in jüngster Zeit in rasendem Tempo entwickelt hat? (picture alliance / KUNZ / Augenklick)

Tagträumer, Sinnsucher, Schwerverbrecher: Die brasilianische Literatur ist so bunt wie die Menschen, die das Land besiedeln. Wie erkämpft man sich seinen Freiraum, kulturell ebenso wie finanziell?

Wie geht man um mit der Vergangenheit, der persönlichen wie der des ganzen Landes, und wie kann auf dieser Vergangenheit eine lebenswerte Zukunft gründen? Das sind einige der Fragen, die brasilianische Autoren heute umtreiben. In ihren Romanen geben sie ganz unterschiedliche Antworten: Paulo Lins erkundet in "Cidade de Deus" die Lebenswelt der brasilianischen Favelas in den späten 60er-Jahren, also noch vor dem Ausbruch der heute allgegenwärtigen Gewaltkultur.

Andrea del Fuego spürt den entlegenen Landschaften des brasilianischen Hinterlandes nach, während Beatriz Bracher den Blick auf die Metropole São Paulo richtet. João Paulo Cuenca entwirft ein einfühlsames Porträt einer zaghaften jungen Generation, die sich erst diesen Sommer, in landesweiten Protesten, angemessenen Ausdruck verschafft. Luiz Ruffato hingegen gibt jenen eine Stimme, die sich weiterhin nicht artikulieren können, die nach wie vor auf irgendeine Weise am Rande der Gesellschaft stehen. Und Daniel Galera fragt, warum das so ist: Warum stehen Menschen sich selbst im Wege, wagen es nicht, das Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Auch in der jüngsten Generation setzt sich also ein uraltes brasilianisches Thema durch: das Ringen um Ausdruck, der Versuch, die Stimme zu erheben, sich Gehör zu verschaffen. Die Dichter des 19. Jahrhunderts taten das, um Brasilien einen Platz auf der Bühne der Welt zu sichern. Dort ist das Land längst angekommen. Inzwischen beschreiben die Autoren persönliche Dramen, die Träume, Wünsche, Hoffnungen, die die fast 200 Millionen Brasilianer hegen.

Das tut jeder auf seine Art, und weil das nicht immer leicht ist, ist Brasilien auch alles andere als eine Idylle. Wie es sich lebt, in einem Land, das sich in jüngster Zeit in rasendem Tempo entwickelt, das ist Thema dieser "Langen Nacht" der brasilianischen Literatur, die in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Köln entsteht.

Gäste:

- Daniel Galera
- Andréa del Fuego
- Beatriz Bracher
- Joao Paulo Cuenca
- Luiz Ruffato
- Paulo Lins

Diese Lange Nacht können Sie ab dem Montag nach der Sendung sieben Tage lang in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

Der Brasilianer Edney Silvestre (geboren 1950) ist in seinem Heimatland ein bekannter Journalist und Fernsehmoderator. Sein Debütroman "Der letzte Tag der Unschuld" wurde auf Anhieb ein Erfolg und mit renommierten Literaturpreisen wie dem Premio Jabuti und dem São Paulo-Preis ausgezeichnet. Nach mehreren Jahren als Korrespondent in New York lebt Edney Silvestre jetzt wieder in Brasilien.

Edney Silvestre: Der letzte Tag der Unschuld
Limes Verlag, August 2013.

Die Toten bleiben nicht dort, wo sie begraben werden ...

Brasilien, 1961. An dem Tag, an dem Juri Gagarin die Erde umrundet, ändert sich das Leben von Paulo und Eduardo für immer. Es sollte ein schöner Frühlingstag werden – faul am See statt schwitzend in der Schule –, bis sie am Ufer die Leiche einer Frau entdecken. Für die Polizei ist der Fall schnell gelöst: Der Ehemann ist der Täter – war das Opfer doch, wie jedermann zu wissen schien, eine Ehebrecherin. Die beiden Jungen glauben aber nicht daran und fangen an, selbst zu ermitteln. Zu ihnen gesellt sich ein alter Mann, der einst von der Geheimpolizei gefoltert wurde und mehr über die Stadtbewohner weiß, als er zugibt. Es ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft – und einer gefährlichen Suche …

Carl D. Goerdeler, geboren 1944 in Leipzig, lebt seit geraumer Zeit in Brasilien und war Korrespondent zahlreicher deutschsprachiger Zeitungen. Er hat in Rio de Janeiro Wurzeln geschlagen und nicht die Absicht, in die "kalte Heimat" zurückzukehren. Aber wie das mit so einer Langzeitbeziehung ist: Man kennt sich zu gut, um noch irgendwelchen Illusionen anzuhängen. Gleichwohl: Nähe und Distanz zu beiden Seiten des Atlantiks, das Wechselbad der Gefühle und Perspektiven empfindet der Autor als Bereicherung seines Lebens. Nach dem Studium von Politik und Publizistik in Berlin und München, der Produktion von Fernsehdokumentationen und einem Abstecher in die Welt der Diplomatie (vier Jahre an der Botschaft in Tokio und fünf in Brasília) fand Carl D. Goerdeler, Verfasser einiger Reiseführer und Sachbücher, dass es an der Zeit wäre, Geschichten zu schreiben, die nicht unbedingt politisch korrekt sind und subjektiv von Brasilien erzählen. Brasilienblues ist ein persönliches Resümee.

Carl D. Goerdeler: Brasilienblues. Geschichten aus Brasilien
Gardez Verlag

Brasilien lässt sich nicht mit nur einer Optik erfassen; das Land sperrt sich der kalten Analyse. Ob es ein "Land der Zukunft" ist, wie einmal Stefan Zweig geschrieben hat, darf bezweifelt werden. Die 'Zukunft' der Brasilianer liegt doch wohl eher in ihrer Gegenwart - in ihrer Vitalität und dem Talent, sich über die banale Wirklichkeit immer wieder hinwegzusetzen. "Die Luftschlösser von Rio" sind literarische Aquarelle und keine Kupferstiche; mit leichter Hand geschrieben, handeln sie von Geschichten aus Brasilien, Anekdoten und Miniaturen. Der Band beansprucht keineswegs, eine umfassende Landeskunde oder eine tiefschürfende Analyse über Brasilien zu sein. Die Geschichten wollen mit Genuss gelesen werden. Die Sinnlichkeit, die Farben und Facetten des riesigen tropischen Landes sind darin eingefangen. Das Buch ist gedacht für alle, die Vergnügen daran haben, mit den Augen zu reisen und sich auf den Schwingen der Vorstellungslust wegtragen zu lassen, ohne gleich die Koffer packen zu müssen.


Daniel Galera, geboren 1979 in São Paulo, lebt heute in Porto Alegre. Er hat Erzählungen, eine Graphic Novel und drei Romane geschrieben. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, verfilmt und für das Theater adaptiert worden. Galera hat unter anderem Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson übersetzt. "Flut" ist sein erstes Buch in deutscher Sprache.

Daniel Galera: Flut.
Suhrkamp Verlag, Augst 2013.
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner.

Sein Vater erschießt sich, und was ihm bleibt, sind der alte Schäferhund und eine vage Sehnsucht nach Läuterung. Er bricht auf in den Süden und mietet sich in einem kleinen Ort an der Küste ein. Er findet Arbeit als Sportlehrer, lernt eine Frau kennen, unternimmt lange Wanderungen mit dem Hund, schwimmt Stunden am Stück ins offene Meer hinaus. Vor allem aber versucht er ein Familiengeheimnis zu ergründen - sein Großvater hatte in der Gegend gelebt, bis er unter ungeklärten Umständen verschwand. Doch ein empfindliches Handicap erschwert ihm die Suche, eine neurologische Erkrankung, er kann Gesichter nicht wiedererkennen. Seine Nachforschungen jedenfalls scheinen die Anwohner aufzuschrecken, Gerüchte machen die Runde, wird er bedroht? Wem kann er trauen, wenn schon nicht sich selbst und seinen Wahrnehmungen? Allmählich begreift er, dass er das gleiche Schicksal wie sein Großvater zu erleiden droht. Und plötzlich steht ihm das Wasser bis zum Hals.
Mit lichter, hypnotisierender Kraft erzählt "Flut" die epische Geschichte einer Suche über drei Generationen, die an die Grenzen des Menschenmöglichen führt.

Andréa del Fuego, 1975 in São Paulo, Brasilien, geboren, studierte Journalismus. Sie ist als Filmproduzentin tätig und arbeitet für das literarische Fernsehformat Entrelinhas. Andréa del Fuegos Erzählungen sind in verschiedenen brasilianischen und internationalen Anthologien erschienen. Außerdem hat sie mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Ihr Debütroman Geschwister des Wassers wurde 2011 mit dem José Saramago Preis ausgezeichnet und war Finalist des Prêmio São Paulo de Literatura 2011 sowie des Prêmio Jabuti 2011. Andréa del Fuego lebt in São Paulo.

Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers
Roman – übersetzt aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Hanser Verlag

Eines Nachts schlägt der Blitz in das Haus der Familie Malaquias ein. Die Kinder Julia, Nico und Antonio schlafen friedlich weiter – doch ihre Eltern stehen nie wieder auf. Julia und Antonio kommen in ein Waisenhaus. Nico, der ältere Bruder, bleibt auf dem Land als Handlanger in einer Fazenda. Ihre Wege trennen sich, doch eine geheime Anziehungskraft treibt sie Jahre später zum Ort ihrer ersten Geborgenheit zurück, dem Haus in der Serra Morena. Noch einmal brechen die Geschwister zu neuen Ufern auf, in der Hoffnung in einem neuen Leben zusammenzukommen. Andréa del Fuegos Debütroman ist von einmaliger poetischer Schönheit. Eine magische Geschichte aus Brasilien, die ins Herz der Gegenwart trifft.

Andreas Wunn, Jahrgang 1975, studierte Politikwissenschaften in Berlin und Tokio und lebte längere Zeit in den USA und Bolivien. 2003 begann er als außenpolitischer Reporter beim ZDF. Von 2005 bis 2007 moderierte er dort die Sendung "heute in Europa" und vertretungsweise das "auslandsjournal". Anschließend managte er als Chef vom Dienst der Chefredaktion das Informationsprogramm des Senders. Seit 2010 ist Andreas Wunn der Südamerika-Korrespondent des ZDF und leitet das ZDF-Studio in Rio de Janeiro.

Andreas Wunn: In Brasilien geht's ohne Textilien. Ein Deutscher in Rio de Janeiro
Heyne Verlag 2013.

Als Gringo an die Copacabana: Südamerika-Korrespondent Andreas Wunn zieht nach Rio de Janeiro. Dort wird er zwar herzlich empfangen, doch schnell kommt es zu zuckerhutgroßen Missverständnissen: Ein Handtuch mit an den Strand zu nehmen verstößt gegen die heiligen Strandregeln, nachts an roten Ampeln zu halten ist nicht vorgesehen, und deutsche Arbeitsmoral, deutscher Winter, deutscher Fußball – all das löst bei einem Brasilianer sowieso nur Mitleid aus. Mit viel Witz, Sympathie und Augenzwinkern erzählt Andreas Wunn vom Leben im Sehnsuchtsland Brasilien.

Beatriz Bracher gilt als eine der herausragenden Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur. Sie wurde 1961 in São Paulo geboren, studierte Literaturwissenschaften und war Mitbegründerin der Zeitschrift "34 Letras" und des Verlags Editora 34. 2008 erhielt sie für "Antonio" (2007), ihren dritten Roman, den Prêmio Jabuti, den wichtigsten Literaturpreis Brasiliens. Zudem erhielt sie für den Roman den Literaturpreis Portugal Telecom, der jedes Jahr an die drei besten Bücher in portugiesischer Sprache vergeben wird.

Beatriz Bracher: Antonio
Assoziation A, 2013.

Der Roman erzählt die Geschichte eines tragischen Familiengeheimnisses: Im Abstand von 20 Jahren haben sich Vater und Sohn, ohne es zu wissen, in dieselbe Frau verliebt und mit ihr jeweils ein Kind gezeugt. Eines der Kinder deckt dieses Geheimnis auf und begibt sich auf die Suche, um herauszufinden, was geschehen ist. Bracher zeichnet das Porträt einer nonkonformistischen Familie der intellektuellen, wohlhabenden Mittelschicht São Paulos. In ihr spiegeln sich die historischen Umbrüche und Krisen Brasiliens.

Paulo Lins wurde 1958 in Rio de Janeiro geboren und ist eigentlich Anthropologe und Soziologe. 1997 veröffentlichte er sein Werk "Cidade de Deus" (Die Stadt Gottes), das auf jahrelangen ausführlichen Feldstudien beruht. Das Buch ist eines der meistverkauften Werke der brasilianischen Literatur überhaupt und wurde im Jahre 2002 von Fernando Meirelles als "City of God" verfilmt. Der Film stieß auf große internationale Resonanz und war unter anderem für vier Oscars und den Golden Globe nominiert.

Paulo Lins: Seit der Samba Samba ist
Droemer, 2013

Rio de Janeiro, Ende der zwanziger Jahre: In den Bars und Bordellen des Armenviertels hat sich Brancura, ein junger, kräftiger Schwarzer, als Zuhälter etabliert. Mit der schönen Mulattin Valdirene verbindet ihn so etwas wie Liebe. Doch sie träumt vom sozialen Aufstieg und macht einem hellhäutigen Portugiesen schöne Augen. In der "Bar do Apolo" tröstet sich Brancura über seinen Kummer hinweg. Und beflügelt vom Zuckerrohrschnaps flüchtet er sich in die Musik. In diesen Nächten mit seinen schwarzen Freunden entsteht etwas völlig Neues: eine Musik voller Leidenschaft, kraftvoller afrikanischer Rhythmen und überschäumender Lebensfreude. Und auch Valdirene kann sich der Sinnlichkeit dieser Musik nicht entziehen.

Joao Paulo Cuenca, 1978 in Rio de Janeiro geboren, schreibt Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Das renommierte Literaturmagazin "Granta" wählte ihn 2012 auf die Liste der 20 besten jungen brasilianischen Autoren. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet er als Kulturjournalist für verschiedene brasilianische Medien. Er lebt in Rio de Janeiro.

Joao Paulo Cuenaca: Mastroanni. Ein Tag
A-1 Verlag, 2013

Wie viele Minuten in deinem Leben gibt es, über die du sagen kannst, dass wirklich etwas passiert ist? Mit diesen Worten weckt Pedro Cassavas seinen Freund Tomas Anselmo, dessen Name nicht zufällig an Guido Anselmi erinnert, den gescheiterten Regisseur aus Fellinis Meisterwerk 8. Nur dass Anselmo ein ganz gewöhnlicher Looser ist und Pedro Cassavas ein Möchtegern-Flaneur, Möchtegern-Dandy, Möchtegern-Schriftsteller, der sich seiner eigenen Existenz versichern will.

Ein Tag irgendwo in der Stadt, keine vierundzwanzig Stunden, in denen Trugbilder und Inszenierungen ineinander verschwimmen, im trüben Scheinwerferlicht einer stilisierten Welt aus Karaokebars, Barbierläden, Hotelzimmern und Villen, durch die Pedro Cassavas, Tomas Anselmo, Veronica und die süße Maria ihre Spur von Exzess und Verzweiflung ziehen. Die Protagonisten zitieren, loben sich selbst und geben sich in ihrer grenzenlosen Selbstdarstellung der Lächerlichkeit preis immer auf der Suche nach Sinn, Sinnlichkeit und dem perfekten Moment.

Joao Paulo Cuenca erzählt mehr als eine Geschichte. Expressiv und ironisch schildert er das Lebensgefühl einer Generation, genauer, die Klischees einer Generation, die sich vor Idolen und Vorbildern nicht mehr retten kann und aus lauter Furcht vor Gemeinplätzen sich untrennbar mit diesen vermischt.

Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Familie italienischer Immigranten auf. Er arbeitete unter anderem als Verkäufer und Mechaniker und studierte Journalismus. Im Jahr 1998 veröffentlichte er einen ersten Band mit Kurzgeschichten. Drei Jahre später folgte der Roman "Es waren viele Pferde" (Eles eram muitos cavalos), der die brasilianische Literatur revolutionierte, von der Kritik enthusiastisch aufgenommen und unter anderem mit dem Prêmio Machado de Assis der brasilianischen Nationalbibliothek ausgezeichnet wurde.
Zwischen 2005 und 2011 schrieb Luiz Ruffato den fünfbändigen Romanzyklus "Vorläufige Hölle" (dt. ab 2013 bei Assoziation A). Luiz Ruffato lebt in São Paulo.

Luiz Ruffato: Mama, es geht mir gut
Asspziation A, 2013

Das Buch bildet den Auftakt des Romanzyklus "Vorläufige Hölle", mit dem Ruffato den Armen, den einfachen Leuten, den Migranten eine Stimme verleiht. Er hebt sie aus ihrer literarischen Vergessenheit und lässt so die Geschichte des brasilianischen Proletariats wiederauferstehen. Innere Monologe wechseln mit poetischen Passagen, mit Szenen von dramatischer Intensität. Unprätentiös, frei von Sozialromantik und auf höchstem literarischen Niveau. Ruffatos Saga des proletarischen Brasilien ist nüchtern, schmerzhaft und kompromisslos.

Die Autoren der Langen Nacht:

Michi Strausfeld, Hispanistin/Anglistin/Romanistin, promovierte über García Márquez und den neuen Roman Lateinamerikas. Von 1974 bis 2008 baute sie für den Suhrkamp Verlag das Spanisch-Lateinamerikanische Programm auf, in Spanien seit 1976 ein Kinder- und Jugendbuchprogramm (Alfaguara/Siruela). Herausgeberin zahlreicher Anthologien und Materialienbänden, unter anderem "Cubanísimo" (2000). Sie lebt in Berlin und Barcelona.

die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik
Bd.251
"In so einem Augenblick ist alles möglich ..."

Ein Spaziergang durch die Literatur Brasiliens.
58. Jahrgang.
Herausgeber: Krätzer, Jürgen. Mitarbeit: Morawietz, Kurt; Tammen, Johann P.
Zusammengestellt von Strausfeld, Michi. 2013 Wallstein

Wenn wir in Deutschland lateinamerikanische Literatur lesen, dann ist das nicht zuletzt einer Person zu danken, die seit 1974 dreißig Jahre lang im Suhrkamp Verlag, seit Neuerem im S. Fischer Verlag Millionen Lesern den magischen Realismus nahebrachte: Michi Strausfeld.

Aus Anlass des Messeschwerpunkts Brasilien hat sie nun für die "horen" eine Ausgabe zusammengestellt, die die Literatur Brasiliens präsentiert, und zwar die "Klassiker" dieser Literatur ebenso wie die "lebenden Klassiker" und die ganz neuen interessanten Stimmen der jüngeren Autoren. Und was diese Horenausgabe 251 zusätzlich zu einer ganz einzigartigen Zusammenschau macht, die so nur zustande kommen konnte, weil eben Michi Strausfeld mit ihren exzellenten Kontakten und Kenntnissen vor Ort sie besorgt hat: Sämtliche Texte sind für diese Ausgabe erstmals in Deutsche übersetzt worden. Wer einen kompetenten Überblick über die brasilianische Literatur in der Geschichte und der Gegenwart bekommen möchte, muss diesen Band lesen.

Michi Strausfeld (Hrsg.): Dunkle Tiger
Lyrik aus Lateinamerika
2012 S. FISCHER

Lateinamerika ist eine Erfindung: eine Gemengelage widersprüchlichster Realitäten und verschiedenster Kulturen. Kein Wunder also, dass es der Kontinent der Poesie ist: von dem eleganten Kosmopoliten Borges zu Nerudas emphatischem Engagement und den weiten Bögen von den Inkas zu Pessoa bei Octavio Paz.

Doch die Gründungsväter sind lange tot, die Nobelpreise vergeben. In "Dunkle Tiger" begegnen wir ihren Söhnen, die sich in brennenden Labyrinthen zurechtfinden mussten: in einer Welt verschwindender Menschen, in der ganze Völker zu Geiseln fanatischer Generäle wurden, in explodierenden Städten und verarmenden Landschaften. Ihre Antwort war eine spanischsprachige Poesie, deren Zerbrechlichkeit und Zärtlichkeit sie in Gedichte ummünzten, die einen ganzen Kontinent begeisterten.


Michi Strausfeld (Hrsg.): Schiffe aus Feuer
36 Geschichten aus Lateinamerika
2010 S. FISCHER.

36 Schiffe in Flammen - das sind 36 Geschichten aus Lateinamerika, von Feuerland bis Mexiko, von Santiago de Chile bis in die Bronx. Die hispanoamerikanische Literatur sprengt längst alle Grenzen und Klischees: Der vielbeschworene magische Realismus ist ihr ein alter Hut, die normierte Literatur ein Graus, und ihre Helden heißen Borges und Bolaño.

In 36 Geschichten präsentieren uns Autoren, wie die Literatur ihres Kontinents in den nächsten Jahren aussehen wird. Die intensive Vielfalt ihrer Themen zeigt uns, wie der Alltag in Lateinamerika heute wahrgenommen wird. Politisches Engagement ist ihnen kein intellektueller Luxus, sondern eine Notwendigkeit, Freiheit keine Sache der Meinung, sondern eine Frage des Überlebens.

Kersten Knipp, geb. 1966, Journalist und Publizist mit dem Schwerpunkt Brasilien

Kersten Knipp: Das ewige Versprechen
Eine Kulturgeschichte Brasiliens
Suhrkamp 2013

Brasilien boomt. Lange als Land der Zukunft beschworen, muss man mit Blick auf heutige Verhältnisse sagen: Die Zukunft ist jetzt! Das ewige Versprechen wirft einen lebhaften Blick auf die schillernde und faszinierende Vielfalt der brasilianischen Kultur, von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Ob in Musik, Malerei, Mode oder Architektur – Brasilien war immer schon stilprägend. Kersten Knipp geht der vitalen Geschichte dieser Kultur nach, deren Ausdrucks- und Strahlkraft gewaltiger ist denn je. Was also ist Brasilien, und wer sind die Brasilianer? Wie wurde Brasilien zu einem solchen Erfolgsmodell? Welche Verheißungen und Ideale halten bis heute ein so vielgestaltiges Land zusammen? Anekdotenreich, in großen und kleinen Geschichten erzählt Kersten Knipp von einem Land, das sein "ewiges Versprechen" einzulösen begonnen hat.

Die Musik während der Langen Nacht der brasilianischen Literatur : Gosto Delicado

Begeistert von der immensen Vielfalt brasilianischer Musikstile, nimmt Gosto Delicado Sie mit auf eine sehr persönliche Entdeckungsreise durch Raum und Zeit. Mit Hingabe folgen die vier Musiker ihrer Intuition und Leidenschaft: von den gepflegten Tanzsalons des Choros zu den Hügeln der Favelas, wo die heisse Luft zum Samba vibriert, vorbei an Bossa Nova- trunkenen Nachtclubs von Ipanema und den großen Bühnen der MPB...

Das zweite Album der Gruppe, erwartet Anfang 2014, widmet sich der neuen Städtepartnerschaft zwischen Rio de Janeiro und Köln.

Lange Nacht

Eine Lange Nacht über Natalia Ginzburg Stimmen des Abends
Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg am 9.11.1989. Sie wurde am 14.7.1916 in Palermo geboren und starb am 8.10.1991 in Rom. | (dpa / picture alliance / ansa Ianni)

So subtil wie psychologisch genau - und nicht ohne Witz - beschrieb Natalia Ginzburg (1916 - 1991), was zwischen Menschen geschieht, die sich nahe stehen. Ihre Erzählungen und Romane berichten vom Mussolini-Faschismus, vom Krieg und vom Winter in den Abruzzen, wohin die junge Mutter zweier Kinder ihrem Mann in die Verbannung folgte. Mehr

Eine Lange Nacht über den Monte VeritàJungbrunnen für Entrückte
Die undatierte Aufnahme zeigt das Bild "Blick von Certenago" des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse aus dem Jahr 1927. (picture alliance / dpa / Museum im Kulturspeicher Würzburg)

Angeführt von Henri Oedenkoven, einem zivilisationsmüden Industriellensohn aus Antwerpen, war im Jahr 1900 eine Handvoll Aussteiger ins Tessin gezogen. Sie wollten sich dort den Traum vom selbstgeschaffenen Paradies erfüllen, kauften sich einen verwilderten Hügel über Ascona und machten ihn zu ihrem 'Berg der Wahrheit', Monte Verità. Mehr

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