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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 30.08.2011

Das Katholische Lateinamerika-Hilfswerk

Vor 50 Jahren wurde die Bischöfliche Aktion Adveniat wird gegründet

Von Peter Hertel

Haiti: Ein Junge versucht am Straßenrand Hilfe für seine Familie zu bekommen (adveniat / Jürgen Escher)
Haiti: Ein Junge versucht am Straßenrand Hilfe für seine Familie zu bekommen (adveniat / Jürgen Escher)

Mit einer Kollekte für die katholische Kirche in Lateinamerika begann im Jahr 1961 die Geschichte des Hilfswerks "Adveniat". Die Bischöfliche Kommission für Lateinamerika ist inzwischen einer der wichtigsten Partner der Kirchen auf dem lateinamerikanischen Kontinent und in der Karibik.

Weihnachten 1961. Die Katholiken in der Bundesrepublik sollen für die katholische Kirche in Mittel- und Südamerika spenden. Ergebnis: rund 20 Millionen Mark. Mit diesem überraschenden Erfolg hatte die Deutsche Bischofskonferenz nicht gerechnet, als sie am 30.August 1961 diese Weihnachtskollekte ausrief. Es ist das Jahrzehnt, in dem viele deutsche Christen intensiv den amerikanischen Subkontinent in den Blick nehmen. Ein reger Austausch entsteht. Nach Europa kommt beispielsweise die weltberühmte Kreolische Messe, in der lateinamerikanische und europäische Elemente vereint sind.

Unter dem Titel "Adveniat" wird die erfolgreiche Weihnachts-Sammlung Jahr für Jahr wiederholt. 1969 wird dann das "Bischöfliche Hilfswerk Adveniat" eingerichtet.

Allerdings gab es 1961, als die erste Kollekte stattfand, bereits die bischöfliche Fastenaktion Misereor gegen Krankheit und Hunger und für Gerechtigkeit in der Welt. Aber warum nun ein weiteres Werk und nur für Lateinamerika? Der Essener Bischof Franz Hengsbach, Ideengeber und dann Chef von Adveniat, sagte kurz nach der Gründung:

"Hier geht es darum, dass die Menschen eine innere Mitte aus dem Glauben gewinnen, dass sie bewahrt werden davor, in Aberglauben, in Spiritismus oder gar im Kommunismus abzustürzen."

Vor dem Hintergrund der kubanischen Revolution fürchteten Kirchenführer in Europa, besonders in Deutschland, dass der katholisch geprägte, amerikanische Subkontinent dem Kommunismus anheim falle. Dagegen wollten sie einen Damm errichten. Als dann aber 1968 die lateinamerikanische Bischofsversammlung, die lange eine Stütze der Reichen und der Militärs gewesen war, sich mit den Armen solidarisierte, als die "Theologie der Befreiung" entstand, sahen mehrere deutsche Bischöfe rot. Hengsbach wetterte gar:

Die Theologie der Befreiung führt ins Nichts. In ihrer Konsequenz liegt der Kommunismus.

Als eine Gegenmaßnahme initiierte der Adveniatbischof 1974 einen "Studienkreis Kirche und Befreiung", dem dann prominente deutsche Theologen in einem Memorandum vorwarfen, auf die Spendenvergabe bei Adveniat einzuwirken. Karl Rahner, der wohl bedeutendste deutsche katholische Theologe des 20.Jahrhun-derts, attackierte sogar eine "personelle und organisatorische Verfilzung" zwischen Hengsbachs Arbeitskreis und Adveniat:

"Bei mir waren schon mehrere lateinamerikanische Bischöfe zu Besuch. Aber wenn ich mich deutlicher auf meine Quellen und Gewährsmänner drüben berufen würde, würde ich sie zu sehr gefährden."

Bischof Franz-Josef Overbeck, Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat (adveniat / Nicole Cronauge)Bischof Franz-Josef Overbeck, Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat (adveniat / Nicole Cronauge)Die Theologen kritisierten Hengsbach auch als deutschen Militärbischof, der mit Militärregimen in Südamerika kooperiere. Ihre Kritik hatte Erfolg. Hengsbach legte sein Amt als Militärbischof nieder, in der Essener Adveniat-Geschäftsstelle wurden Konsequenzen gezogen. Heute gilt ein Statut der Bischofskonferenz, das im ersten Artikel festlegt:

Adveniat unterstützt die pastorale Arbeit der katholischen Kirche in Lateinamerika und in der Karibik, insbesondere die Ausbildung und Weiterbildung von Priestern, Diakonen, Ordensleuten und weiteren Mitarbeitern.

Seit 1961 hat Adveniat mehr als 200.000 Projekte unterstützt, die deutschen Katholiken haben ihre Kirche in Lateinamerika mit etwa zwei Milliarden und 300 Millionen Euro gefördert – eine imponierende Bilanz. Gleichwohl reichen die Schatten der ehemaligen ideologischen Konflikte bis in unsere Tage. Als der Essener Oberhirte Franz-Josef Overbeck, der Adveniat-Bischof von heute, kürzlich zum katholischen Militärbischof in Deutschland ernannt wurde, erinnerten mehrere kirchliche Reformgruppen in einer gemeinsamen Stellungnahme an Hengsbachs Rückzug von 1978 und forderten von der Deutschen Bischofskonferenz und Overbeck die Entkoppelung der beiden Ämter.

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