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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.10.2011

Das kapitale Missverständnis

Eine Replik auf die These vom "erotischen Kapital"

von Gerhard Amendt

Schaufensterpuppen - der Körper als Kapital? (Stock.XCHNG)
Schaufensterpuppen - der Körper als Kapital? (Stock.XCHNG)

Wenn Frauen erfolgreich sein wollen, sollten sie ihr "erotisches Kapital" einsetzen. Mit dieser gewagten These macht die britische Soziologin Catherine Hakim von sich reden. Gerhard Amendt warnt vor diesem Konzept, weil es die Intimität von Liebesbeziehungen den Gesetzen der Ökonomie unterwerfe.

Mädchen und Frauen haben etwas, worum viele Jungen und Männer sie beneiden. Sie werden in Berufen, Schulen und Universitäten in einer Weise gefördert, die Männer nicht kennen. Das soll Frauen in die Berufswelt holen, wo sie dringend gebraucht werden. Das würde ihnen die gut bezahlten Berufe und den Weg nach ganz oben eröffnen, so die Hoffnung. Der Haken daran ist, dass Frauen den Technikberufen trotzdem fernbleiben, was ihren Weg nach oben blockiert.

Aus dieser Misere will die britische Soziologin Catherine Hakim sie befreien. Frauen sollen ihr brachliegendes "erotisches Kapital" zweckgebunden verwenden.

Was ist dieses Kapital? Forschung habe unzählige Beweise geliefert, dass Frauen seltener als Männer Sexualität begehrten. Diese wollen immer nur das Eine zu jeder Zeit, variantenreicher, fremdgehender und bis ins hohe Alter; Frauen hingegen wollen das alles nur eingeschränkt. Sex, den Männer ständig begehrten, den sollten Frauen aber nicht verweigern, sondern gegen Vorteile verhökern, meint nun Catherine Hakim. Gefühle von Unlust oder von Gewaltsamem seien da nur hinderlich. Was immer sie wollen, sie sollen vaginalen Zutritt gegen Geschenke und Bevorzugungen durch Lehrer, Professoren und Arbeitgeber tauschen.

Und so wird deutlich: Was als Erotik ausgegeben, ist rasch mit Sexualität gleichgesetzt. Frauen sollen durch sexuelle Gunst sich nach oben schlafen. Das gab es schon früher, doch da geschah es zumeist klammheimlich. Im Neuen Manifest für Frauen hingegen wird es als Befreiung gepriesen. Und weil die Begehrensdifferenz nie erlösche, könnten alle Frauen ihre Zukunft darauf bauen.

Eine der Lehren daraus? Im Leben von Töchtern kommt es nicht nur auf Bildung an, sondern ebenso auf Kosmetik, Botox wie chirurgischer Aufbesserung von Brüsten und Vagina. Denn nur wer sein Kapital pflege, kann Zinsen erwarten. Und darin erschöpfe die Heilswirkung von Prostitution sich keineswegs. Denn Frauen, die durch sexuelle Dienste verdienen, würde unverbrüchliches Selbstvertrauen - vergleichbar Spitzenverdienern - daraus erwachsen. So steht es im Neuen Manifest für Frauen von Catherine Hakim, einer ehemaligen Dozentin der renommierten "London School of Economics and Political Science".

Obwohl in jungen Jahren eine glühende Feministin, hat sie das Klischee von Frauen als Opfern von Männern abgelehnt. Stattdessen beschwor sie die Handlungsfähigkeit von Frauen. Allerdings sie hat die abgelehnte Opferrolle nur durch eine gänzlich unentrinnbare ersetzt. Denn mit der Vagina als entscheidendem Schlüssel zum Aufstieg schreibt sie das Schicksal von Frauen auf Erotik und Sexualakt fest. Sie raubt ihnen den zweifelsfreien Genuss jener Erfahrung, mit Männern professionell und intellektuell sich messen zu können.

Denn auf Anerkennung durch Leistung pochte nicht nur die Frauenbewegung, sondern die bürgerliche Gesellschaft. Deshalb forderte die Frauenbewegung, dass der Körper der Frau gehöre, sonst niemandem.

Darüber hinaus unterwirft Catherine Hakim die sexuelle Intimität von Liebesbeziehungen den Gesetzen der Ökonomie, was eines der letzten Refugien des Privaten zerstört. So prägt ihr Manifest nicht nur eine tiefe Frauenverachtung und Feindseligkeit gegen die Frauenbewegung. Es ist ein Aufruf, die Beziehungen von Männern und Frauen dem Modus der Prostitution anzuähneln.

Und das betrifft unser aller Leben. Oder würde Catherine Hakim das auch ihren Töchtern empfehlen, und ihre Söhne dazu anhalten, das erotische Kapital von Frauen zu honorieren?

Der Soziologe Gerhard Amendt (privat)Gerhard Amendt (privat)Gerhard Amendt, Jahrgang 1939, ist Soziologe und emeritierter Professor am Institut für Generationen und Geschlechterforschung, das er an der Universität Bremen gegründet hat. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Vätererforschung. Amendt hat die Gründung des Bremer Frauenhauses ermöglicht und die erste Abtreibungsklinik in Bremen initiiert. Zu seinen Büchern zählen unter anderem "Wie Mütter ihre Söhne sehen", "Vatersehnsucht" und zuletzt "Scheidungsväter". Inzwischen widmet er sich besonders der Väterforschung und kritisiert die feministische Geschlechterdebatte, weil sie Männer und Frauen gegeneinander ausspielt, anstatt ihre Konflikte einer gemeinsamen Lösung zuzuführen.

Politisches Feuilleton

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