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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.08.2013

Das kleine Schachgenie

Yoko Ogawa: "Schwimmen mit Elefant", Liebeskind Verlag, München 2013, 320 Seiten

Schach ist in "Schwimmen mit Elefant" gleichbedeutend mit der Vorstellung von Unendlichkeit. (Stock.XCHNG / sanal ozturk)
Schach ist in "Schwimmen mit Elefant" gleichbedeutend mit der Vorstellung von Unendlichkeit. (Stock.XCHNG / sanal ozturk)

Die 51-jährige Yoko Ogawa gehört zu den regelmäßig übersetzten japanischen Autoren. Ihr Markenzeichen sind absonderliche Personen und bizarre Ereignisse, die Atmosphäre ist meist so nüchtern, fast unterkühlt wie der Klub, in dem ihr neuer Romanheld in einem Schachautomaten sitzt.

Dies ist die Geschichte eines ungewöhnlichen Jungen ohne Namen, eines Jungen, der - wie der Blechtrommler Oskar Matzerath - irgendwann aufhört zu wachsen. Er empfindet das Großwerden als Fluch, seit seine erste "Freundin", die Elefantendame Indira, zu dick geworden war, um von der Dachterrasse eines Kaufhauses wieder abtransportiert werden zu können, wo man sie zur Belustigung des Publikums festgekettet hatte.

Der zweite Freund, dem seine Größe, sprich Fettleibigkeit, zum Verhängnis wird, ist ein ehemaliger Busfahrer, der dem siebenjährigen Naturtalent das Schachspielen beibringt; er mästet sich mit Kuchen, bis schließlich das Herz streikt. Der Junge ist elf, als er seinen verehrten Lehrer zum ersten Mal schachmatt setzen kann. Dieser Sonntag bestimmt sein Leben endgültig: Erstens widmet er sich vollständig dem Schach, das ihm im besten Fall wie das unbeschwerte Schweben im Meer gemeinsam mit Indira vorkommt, zweitens hört er in der Tat auf, größer zu werden, "erst als ihm bewusst wurde, dass er klein bleiben würde, wurde er erwachsen."

So kann er auch seine absonderliche Spielhaltung beibehalten. Denn ähnlich wie Oskar Matzerath beschaut er sich die Welt von unten. Nur dass die Welt dieses Jungen lediglich aus einem Spielbrett besteht, das er sich von unten besieht. Um erfolgreich zu sein, kriecht er unter den Spieltisch und dirigiert von dort nach Zugangabe und Gehör seine genialen Partien.

Die dritte im Freundesbunde ist gerade nicht fett, sondern dünn, sie verdankt dieser Zartheit ihr Leben. Es ist ein Mädchen, das in einen Spalt zwischen zwei Häusern kletterte, in dem es stecken blieb und dort als eine Art Schemen weiterexistiert. Der Junge nennt sie Miira (was "Mumie" bedeutet). Sie erscheint eines Tages wirklich auf der Bildfläche und hilft dem Jungen die Schachfiguren zu setzen. Er muss nämlich in einen Automaten kriechen, um als Attraktion eines obskuren Schachklubs sein Leben zu fristen. Als Kleiner Aljechin wird der Automat, in dem unsichtbar der Junge sitzt, im ganzen Land berühmt.

Natürlich will er gewinnen, aber nicht um jeden Preis. Ein Spiel muss schön, elegant und schöpferisch sein, deshalb muss auch der Gegner dazu gebracht werden, schön, elegant und schöpferisch zu spielen. Erst dann kann ein Spiel als genial, als gelungen bezeichnet werden.

Spätestens hier erkennt man, dass Yoko Ogawas Beschreibung von Ziel, Weg und Technik eines Schachspiels im Grunde die Literatur meint. Das Spiel des Jungen will weder den Feind vernichten, noch will es sein Können unter Beweis stellen, es soll "die Figur einfach an den Ort bringen, wohin sie will": Schach ist gleichbedeutend mit der "Vorstellung von Unendlichkeit". Mit diesen Worten skizziert Ogawa, die uns nicht überwältigen oder blenden will, sondern scheinbar kunstlos ihre Figuren bewegt, wohin sie wollen, nichts weniger als ihre Poetik.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefant
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Liebeskind Verlag, München 2013
320 Seiten, 19,80 Euro


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