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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.05.2011

"Das ist nicht das Ende des internationalen Terrorismus"

Sicherheitsexperte hat Zweifel, ob der Tod Osama bin Ladens zu einer Schwächung von Al-Kaida führt

Wolfgang Ischinger im Gespräch mit Christopher Ricke

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Wolfgang Ischinger, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz und ehemalige deutsche Botschafter in Washington, rechnet nach dem Tod Osama bin Ladens mit terroristischen Vergeltungsschlägen gegen die USA und Pakistan.

Christopher Ricke: Wolfgang Ischinger ist der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, der Diplomat war, unter anderem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und deutscher Botschafter in den USA, ist also ein Mann, der die US-amerikanische Seele gut versteht. Guten Morgen, Herr Ischinger!

Wolfgang Ischinger: Guten Morgen!

Christopher Ricke: Was geht denn in dieser US-amerikanischen Seele in diesen Minuten nach Ihrer Einschätzung vor?

Ischinger: Für mich ist das deshalb auch ein besonders bewegender Moment, weil diese Figur Osama bin Laden und mit ihr der Terroranschlag vom 11. September 2001 natürlich nicht nur ganz Amerika in der vergangenen Dekade geprägt hat, sondern es hat auch ganz stark meine eigene Dienstzeit als deutscher Botschafter in Washington geprägt. 09/11 war mein erster richtiger Arbeitstag in USA und alles, was dann passierte in den Folgejahren, lässt sich ja im Grunde davon ableiten. Also ich denke, das ist deswegen nicht nur für alle Amerikaner ein Tag hoffentlich einer gewissen Erleichterung, einer gewissen Genugtuung, hoffentlich nicht ein Tag der Rache, aber ein wichtiger Tag, ich denke, vor allen Dingen auch für die zahlreichen Opferfamilien, die immer noch trauern wegen der Tausenden von zivilen Opfern, die an diesem Tag damals im September 2001 in New York und in Washington ihr Leben verloren.

Christopher Ricke: Ein Tag der Rache soll und darf es nicht werden, das hat, glaube ich, US-Präsident Obama auch ausgedrückt, als er ganz klar gesagt hat, wir kämpfen gegen den Terrorismus, wir kämpfen nicht gegen den Islam. Das ist einmal ein Signal, das natürlich sich an die islamische Welt richtet, aber auch vielleicht ein Signal an die eigene US-Bevölkerung. Wie verstehen Sie diese Aussage?

Ischinger: Ich finde, das ist außerordentlich wichtig, dass er das gesagt hat, denn es ist leicht vorherzusehen – und das war ja auch in der Vergangenheit schon so –, dass natürlich, salopp gesprochen, die Volksseele leicht zum Kochen gebracht werden kann und Gedanken der Rache, Gedanken der Vernichtung sind dann nicht entfernt. Es ist wichtig für die USA, für das Ansehen des Westens, für die Rolle und die Identität des Westens, dass wir eben nicht einen Krieg mit dem Ziel der Vernichtung führen, dass es nicht um Rache geht, sondern dass es um den gezielten Kampf, die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des internationalen Terrorismus geht. Ich denke, das hat Präsident Obama erfreulicherweise auch klar gesagt. Es geht hier auch darum, die Werte des Westens, die vielbeschworenen Werte des Westens aufrechtzuerhalten und sich nicht auf dieselbe Ebene zu stellen wie diejenigen, die mit verwerflichen, kriminellen Mitteln Tausende von Zivilisten töten oder getötet haben.

Christopher Ricke: Genau vor diesen und ihren Gesinnungsgenossen fürchtet man sich jetzt. Man hat in den US-Botschaften weltweit die Sicherheitsbedingungen hochgefahren, weil man schlichtweg mit Vergeltungsanschlägen rechnet. Wie verändert sich denn die Sicherheitslage durch den Tod dieser Symbolfigur Osama bin Laden, wie verändert sich die Gesamtsituation Ihrer Meinung nach?

Ischinger: Zunächst einmal ist es sicher richtig und wichtig festzustellen, dass mit Osama bin Laden die Ikone, die Symbolfigur des internationalen Terrorismus der letzten zehn Jahre nicht mehr am Leben ist, das ist sicherlich wichtig. Aber ich denke, wenn das eine gewonnene Schlacht sein sollte, die sich da in der vergangenen Nacht abgespielt hat in Pakistan, dann ist das natürlich noch lange nicht der gewonnene Krieg. Das ist nicht das Ende des internationalen Terrorismus, das ist womöglich auch überhaupt nicht das Ende von Al-Kaida, das wird man sehen, ob diese Organisation durch diesen Verlust tatsächlich im Kern geschwächt sein wird, und ich denke, jeder verantwortliche Innenminister, Sicherheitsminister, wird in dieser Lage die Sicherheitsvorkehrungen eher noch einmal verschärfen wollen, weil man natürlich in der Tat nicht ausschließen kann, dass hier Vergeltungsaktionen in der einen oder anderen Weise geplant werden könnten. Aber ich denke, Panik wäre ganz falsch auch in diesem Fall.

Christopher Ricke: Das ist ja das Schwierige, dieses Abwägen zwischen wohlverstandenem Sicherheitsinteresse und der Sorge, eine Panik auszulösen. Aber wie groß und wie dramatisch die Bedrohung ist, haben wir ja gerade erst in diesen Tagen erlebt, als diese Terrorzelle in Nordrhein-Westfalen ausgehoben worden ist. Müssen wir uns in Deutschland nach dem Tod Osama bin Ladens jetzt mehr Sorgen machen als vorher?

Ischinger: Ich denke, das ist ganz schwer abzuwägen, ich will hier mich auch nicht mit einem Urteil vorwagen, das müssen die dafür zuständigen inneren Sicherheitsbehörden abwägen. Ich denke, in Deutschland wird sich durch diesen Vorgang konkret nichts Dramatisches verändern. Unsere Behörden funktionieren ja gut, wie man gesehen hat, gerade in den letzten Tagen an der Verhaftung dieser Gruppe, vor wenigen Jahren an der Verhaftung der sogenannten Sauerland-Gruppe. Also ich denke, die polizeiliche Terroristenbekämpfung, die nachrichtendienstliche Terrorismusbekämpfung in Deutschland funktioniert gut, sie ist international gut vernetzt und eingebunden, aber noch einmal: Der Tod von Osama bin Laden bedeutet nicht das Ende der Terrorismusbekämpfung, bedeutet in keinem Fall, dass wir jetzt aufatmen können und davon ausgehen können, dass der Spuk jetzt etwa vorbei sein sollte. Im Gegenteil, ich rechne tatsächlich eher, dass an der einen oder anderen Stelle – das wird wohl eher nicht in Deutschland der Fall sein, sondern eher an einem anderen Ort, dort, wo vielleicht amerikanische Streitkräfte verwundbar sein könnten an irgendeinem Ort der Welt – dass versucht werden wird, sich an den Amerikanern für dieses Vorgehen zu rächen. Übrigens natürlich auch an der pakistanischen Regierung, die an diesem Vorgehen ja gemeinsam mit den USA beteiligt war.

Christopher Ricke: Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, er war früher deutscher Botschafter in den USA. Vielen Dank, Herr Ischinger!

Ischinger: Danke sehr, danke, auf Wiederhören!

Links auf dradio.de:

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Schulz: Das Terrornetzwerk wird zurückschlagen - SPD-Europaparlamentarier: Tötung von bin Laden wird als Provokation empfunden (DLF)