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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.11.2007

Das kollektive Altersheim

Von Konrad Adam

Oskar Lafontaine, Parteivorsitzender "Die Linke" (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Oskar Lafontaine, Parteivorsitzender "Die Linke" (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der erbitterte Streit um die Frage, wie lange und in welcher Höhe älteren Leuten Arbeitslosen-Unterstützung gezahlt werden soll, spaltet die SPD. Und nicht nur die SPD; der Riss geht auch durch die andere der beiden großen Volksparteien, die CDU, und damit mitten durch die Koalition.

Wie das Gerangel ausgeht, ist kaum zweifelhaft, denn die Becks und die Rüttgers spielen sich als soziale Wohltäter auf. Und weil das Soziale in Deutschland zwar keinen bestimmten, aber einen durchweg guten Ruf genießt, dürfen sich alle Sozialpolitiker in der Gewissheit sonnen, die Mehrheit der Wähler hinter sich zu habe. Was wollen sie mehr?

Als Politiker gewiss nichts; nur als Wähler hat man noch etwas höhere Ansprüche. Etliche Untersuchungen haben ja bestätigt, was man aus der Erfahrung ohnehin schon zu wissen glaubt: dass die Bereitschaft, der Arbeitslosigkeit zu entkommen und eine ordentliche Erwerbstätigkeit aufzunehmen, immer dann drastisch zunimmt, wenn das Arbeitslosengeld ausläuft. Wird es 12 Monate lang gezahlt, bemüht man sich nach 12 Monaten um einen neuen Job; wird es, wie von Norbert Blüm seinerzeit durchgesetzt, 32 Monate lang gewährt, beginnt man erst nach 32 Monaten mit der Suche. Das ist zwar nicht vorbildlich, aber doch menschlich; und deshalb auch verständlich.

Münteferings Widerspruch gegen die von Rüttgers aufgebrachte und von Kurt Beck aufgegriffene Idee, Höhe und Dauer des Arbeitslosengeldes an das Alter des Begünstigten und seine Beitragsleistung zu koppeln, ist also wohlbegründet. Der Vorstoß wird die Chancen von Älteren, eine Arbeit zu finden und nicht länger der Gemeinschaft auf der Tasche zu liegen, sicher nicht verbessern, sondern verschlechtern. Dennoch wird er sich durchsetzen, weil in einer alternden Gesellschaft wie der deutschen die Politik nur dann Aussicht auf den Zuspruch der Mehrheit hat, wenn sie den Alten schöne Augen macht. Die jungen Leute zählen nicht so sehr; sie sind zum größten Teil nicht wahlberechtigt und deshalb nicht so wichtig.

Erst das Land, dann die Partei heißt es in den Werbebotschaften der großen Parteien. Nichts unwahrscheinlicher, nichts unaufrichtiger als das! Sowohl Rüttgers auch Beck hatten ihre Partei und deren Chance, die Mehrheit zu gewinnen, im Auge, als sie aus der Schröderschen Agenda eines ihrer Kernstücke heraus brachen und das auch noch als Verbesserung ausgaben. Beide orientieren sich nicht an der Zukunft des Landes, sondern an den Vorgaben ihres Konkurrenten Oskar Lafontaine, der Chef einer Rentner-Partei ist. In der vereinigten Linken liegt das Durchschnittsalter der Mitglieder und Wähler noch höher als in den so genannten Volksparteien.

In seiner Eigenschaft als Sachverwalter der älteren Leute hat Lafontaine auch schon das nächste Stichwort ausgegeben, den Kampf gegen die Rente mit 67. Dass in dem kollektiven Altenheim, zu dem die Bundesrepublik sich verwandelt, die jungen Leute die ihnen von den Alten auferlegten Versorgungslasten nur dann tragen können, wenn diese Alten länger arbeiten und dementsprechend weniger Rente beziehen, ist so gut wie unbestritten. Unpopulär ist es aber auch. Den DGB hat Lafontaine deshalb schon längst an seiner Seite. Mal sehen, wie lange Beck und Rüttgers brauchen, um sich Lafontaine bei seinem Feldzug gegen die Rente mit 67 anzuschließen.


Konrad Adam wurde 1942 in Wuppertal geboren. Er studierte Alte Sprachen, Geschichte und Philosophie in Tübingen, München und Kiel. Mehr als 20 Jahre lang war er Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", arbeitete dann für die "Welt", inzwischen wieder für die "FAZ". Sein Interesse gilt vor allem Fragen des Bildungssystems sowie dessen Zusammenhängen mit der Wirtschaft und dem politischen Leben. Als Buch-Autor veröffentlichte er unter anderem "Die Ohnmacht der Macht", "Für Kinder haften die Eltern", "Die Republik dankt ab" sowie "Die deutsche Bildungsmisere. Pisa und die Folgen". Zuletzt erschien: "Die alten Griechen".

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