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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.02.2008

Das heiße Herz der Religion

Peter Sloterdijk: "Gottes Eifer", Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag 2007, 218 Seiten

Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Die Zukunft der Religionen wird bestimmt davon, wie die Auseinandersetzung zwischen den großen monotheistischen Religionen ausgeht: Judentum, Christentum und Islam. Steht der "clash of monotheisms" bevor? Der Philosoph Peter Sloterdijk untersucht unter dem Titel "Gottes Eifer" den Kampf der drei Monotheismen.

Die Sache ist ernst: radioaktives Material ist es, dem die missionarischen Potenziale der Religionen vergleichbar sind, ein Weltkrieg steht bevor, der Kampf um Jerusalem wird das entscheidende Moment. Peter Sloterdijk beginnt seinen Essay mit der Beschreibung von Phänomenen, bei denen der kühlste Philosoph im Angesicht der Religion seine Fassung verliert.

"Die folgenden Ausführungen lassen sich mit einer Operation am offenen Herzen vergleichen – und einer solchen wird sich nur unterziehen, wer Gründe hat, dem Infarkt seiner Überzeugungen vorzubeugen."

Religion will Peter Sloterdijk nicht als ein Mangelphänomen verstehen. Nicht ängstliche Menschen, die sonst nichts haben, bearbeiten so ihre Angst vor der Welt. Nein, Religion ist ein Phänomen des Überschusses, Ein Zuviel an Energie. Sloterdijk will eine Anthropologie der Überreaktion schreiben. Nicht um die sozialtherapeutischen Aspekte geht es ihm, die welterklärenden, sondern um das heiße Herz der Religion. Oder genauer: um das Potenzial der monotheistischen Religion. Denn diese ist es, die ein solches Potenzial entfachen kann und in ihren fundamentalistischen Ausführungen die vernunftgebundenen Nichtgläubigen erschreckt. Wer sich den größten Gott sucht, will damit selber besonders sein. Sloterdijk zeichnet die Entwicklung vom allgemeinen Prinzip einer Verehrung des Höchsten über die Verehrung eines einzigen Gottes zum Monotheismus nach – und zwar parallel für Judentum, Christentum und Islam.

"In dem Moses-Wort: 'Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten' hört man erstmals die Parole jenes Eifers für das Eine und den Einen, dessentwegen die Geschichte des Monotheismus über weite Strecken (namentlich in ihren christlichen und islamischen Redaktionen) als ein Bericht von heiligen Rücksichtslosigkeiten gelesen werden muss. Am Berg Sinai wird eine moralisch neue Qualität des Tötens erfunden: Es dient nun nicht mehr dem Überleben eines Stammes, sondern dem Triumph eines Prinzips."

Monotheismus ist gefährlich, und zwar relativ unabhängig von seiner jeweiligen Ausprägung. Nicht um eine Theologiegeschichte der Religionskriege geht es Sloterdijk, sondern darum, ganz generell die Matrix des Monotheismus aufzuzeigen. In diese Matrix zeichnet er Judentum, Christentum und Islam ein und spielt alle möglichen Konflikte durch: zwischen den Monotheismen und nach außen, gegen Heiden und Atheisten. Sloterdijk betrachtet die monotheistischen Religionen von vorneherein als Konfliktparteien.

"Hatte die monotheistische Verschärfung bei Paulus die Wende vom defensiven zum offensiven Universalismus hervorgerufen, brachte die islamische Verschärfung die Fortbildung des offensiven Universalismus von der missionarischen zur militärisch-politischen Expansionsform mit sich."

Wobei Sloterdijk zugestehen muss: nicht alle Konfliktmöglichkeiten werden geschichtlich auch verwirklicht. Insbesondere das Judentum schöpft sein kämpferisches Potenzial nicht aus. Bei aller notwendigen Kürze und Typisierung: bei der Darstellung des Judentums kommt das Schema denn auch an seine Grenzen. Diesem fehlt zum Beispiel der als grundlegend dargestellte missionarische Impuls. Dennoch lässt sich von Sloterdijks Essay viel über Religionen als vorwärtstreibende, aber auch tendenziell unkontrollierbare Energiequellen ableiten. Gefährlich, so meint er, ist nicht der Kampf der Monotheismen untereinander. Der Clash of monotheisms steht nicht bevor. Gefährlich ist das Prinzip Monotheismus an sich. Denn es macht einen Eifer für die Eindeutigkeit in Ritual und Erzählung überlieferbar, der sich nur einem einzigen Gott verpflichtet weiß. Lösungsmöglichkeiten bietet deswegen nicht der Dialog der Religionen, allerdings auch nicht der Versuch, statt nach dem höchsten Gott nach dem höchsten des Menschen zu streben. Die Hoffnung ist eine ästhetische: blinder Eifer ist – zumindest in der westlichen Massenkultur – auf Dauer nicht mehr attraktiv.

"Den Teilnehmern an ausgereiften Religionskulturen werden die guten Manieren der informellen Mehrwertigkeit so sehr zur zweiten Natur, dass ihnen viele Stellen aus den eigenen sakralen Büchern, aus denen der heilige Furor redet, wie peinliche Archaismen vorkommen. Sie greifen in dieser Verlegenheit zu dem diskret häretischen Verfahren, nur noch die Stellen zu zitieren, die mit den herrschenden Sensibilitäten kompatibel sind. (…) Die Zeit wird kommen, in der sich auch Muslime entschließen, die düsteren Stellen des Koran zu überlesen."

Eine Welt aber, die sich den Herausforderungen der Moderne stellt, da ist sich Sloterdijk ganz sicher, bringt der Monotheismus nicht voran. Auch nicht ein abgeklärter Monotheismus, der den Eifer für Gott längst institutionalisiert hat, so wie er das im liberalen Judentum, in weiten Teilen des Protestantismus, im Reformkatholizismus oder im Islam der Türkei und der westlichen Diaspora festmacht. Wer die Zivilisation erhalten will, braucht demographische Aufklärung, eine Entwicklungspolitik, die Machtstrukturen aufbricht – und eine Kulturwissenschaft, die verstehen hilft, wo sich diese zivilisatorischen Impulse in einer religiösen Sprache äußern.

Rezensiert von Kirsten Dietrich

Peter Sloterdijk: Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag 2007
218 Seiten, 17,80 Euro

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