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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.12.2010

"Das ist schon eine sehr starke Geschichte"

Hauptdarsteller Lambert Wilson zum Film "Von Menschen und Göttern" über getötete Mönche in Algerien

Von Jörg Taszman

"Von Menschen und Göttern", die Geschichte von Trappistenmönchen in Frankreich, die 1996 während des algerischen Bürgerkrieges unter ungeklärten Umständen ermordet wurden, gehörte in diesem Kinojahr zu den großen Überraschungen. In Cannes wurde der Film gefeiert und auch im Kino in Frankreich war er einer der größten Erfolge des Jahres.

Algerien, Mitte der 90er-Jahre. Zwischen radikalen Islamisten und dem autoritären, algerischen Staat tobt ein Bürgerkrieg. Längst hat dieser blutige Konflikt auch die Stadt Tibhirine erreicht, in dem seit langer Zeit im Kloster Notre-Dame de l'Atlas französische Trappisten-Mönche ihrem Glauben nach gehen, aber auch für die örtliche Bevölkerung da sind.

Die Mönche geraten zwischen die Fronten und lassen sich nicht vereinnahmen. Sie bleiben trotz aller Bedrohungen stark in ihrem Glauben. Regisseur Xavier Beauvois respektiert den Alltag der Mönche und setzt ihn in schlichten, aber beeindruckenden Cinemascope-Bildern in Szene. Dabei kann er sich vor allem auf seine Schauspieler verlassen. Die Hauptrolle des Christian spielt der seit Jahrzehnten in Frankreich populäre Lambert Wilson. Zunächst zögerte er, diese Rolle anzunehmen.

"Ich fand die Idee schon interessant, weil in Frankreich 1996 zu der Zeit, wo die Mönche entführt und später geköpft wurden, hatte das die französische Gesellschaft schon sehr mitgenommen. Also dachte ich mir, das ist schon eine sehr starke Geschichte, aber das erste Drehbuch war einfach nicht gut. Es war sehr konventionell mit Rückblenden für jeden der Mönche. Dann kam Xavier Beauvois als Regisseur zu dem Projekt und ich sagte mir, das ist großartig, weil ich seine Arbeit sehr schätze. Und von dem Moment an, wo er bei diesem Abenteuer mit dabei war, wurde alles sehr aufregend."

"Von Menschen und Göttern" schildert den Alltag der Mönche und nimmt seine Figuren ernst, ohne sie zu heroisieren. So wollen die Mönche keine Märtyrer sein. Offen wird darüber diskutiert, ob man das Kloster verlassen oder ausharren soll. Der sich autoritär gebärdende Christian wird von den Anderen gebremst, als er versucht, alleine Entscheidungen zu treffen.

Gerade die offene Meinungsäußerung in der Gruppe, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden auch gegenüber dem Islam werden in diesem Film propagiert. Damit hat diese Geschichte etwas Zeitloses und Allgemeingültiges. In Frankreich sahen den Film bereits über 2,8 Millionen Zuschauer. Das ist durchaus eine kleine Sensation, findet auch Lambert Wilson.

"Man hat das Gefühl, dass man von uns verlangt, Angst vor den Anderen zu haben. In diesem Sinne ist der Film wirklich stark, und das erklärt auch den großen Erfolg des Films in Frankreich. Man zeigt uns Menschen, die sagen: Habt keine Angst voreinander. Es stimmt, dass wir es derzeit in Frankreich mit einer Staatsmacht zu tun haben, die am liebsten die sozialen und kulturellen Gruppen und Eliten voneinander trennen möchte, um dadurch besser herrschen zu können. Wir leben in einem Klima des Misstrauens. Die Werte dieses Films erklären seinen riesigen Erfolg, der so nicht vorhersehbar war. Es handelt sich ja um einen Autorenfilm über Mönche mit Werten wie Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe, die aber eigentlich selbstverständlich sind."

In Algerien konnte "Von Menschen und Göttern" weder gedreht noch gezeigt werden. Zu undurchsichtig ist bis heute die Rolle des algerischen Militärs, das entweder nicht genug gegen die Entführung der Mönche unternahm, vielleicht aber auch in einer überhasteten Befreiungsaktion die Kidnapper und die Mönche tötete. So wirft der Film viele kluge politische, weltliche wie religiöse Fragen auf, auch nach dem Glauben allgemein. Das ist ein Verdienst des Regisseurs und des Castings.

Lambert Wilson: "Der Regisseur hat uns alle deshalb ausgewählt, weil er instinktiv spürte, dass wir dem Material gegenüber nicht zynisch sind. Selbst wenn wir eine unterschiedliche Haltung zum Glauben einnehmen, war klar, dass wir uns über das Thema nicht mokieren. Es gab unter uns sehr gläubige Schauspieler wie Michael Londsdale, aber die meisten von uns sind nicht sehr religiös. Ich habe meinen Glauben, mag aber nicht wirklich darüber reden. Das ist mir zu privat. Ich denke aber, Xavier Beauvois ist es gelungen, Schauspieler zu finden, die fast naiv und unbedarft an dieses Thema heran gehen."

In der wohl schönsten und eindringlichsten Szene des Films sitzen die Mönche versammelt an einem Tisch und hören "Schwanensee" von Tschaikowski. Die Kamera schwenkt langsam über ihre Gesichter, zeigt zunächst innigen Ernst, dann Freude, die Bejahung des Lebens. Es ist ein magischer Kinomoment.

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